Jonen

Obwohl sie sich nicht mit Pilzen auskannte, ist Pamela Rösch seit 40 Jahren Pilzkontrolleurin

Pamela Rösch freut sich mit ihrem Enkel Timo, den alle «Köbi» nennen, über die Pilze im Joner Wald.

Heute kennt die 66-jährige Frau aus Jonen so gut wie jeden Pilz am Wegrand. Sie sagt, es habe noch nie so viele Vergiftungen gegeben wie in der Zeit der Pilz-Apps.

«Das ist ein Fuchsiger Rötelritterling», sagt Pamela Rösch und hält einen Pilz in die Höhe, den sie am Rand des Parkplatzes bei der Waldhütte Jonen gepflückt hat. «Früher hat man den gegessen, aber dann hatten so viele Leute Bauchweh davon, dass man ihn von der Speisepilzliste entfernt hat.»

Sie geht kaum einen Schritt weiter, dreht einen anderen Pilz aus dem Boden und erklärt: «Der hier ist der Lästige Ritterling. Den isst man ganz sicher nicht, der stinkt.» Sie lacht, während ihr Enkel Timo, genannt «Köbi», um sie herumtollt.

«Oh, dieser hübsche Kerl hier ist vermutlich ein Glimmer-Tintling.» Noch immer ist sie keinen Meter vom Parkplatz weg. «Solche Pilze bringen die Leute natürlich nicht zur Kontrolle, man sieht sie kaum und sie sind ungeniessbar. Aber für mich sind alle gleich interessant. Ich habe einfach eine unsagbare Neugier.»

Pamela Rösch ist seit 40 Jahren Pilzkontrolleurin in Jonen. Hier zeigt sie ein paar Pilze im Joner Wald

Pamela Rösch ist seit 40 Jahren Pilzkontrolleurin in Jonen. Hier zeigt sie ein paar Pilze im Joner Wald

Die neue Kontrolleurin hatte noch keine Ahnung

Diese Neugier bewog Rösch vor 40 Jahren dazu, Pilzexpertin in Jonen zu werden. Obwohl sie keine Ahnung von Pilzen hatte. Klingt unvernünftig? Ganz so dramatisch war es nicht. Die gebürtige Amerikanerin kam im Alter von zehn Jahren mit ihrer Familie in die Schweiz, das Heimatland ihrer Mutter. «Anfangs gefiel es mir überhaupt nicht, aber ich habe mich daran gewöhnt», sagt sie in perfektem Schweizerdeutsch.

«Köbi, this might be a Gurkenschnitzling», ruft sie ihrem Enkel zu. Lachend fügt sie hinzu: «Wenn ich mit Kindern oder Tieren rede, kommt es einfach auf Englisch heraus.»
Nach der Schule hat sie Musik studiert, jedoch nicht abgeschlossen, besuchte die Handelsschule und arbeitete als Sekretärin am zahnärztlichen Institut in Zürich. «Mein damaliger Chef organisierte einen Teamausflug ‹i d’Schwümm›», erinnert sie sich. «Da hat es mich gepackt.»

«Würde man einen solchen Pilz auch in der Migros kaufen?»

Als sie mit ihrem Mann vor 40 Jahren das Haus in Jonen kaufte, wurde ein Pilzkontrolleur gesucht. «Der vorherige war der Dorflehrer, der war zu alt geworden. Also habe ich mich bei der Gemeinde gemeldet, sagte aber, dass jeder, der sich mit Pilzen auskennt, vor mir genommen werden sollte. Aber die meinten, ich solle das machen, im Herbst könne ich gleich einen Kurs besuchen und danach anfangen», erinnert sich Pamela Rösch grinsend, während sie weiter von einem Pilz zum nächsten spaziert und bei jedem zeigt, was seine Eigenschaften sind.

«Der hier riecht nach Rettich. Beim Pilzesammeln sollte man immer auch seine Nase verwenden. Und gesunden Menschenverstand», sagt sie und schüttelt den Kopf. «Wenn man den häufiger verwenden würde, würde man nicht kleinste Pilze oder alte, längst überreife einpacken. Man muss sich nur fragen, ob man die auch in der Migros kaufen würde.»

Kennt sie einen Pilz nicht, nimmt sie ihn mit oder schickt ihn ein

Nachdem sie vor 40 Jahren den Kurs mit einer Prüfung bestanden hatte, war sie offizielle Pilzkontrolleurin von Jonen. «Aber ich fand, ich wisse noch überhaupt nichts. Aus Angst, Fehler zu machen, habe ich damals noch viel zu viele vermutlich geniessbare Pilze auf den Kompost gebracht», erinnert sie sich lachend.

«Also bin ich jede Woche zu den Bestimmungsabenden im Pilzverein Bremgarten gegangen und habe Fragen gestellt.» Später trat sie den viel grösseren Pilzvereinen Zug und Zürich bei, denen sie heute noch angehört. «In Zug gehe ich während der Pilzsaison jeden Montag zum Treffen, wo wir die Pilze besprechen. Zürich dagegen hat sehr viele wissenschaftliche Kurse ausserhalb der Saison, das finde ich hoch spannend.» Zuletzt hat sie eine Weiterbildung zur DNS-Sequenzierung gemacht.

«Ich habe immer Alufolie, eine Box und ein Messer in meinem Rucksack. Da packe ich unbekannte oder interessante Pilze separat ein, um sie daheim unter dem Mikroskop zu untersuchen. Die meisten kann ich dann selber zuordnen. Den Rest zeige ich den Experten der Pilzvereine. Können auch die sie nicht lupenrein zuordnen, was bei den allerwenigsten der Fall ist, schicke ich sie zur DNS-Sequenzierung. Das kostete früher 500 Franken pro Pilz, heute noch 15 Franken.»

Ihr macht es Spass, den Kreislauf der Natur immer ein Stückchen besser zu verstehen. «Aber ich weiss auch nach 40 Jahren noch wenig», ist ihr bewusst.

Es gab noch nie so viele Vergiftungen wie seit den Apps

In all den Jahren hat sie viel erlebt. Rösch erinnert sich: «Ein Junge kam mit einem sehr schönen Pilz. Er war sicher, dass der noch nicht klassifiziert war und seinen Namen bekommen würde. Leider fand ich heraus, dass es ein brauner Filzporling war. Der Junge war sehr enttäuscht.»

Immer wieder springt ihr 5-jähriger Enkel herum und bringt neue Pilze, die sie bestimmt. Auf einmal packt die 66-Jährige den lachenden Köbi an den Händen und wirbelt ihn herum. Den beiden macht es sichtlich Spass.

Ist sie viel mit ihren bald vier Enkeln im Wald? «Aber sicher. Ich bin Profi-Grosi. Der Wald ist für uns der beste Ort.» Und was würde sie Pilzesammlern raten? «Treten Sie einem Pilzverein bei und lernen Sie erst etwas über die Pilze. Apps sind okay, aber suchen Sie drei, vier Pilzarten und kommen sie damit zur Kontrolle. Es gab noch nie so viele Vergiftungen, wie seit es die Pilz-Apps gibt.»

Wer sich auch spezielle Pilze einmal aus der Nähe anschauen möchte, kann dies an der Jubiläumsausstellung des Pilzverbands VSVP am 12./13. Oktober in Mellingen tun.

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