Ein T-Shirt für 15 oder 20 Franken? Keiner macht sich Gedanken darüber, sondern kauft, wenn es gefällt. Oder doch? Das Museum zwischen Pflug und Korn in Muri geht weiter. Mit der 5. Sonderausstellung zeigt es auf, was es früher brauchte, um überhaupt zu einem Hemd zu kommen. Dafür wächst jetzt auf einer Fläche von rund 50 Quadratmetern Flachs. Ergibt das ein ganzes Hemd aus dem eigenen Garten? «Nicht ganz», lächelt Simone Hunziker, Weberin und Bäuerin aus Othmarsingen. Sie ist mit ihrem Webstuhl Teil der Ausstellung. Vor allem wird klar: In einem Hemd steckte viel, sehr viel Arbeit. «Es sind an die 20 Arbeitsgänge, bis jemand das Kleidungsstück anziehen kann», macht Ueli Ineichen, Präsident des Museums, deutlich.

Flachs verlangt nach viel Sonne, erklärt Edi Strebel. Er pflegt die zarten Pflänzlein im Museumsgarten, der optimal besonnt ist. Dazu betreut er eine Fläche mit «Färberwaid», einer Pflanze, mit der gewobener Stoff bleibend blau gefärbt werden kann. Nach rund 100 Tagen ist der Flachs ausgewachsen. Aber er wird nicht geschnitten, sondern ausgerissen, um alle wertvollen Fasern mitzunehmen. Nach dem Trocknen folgen das «Riffeln», das «Rotten», das «Rösten» und mit dem Brechen werden alle Holzteile von den Fasern gelöst. Das darauffolgende Hecheln dient auch zur Ausrichtung der Leinfasern, bevor sie zu Garn versponnen werden. «Gute Handspinnerinnen sind in der Lage, etwa sechs Meter Garn pro Stunde zu spinnen. Für ein grobes Herrenhemd werden bis zu 5000 Meter Garn verbraucht», sagt Ineichen. Nach dem Spinnen wird aus dem auf Spulen aufgewickelten Garn auf dem Webstuhl ein Stoff gewoben. «Das Prinzip des Webens ist bis heute gleich geblieben», stellt Hunziker fest, «auch wenn es maschinell geschieht.» Im Museum zwischen Pflug und Korn werden die verschiedenen Schritte aufgezeigt und mit originalen Werkzeugen begleitet. Deutlich wird auch, dass man früher nichts verschwendet hat: Aus den beim Riffeln entfernten Samenkapseln wurde Leinöl gepresst.

In der Sprache geblieben

Zwar ist die Technik von gestern, aber viele Wörter im Zusammenhang mit der Herstellung von Stoff beziehungsweise Kleidungsstücken haben sich, für die meisten unbewusst, bis heute in der Sprache erhalten. Am Stammtisch werden Politiker «durchgehechelt». Nimmt jemand eine Auszeit von der Arbeit, macht er «blau». Grundsätzlich war Spinnen Frauen- und Hausarbeit und nichts für Männer. Unfälle aller Art bei der Feldarbeit liessen damals Männer häufig zu Krüppeln werden. Spinnen aber konnten sie trotzdem noch und damit ihr Brot verdienen. Von daher kommt der Ausdruck: «Der spinnt». Die Tätigkeit entwickelte sich von der Handarbeit zur maschinellen Produktion. 2015 schloss die letzte von weit über 100 Spinnereien in der Schweiz, «Baumwollspinnerei Hermann Bühler», nach 204 Jahren. Aus Kostengründen erfolgt das Spinnen heute in Billiglohnländern der Dritten Welt, was unter anderem erklärt, dass ein T-Shirt nur 20 Franken kostet. Das und vieles mehr wird auch in einer eigens für die Sonderausstellung gedruckten, handlichen, vierfarbig bebilderten Broschüre geschildert.

Eröffnung mit Brunch

Eröffnet wird die Sonderausstellung am 13. Mai im Museum an der Dorfstrasse 15 in Muri zusammen mit dem Bauernhof-Brunch am Muttertag. Dabei wird auch die Spinn- und Webstube von Simone Hunziker in Betrieb sein. Am 23. Juni werden die Nachbarn rund um das Museum zur freien Besichtigung und zu Museumsführungen eingeladen. Weitere Höhepunkte im Museumsjahr werden die Schweizerische Erstaufführung des musikalisch-humorvollen Stücks «Oh Alpenglühn» des Hoftheaters sowie die traditionelle Metzgete zum Saisonabschluss am 27. Oktober sein. Dann wird auch die Spinn- und Webstube letztmals in Betrieb sein.