Villmergen

Nichts für Ungeduldige: Der Bonsai-Baum als Hobby zum Entschleunigen

Edi Koller fräst am Bonsai seiner Kollegin Romy Furrer. Eine Totholzlinie soll die Lärche alt wirken lassen. Fabio Vonarburg

Edi Koller fräst am Bonsai seiner Kollegin Romy Furrer. Eine Totholzlinie soll die Lärche alt wirken lassen. Fabio Vonarburg

Faszination Mini-Format: Die Mitglieder des Vereins Moyogi ziehen aus Wildpflanzen Bonsai-Bäume. Dabei werkeln sie an den kleinen Bäumen herum und gestalten sie nach ihren Visionen. Allerdings braucht es dafür vor allem eines: Viel Zeit.

In ihrer Welt sind Krüppel Schönheiten. Ein Baum, der steckengerade in die Höhe wächst, hat in ihren Töpfen keinen Platz. Bonsaianer suchen Bäume mit Charakter; Bäume, die gezeichnet sind vom Überlebenskampf.

Wo findet man diese? In der Natur, vor allem in der rauen Bergwelt. Diese Findlinge heissen in der Sprache der Bonsaianer Yamadori, was aus dem japanischen übersetzt «in den Bergen sammeln» bedeutet.

Bonsaianer nennen sich die Gärtner von Miniatur-Bäumen. Romy Furrer verwendet die Bezeichnung besonders häufig. Das Mitglied der Bonsai-Gruppe Moyogi Villmergen schaut aufmerksam zu, wie ihr Kollege ihre Lärche mit einer Fräse bearbeitet.

Dabei spicken Stücke der Rinde in alle Richtungen, was deftig aussieht. Edi Koller hält einen Moment inne und setzt die Fräse ab. «In einem Jahr soll es aussehen wie Totholz», erklärt er und zeichnet mit dem Finger nach, wo die Totholzlinie verlaufen soll.

Während heute viele Menschen jung aussehen wollen und dafür einiges auf sich nehmen, gehen Bonsaianer hinsichtlich ihren Pflanzen den umgekehrten Weg: Sie trimmen ihre Bäume auf alt.

Romy Furrer erklärt das Schönheitsideal: «Alte Bäume erzählen eine Geschichte.» Den meisten Moyogi-Mitglieder geht es ähnlich. Einen fertigen Bonsai zu kaufen, hat für sie keinen Reiz. Sie wollen den Baum selber auswählen, selber in den Topf pflanzen und nach ihren Vorstellungen gestalten, bis zur Vollkommenheit.

Wobei: «Ein Bonsai ist niemals fertig», das sagt an diesem Tag praktisch jeder der zehnköpfigen Gruppe, die in der Werkstatt der Zimmerei Koller in Oberlunkhofen an ihren Bäumen arbeiten.

Der 800 Jahre alte Bonsai

Der Bonsai als Lebensprojekt oder noch darüber hinaus. «In Japan wird auch schon ein Bonsai von Generation zu Generation weitergegeben», erzählt Hans Blindenbacher, der Präsident der Bonseigruppe Moyogi.

Bei richtiger Pflege können Bonsais mehrere hundert Jahre alt werden. In einem Museum in Tokio steht ein Wacholder, der bereits seit 800 Jahren gepflegt wird. Die Bäume der Freiämter-Gruppe sind vergleichsweise Säuglinge.

Die wenigsten ihrer Bäume sind seit über 20 Jahren in ihren Schalen. Furrer hat ihre Lärche noch nicht lange. Zuvor war ihr Lebensraum am Flüelapass in Davos. Die Pflanze habe sie nicht ihrem Lebensraum entrissen, sondern gerettet.

Bereits vor drei Jahren sah sie den Baumstrumpf, herausgerissen aus dem Erdreich lag er am Wegrand. «Ein anderer Bonsaianer hat sie wohl ausgegraben und dann doch liegen lassen», berichtet Furrer. Damals nahm sie die Lärche noch nicht mit, doch sie blieb in ihrem Gedächtnis haften.

Als sie zwei Jahre später wieder an dieser Stelle vorbei lief, lag sie noch immer da. Diesmal nahm sie sie mit. «Dass sie überlebt hat, zeigt, wie zäh sie das Bäumchen mit.» Der Kampf hat sich für die Lärche gelohnt. Sie spriesst im Topf, wird gehegt, gepflegt und verschönert.

Dazu gehört die Tortur des Fräsens. Wie sie einmal aussehen soll, hat Romy Furrer im Kopf. Doch bis die Lärche ihren Wunschvorstellungen entspricht, vergehen noch Jahre.

Bonsianer sind geduldige Menschen. «Bis man sieht, was wir heute gemacht haben, vergehen Monate», sagt Blindenbacher. «In der heutigen Zeit tut dies gut. Es entschleunigt.»

Thomas Notter, Gärtner und technische Gestalter der Gruppe, hat sich auf Bonsai-Bäume spezialisiert. Für Ungeduldige hat Notter null Verständnis: «Einen 60 Jahre alten Baum in einem Jahr komplett verändern zu wollen, geht für mich nicht auf.»

Schrittchen für Schrittchen heisst die Devise in dieser Gärtnereikunst. Unter der Anweisung von Notter zupfen, schneiden und drahten die Moyogi-Mitglieder an ihren Bäumen. Das Drahten erinnert an Zahnspangen bei Teenagern. Statt die Zähne sollen in diesem Fall die Äste gerichtet werden: die Bonsaianer als botanische Kieferorthopäden.

Der Bonsai hat eine Vorderseite

Wie sieht der perfekte Bonsai aus? Man müsse unterscheiden zwischen der asiatischen und der europäischen Bonsaikunst, führt Hans Blindenbacher aus. Die Asiaten streben nach Perfektion:

«Hier kommt es an einer Ausstellung häufig vor, dass zehn Bäume genau gleich aussehen, da sie einer definierten Gestaltungsform folgen», erzählt Blindenbacher, «wir hingegen wollen den Charakter des Ursprungsbaums beibehalten und nur korrigierend eingreifen.» Jeder Bonsai hat eine Vor- und Rückseite. Am schönsten solle er von vorne wirken: Ausgeglichen und leicht verneigend in Richtung des Betrachters.

Die 23 Mitgliederstarke Bonsaigruppe Moyogi setzt sich zusammen aus Anfängern, aber auch aus erfahrenen Bonsai-Gestaltern. Beginner hätten die Tendenz, in den frühen Gestaltungsphasen zu wenig von ihren Bonsai abzuschneiden, was sich später auf die gesuchte Form auswirkt, berichtet Blindenbacher.

«Sie trauen sich nicht.» Bonsai ist ein Hobby, das viel Erfahrung verlangt. Blindenbacher verbringt im Sommer jeden Tag rund eine halbe Stunde mit Giessen. Die richtige Pflege braucht Erfahrung.

Das zeigt auch die Anekdote eines Vereinsmitglieds. Er ging in den Urlaub und überliess seinen Bonsai der Schwiegermutter. Diese stellte ihn aufgrund der heissen Temperaturen ins Wasser.

Die gut gemeinte Tat hatte für den Baum gesundheitliche Folgen: Wurzelfäule. «Meine Schwiegermutter darf in Zukunft nicht mehr auf meine Bonsais aufpassen», sagt er. Das gilt für alle Bonsaianer: Ihre Sprösslinge vertrauen sie nicht jedem an. Sie gehören zur Familie.

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