Die Trennung ihrer Eltern beschäftigt Anna* noch immer. Ihre Mutter, die in Mexiko lebt, und ihr Vater, ein Aargauer, kämpfen um das Sorgerecht für die heute Zwölfjährige. Der «Fall Anna» beschäftigte 2015 die ganze Schweiz.

Vor zwei Wochen ist der Vater mit Anna aus Mexiko geflüchtet, wie «Schweiz aktuell» berichtet. Die beiden leben in einer Vierzimmer-Wohnung im Kanton St. Gallen. Anna sagt: «Ich will hier bleiben, ich will hier zur Schule und bei meiner Schweizer Familie sein.» In Mexiko habe sie Angst.

In ihrer Heimat in Mexiko tobt ein Drogenkrieg. «In den letzten Monaten wurde es immer schlimmer», sagt Vater Beni Hess. «Am Schluss war es eine Flucht.»

Rückblende: Im Mai 2015 berichtete die «Rundschau» des Schweizer Fernsehens über die Bremgarter Grossmutter Martina Hess, die mit ihrer Enkelin untergetaucht war, um das Mädchen vor den Behörden zu verstecken.

Der Grund: Die damals neunjährige Anna sollte nach Mexiko zu ihrer Mutter zurückgeführt werden. Die in Mexiko geborene Tochter einer Einheimischen und des Bremgarters Beni Hess hatte nach der Trennung der Eltern bei der Mutter in Zentralamerika gelebt.

Später nahm der Vater seine Tochter Anna für einen Ferienaufenthalt in die Schweiz – und behielt sie bei sich. Die Obhut war zwar der Mutter zugesprochen worden, Beni Hess betonte aber, die Tochter selbst wolle nicht zurück. Die Familie war in Mexiko mittels Schutzgelderpressungen bedroht worden.

Schliesslich wurden Martina Hess und Anna nach einigen Tagen Flucht in Südfrankreich verhaftet und in die Schweiz zurückgebracht. Die Frage der Rückführung kam bis vors Bundesgericht. Zuletzt scheiterten mehrere Vermittlungsversuche zwischen den Eltern und das Aargauer Obergericht entschied, Anna müsse zurückgeführt werden. Nachdem sich das Kind von Vater und Klassenkameraden verabschiedet hatte, flog es mit seiner Mutter nach Mexiko.

«Anna reagierte mit wahnsinniger Angst»: Nachdem sie mit ihrer Enkelin untergetaucht ist, erzählt Martina Hess via Skype von der Verhaftung. (Tele M1, 26.5.2015)

«Anna reagierte mit wahnsinniger Angst»: Nachdem sie mit ihrer Enkelin untergetaucht ist, erzählt Martina Hess via Skype von der Verhaftung. (Tele M1, 26.5.2015)

Martina Hess bereut es nicht, dass sie mit ihrer Enkelin geflüchtet ist. Sie berichtet im Skype-Interview über ihre Verhaftung in Frankreich.

Zwei Strafverfahren hängig

Theoretisch wäre danach ein Weiterzug an den Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte nach Strassburg möglich gewesen. Davon sahen Beni Hess und sein Anwalt jedoch ab. Hess sagte damals: «Alles, was wir davon erwarten könnten, wäre eine Rüge für die Schweiz. Aber das würde für mich keinen grossen Unterschied mehr machen. Meine Tochter ist weg.»

Hess reiste seiner Tochter bald nach. Mit seiner neuen Partnerin und einem gemeinsamen Baby lebte er wieder in Mexiko. Rechtsanwalt Silvio Mayer sagte damals zur AZ: «Es ist für ihn die einzige Möglichkeit, nah an seiner Tochter zu sein.» Wie mehrere mit der Sache Vertraute berichten, läuft in Mexiko ein Scheidungsverfahren, in dem es auch um Obhut und Unterbringung von Anna geht. Das Verfahren nach mexikanischem Recht kann sich über Jahre hinziehen. 

Im Aargau sind mit dem Vollzug der Rückführung alle zivilrechtlichen Verfahren abgeschlossen. Hängig sind noch die Strafverfahren gegen Beni Hess und Grossmutter Martina Hess. Dabei wird etwa wegen versuchter Nötigung, Freiheitsberaubung, Entführung und Entziehung von Minderjährigen ermittelt. Beantragt ist eine bedingte Freiheitsstrafe von 20 Monaten. Ein Gerichtstermin steht noch nicht fest.

* Name geändert