Rudolfstetten-Friedlisberg

Neues Heimatbuch zeigt ein Dorf im Strudel der Zeit

Kurt Oggenfuss und seine Frau Maria (Aufnahme von 2014).

Kurt Oggenfuss und seine Frau Maria (Aufnahme von 2014).

Kurt Oggenfuss und weitere Autoren veröffentlichen das lesenswerte Heimatbuch «Mänsche und Gschichte vo Ruedistette-Friedlisberg» , das an alte Zeiten erinnert.

Nostalgiker werden zwar gerne belächelt. Aber wie magisch der 76-jährige Kurt Oggenfuss, früher engagierter Schulpflegepräsident und Präsident der Elektra Rudolfstetten-Friedlisberg, im Buch «Mänsche und Gschichte vo Ruedistette-Friedlisberg» die alten Zeiten in seinem Heimatdorf beschwört, verdient ein dickes Ausrufezeichen. Oggenfuss trug zusammen mit anderen Autorinnen und Autoren lesenswerte Zeitdokumente und Anekdoten zusammen.

Von langer Hand geplant

Schon vor geraumer Zeit habe man die Publikation einer Ortsgeschichte geplant. Aber das Vorhaben sei aus Kostengründen und auch sonst im Sand verlaufen, stellt Oggenfuss im Vorwort fest. Vier Jahre nach der 100-Jahr-Feier der Elektra Rudolfstetten-Friedlisberg liegt das Opus magnum, zeitlich verzögert doch noch vor.

Oggenfuss erschliesst für den geneigten Leser Wald und Fluren, alte Strassennamen, die französische Belagerung im 18. Jahrhundert, Geschichten um Blutgericht, Pest, Hexenwahn und das Leben in einem Dorf, das noch klein und recht unbedeutend war – damals, als Oggenfuss jung war. Akribisch gehen der Herausgeber und die Mitautoren den Spuren einer Dorfgemeinschaft nach, die noch nicht ahnen konnte, dass das Bauerndorf durch den Bevölkerungsdruck in den Sog der Region Zürich geraten und stark wachsen würde.

Menschen stehen im reich illustrierten Buch im Mittelpunkt. Menschen wie Jakob Hüsser (1841–1920), der jahrzehntelang Gemeindeammann war, das Betreibungsamt und das Zivilstandsamt führte, die Flurkommission, die Schulpflege und Steuerkommission präsidierte sowie als Fertigungsaktuar der Gemeinde diente. Ein Ehrenmann mit grossen Verdiensten also.

Und trotzdem geriet Hüsser 1868 in den Verdacht, Geld der Gemeinde veruntreut zu haben. Der übereifrige Bezirksamtmann Weissenbach brockte Hüsser 17 Tage Untersuchungshaft ein, in der er sich «den peinlichsten Verhören» unterziehen musste. Verständnisvoller als der Bezirksamtmann soll, so Hüsser, Gerichtspräsident Nauer reagiert haben. Dieser habe ihn «menschlich, ja liebevoll» behandelt und auf den ersten Blick erkannt, «welchen Gewaltstreich und Justizmord Weissenbach am Verhafteten begangen hat.» Hüsser wurde im Verlauf der Affäre 1880 als Gemeindeammann abgewählt, 1890 rehabilitiert und wiedergewählt.

Zum Aufschwung von Rudolfstetten-Friedlisberg trugen die im 19. Jahrhundert neu erstellte Mutschellenpassstrasse und die 1902 eröffnete elektrische Strassenbahn der BDB, aber auch die Gründung der Elektra bei. Durch die Hauptstrasse floss damals noch der Rummelbach, in dem Oggenfuss und seine Freunde vor vielen Jahren oberhalb des Bündtenwäldlis mit Pickel und Schaufel eine kleine «Badi» einrichteten.

Dieser erfreuten sie sich, bis 1954 in Dietikon die erste Badeanstalt in der Region eröffnet wurde. Die Jugendlichen, unter ihnen auch Oggenfuss, machten sich damals ein Vergnügen daraus, Schnecken einzufangen und sie für 80 Rappen pro Kilo an den «Schneckenhändler» Hubert Wiederkehr zu verkaufen. Der «Schneckenhändler» fuhr damals mit einem grossartigen Amerikanerauto vor.

Auch an die schönen, aber bescheidenen Schulzeiten, als der Lehrer Jakob Stutz (1925-2014) an der Oberstufe das Zepter führte, erinnert sich Oggenfuss offensichtlich gerne. Seit einem Heimattag mit der Lehrerin Gertrud Müller denkt der Herausgeber auch an die alte Mühle im Dorf, die längst nicht mehr in Betrieb steht. Ihr und vielen anderen alten Häusern, Wirtschaften, Kirchen, Kapellen und Wegkreuzen, aber auch den Vereinen wie der Weidgenossenschaft setzt Oggenfuss in seinem geschichtsreichen Buch ein Denkmal.

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