Freiämter Märli-Erzählerinnen
Neue Serie: Märchen heben die Laune in schwierigen Zeiten

In dieser Serie teilen Freiämter Erzählerinnen ihre liebsten Märchen mit der AZ.

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«Die Steinsuppe» erschien unter anderem in diesem Buch.

«Die Steinsuppe» erschien unter anderem in diesem Buch.

Bilder: zvg

Fast wie im Märchen ist es im Freiamt, wenn die goldenen Strahlen der Herbstsonne durch das Blätterdach im Wald strahlen, wenn die Nebelschwaden über der Reuss hängen oder die Wolken vom Lindenberg aus wie ein Wattebett aussehen. Märchenhaft ist aber nicht nur die Landschaft in der Region. Im Freiamt leben mehrere ausgebildete und erfahrene Märchenerzählerinnen. Ihr Talent, Menschen mit ihrer Erzählkunst zu verzaubern, wirkt gerade in so schweren Zeiten wie der Coronapandemie Wunder.

Für jeden Samstag ein Märchen als Auszeit

So hat sich die AZ überlegt, in den kommenden Wochen jeweils in der Samstagsausgabe ein Lieblingsmärchen einer Freiämter Erzählerin zu platzieren. Als eine kleine Auszeit, als Möglichkeit, sich auf eine Gedankenreise zu begeben oder einfach, um zwischen den vielen ernüchternden Nachrichten wieder einmal zu schmunzeln.

Schmunzeln lässt das erste Märchen dieser Serie gewiss. Denn bei der «Steinsuppe» (siehe weiter unten) handelt es sich um ein sogenanntes Schwankmärchen, wie Irene Briner, Erzählerin vom Freiämter Sagenweg, erklärt. Das seien eine Art verlängerte Witze. «Früher haben sich Frauen häufig abends in der Spinnstube getroffen und sich bei der Arbeit Geschichten erzählt. Erzählungen von schlauen Frauen wie dieser Nonne waren da sehr willkommen», erzählt sie.

Wie so viele Märchen gebe es auch dieses in verschiedenen Ländern und in verschiedenen Varianten. Genau das ist es auch, was Briner an Märchen so fasziniert: «Es ist toll, dass man sich auf der ganzen Welt ähnliche Geschichten erzählt.» «Die Steinsuppe» zum Beispiel stammt ursprünglich aus Portugal. «Bei diesem Märchen mag ich sehr, dass die Nonne eine so gewitzte Frau ist. So kann man sagen: Leute, wehrt euch, ihr habt die Mittel», sagt Briner.

Erst seit Grimm gibt es Märchen für Kinder

Sie selbst erzähle am liebsten Märchen für Erwachsene. «Das hat einfach eine ganz andere Qualität. Märchen waren eine lange Zeit auch eher für Erwachsene gedacht. Erst seit den Grimm-Märchen wurden sie verkindlicht und pädagogisiert», erklärt Irene Briner.

Denn als Geschichten verpackt habe man schon früher Informationen an die Leute vermittelt, die nicht lesen konnten. Oftmals werden so auch Lehren verbreitet. «Schon früher warnte man Mädchen mit Märchen davor, bei jemand Fremdes in die Kutsche zu steigen – mag er auch noch so schön singen», nennt Briner ein Beispiel. «Dazu kommt, dass es einfach wunderschöne Geschichten gibt», schwärmt die Bellikerin. Es sei auch das Erzählen an und für sich, das sie so fasziniere. «Die Leute werden nur durchs Zuhören gefesselt. Dabei hat jeder seine eigenen Bilder im Kopf.»

Wer Irene Briner gerne beim Erzählen zuhören möchte, kann das auf der SRF-«Musikwelle». Dort las sie schon einmal Sagen aus dem Freiamt, und im Dezember werden an jedem Donnerstag um 11.20 Uhr erneut solche ausgestrahlt. Mehr Infos gibt’s unter www.maerchenkultur.ch

Märchen: Die Steinsuppe

Eine Nonne ging betteln. Sie kam an die Tür eines Bauern, aber sie wollten ihr nichts geben. Die Klosterschwester war zum Umfallen hungrig und sagte: «Na, dann will ich sehen, dass ich mir eine Steinsuppe mache.» Und sie hob einen Stein vom Boden auf, putzte die Erde ab und begann, ihn zu betrachten, ob er sich für eine Suppe eignete. Die Leute aus dem Haus konnten sich vor Lachen über die Nonne und über ihren Einfall nicht halten. Da sagte die Klosterschwester: «Wie, habt ihr nie Steinsuppe gegessen? Ich kann euch sagen, das ist eine leckere Sache.» Sie antworteten ihr: «Nun, dann zeig uns das mal.»

Das wollte die Nonne nur hören. Nachdem sie den Stein sauber gemacht hatte. Sagte sie: «Könnt ihr mir wohl einen Topf leihen?»

Man gab ihr einen Topf aus Steingut. Sie füllte ihn mit Wasser und legte den Stein hinein. «Wenn ihr mich jetzt den Topf ans Feuer stellen liesset...» Man liess sie gewähren. Sobald das Wasser im Topf zu sieden begann, sagte sie: «Mit ein wenig Anke würde die Suppe vorzüglich werden.» Man holte ihr etwas Anken. Die Suppe kochte und kochte, und die Leute aus dem Hause liessen den Mund offen stehen vor Verwunderung. Da probierte die Nonne die Suppe und bemerkte beiläufig: «Sie ist ein wenig fad. Es fehlt unbedingt eine Prise Salz.»

Man gab ihr auch noch das Salz. Sie schmeckte die Suppe ab und sagte: «Wenn jetzt noch ein paar junge Kohlblätter dazukämen, würde die Suppe himmlisch schmecken.» Die Frau des Hauses ging in den Garten und brachte ihr zwei Kohlköpfe. Die Nonne säuberte sie, zerpflückte sie zwischen den Fingern und liess die Blätter in den Topf fallen. Als die Kohlblättchen gar waren, sagte sie: «Also, ein Stück Wurst würde der Sache die Krone aufsetzen ...»

Man brachte ihr ein Stück Wurst. Sie warf es in den Topf und während es kochte, zog sie Brot aus ihrem Rucksack und schickte sich an, gemächlich zu essen. Die Suppe roch, dass es eine Wonne war. Sie ass und leckte sich die Lippen ab, und nachdem sie den Topf geleert hatte, blieb der Stein auf dem Boden zurück. Die Leute aus dem Haus hingen mit den Augen an ihr und fragten sie: «Sagt, Frau Klosterschwester, und der Stein?»

Da antwortete die Nonne: «Den Stein, den wasch ich und nehm ihn für das nächste Mal mit.»

Und so kam sie zu einem Essen, wo man ihr nichts geben wollte.

(Aus: Uther, die schönsten Märchen vom Essen und Trinken. Knaur)