Dottikon/Ecuador
Neue Bräuche und Traditionen: Schüler auf Fasnachtsweiterbildung in Südamerika

Noah Bichsels Mutter ist Vollblutfasnächtlerin – doch er kam erst im Ausland auf den Geschmack.

Natasha Hähni
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Fasnachtsweiterbildung in Südamerika.

Fasnachtsweiterbildung in Südamerika.

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Noah Bichsel (Mitte) ist Teil des Karnevalsumzugs.

Noah Bichsel (Mitte) ist Teil des Karnevalsumzugs.

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Eigentlich sei er überhaupt kein Fasnächtler, erzählt Noah Bichsel am Telefon. Dabei ist seine Mutter, Petra Bichsel, Vorstandsmitglied der Villmerger Fasnachtsgesellschaft Heid-Heid (siehe unten). Seit einem halben Jahr ist der Dottiker im Austausch in Ecuador, zurzeit in Guaranda.

Was er zuvor nicht wusste: Die Andenstadt ist die Karneval-Hochburg Ecuadors. «Leute aus dem ganzen Land kommen hierher, um die Umzüge zu sehen», so Bichsel. Man könnte fast meinen, der junge Freiämter sei nach Südamerika in eine Fasnachtsweiterbildung geschickt worden.

Das war aber nicht der Grund für seine Entscheidung, im Gegenteil: Lachend betont er, er habe wirklich nichts von der dort herrschenden Karnevalstradition gewusst.

Sechs Stunden langer Umzug

Petra Bichsel auf Fasnacht

Petra Bichsel auf Fasnacht

Urs Koepfli

Ganz konnte er sich dem südamerikanischen Karneval dann aber doch nicht entziehen. Bichsel besuchte sieben Comparsas, so nennen die Ecuadorianer die Fasnachtsumzüge. Bei zweien lief er sogar mit, einmal mit der Schule und einmal mit seiner Gruppe von Austauschschülern. Das klingt ziemlich fasnächtlich für einen Fasnachtsmuffel, oder?

«Die ecuadorianische Kultur ist mir völlig unbekannt. Ich will hier möglichst viele Bräuche kennen lernen und ausprobieren. Die Schweizer Fasnacht kenne ich halt schon», erklärt der Kantischüler.

Die längste Comparsa, die Bichsel besucht hat, dauerte ganze sechs Stunden. «Der Umzug hörte einfach nicht mehr auf», sagt Bichsel lachend. Trotzdem habe er den ganzen Umzug durchgestanden. «Weniger, weil ich wollte, als weil die Strassen so vollgestopft waren, dass man kaum einen Schritt machen konnte. Langweilig wurde es zum Glück nie.»

Blonde Männer fallen auf

Zudem seien zwei seiner Freunde und er die Sensation des Umzugs gewesen: «Guaranda ist keine multikulturelle Stadt. Ein Grossteil der Bewohner ist indigen. Ausländer sind extrem rar. Wir stachen heraus, vor allem die beiden Blonden.»

Zum Teil hätten die Mädchen am Strassenrand so gekreischt, als sie vorübergingen, als wären sie Popstars und nicht einfach nur Austauschstudenten. Wobei Bichsel ein bisschen Ähnlichkeit mit Justin Bieber durchaus zugesprochen werden könnte. «Wir bekamen während des ganzen Umzugs Drinks spendiert. Das war echt witzig», fügt er schmunzelnd hinzu.

Zum Vergleich: Letztes Jahr – noch im Freiamt – ist der Fasnachtslehrling an keinem einzigen Umzug mitgelaufen. Doch: «Ich war als Zuschauer am Dottiker Umzug, den fand ich gut.»

Trotzdem würde er den einen oder anderen Brauch aus Ecuador mit ins Freiamt nehmen, wenn er könnte: «An den Comparsas in Guaranda wird viel mehr getanzt, das finde ich super», erzählt Bichsel, der vor seinem Austausch nicht viel mit Tanzen anzufangen wusste.

«Ich hatte noch nie eine Choreografie getanzt. Wenn die ganze Gruppe mitmacht, ist man aber schnell motiviert. Ich würde es immer wieder machen, es hat mir enorm viel Spass gemacht.»

Die Umzugswagen fehlen

Mindestens genauso amüsant wie das Tanzen sei auch, dass einige Umzugsteilnehmer neben Konfetti und Süssigkeiten auch Alkohol verteilten. «Sie kamen mit Schnapsflaschen und Shotgläsern vorbei, um mit den Zuschauern anzustossen. Danach nahmen sie das Glas wieder mit. Wie hygienisch das ist, kann ich nicht beurteilen, aber witzig war es allemal», erzählt Bichsel.

Umgekehrt könnten die Guarandaner aber auch das eine oder andere von der Schweizer Fasnacht lernen: «Die Wagen hier sind viel kleiner als die in der Schweiz. Mehr als drei Leute haben darauf nicht Platz. Das Feiern auf dem Umzugswagen fehlt schon ein bisschen.» Komplett fehlen würden in Ecuador die Fasnachtsbälle. «Auch wenn ich in der Schweiz nie an Fasnachtsbälle gehe, haben sie mir hier ehrlich gesagt gefehlt.»

Könnte es also sein, dass sich beim 18-Jährigen doch noch das Fasnächtler-Gen durchsetzt? «Ich denke, nächstes Jahr werde ich der Fasnacht mal wieder eine Chance geben und den einen oder anderen Ball und Umzug besuchen.»

Der Guggenmusik würde er aber nicht gleich beitreten. «Man soll ja klein anfangen», sagt er schmunzelnd. Manchmal muss man wohl um die halbe Welt reisen, um etwas Heimisches schätzen zu lernen. Ganz zur Freude der Mama.

Nachgefragt: «Vielleicht kommt er nächstes Jahr wieder mit – sogar mit mir»

Petra Bichsel ist Vollblutfasnächtlerin – die einzige in ihrer Familie. Mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen lebt die Villmergerin heute in Dottikon. Zurzeit ist jedoch nur einer der beiden Jungs zu Hause.

Der andere, Noah, feiert am anderen Ende der Welt gerade Karneval. Dass ihr Sohn, der eigentlich nicht viel mit Fasnacht am Hut hat, in Ecuador zum Karneval-Fan geworden ist, kommt für die Heiden-Chefin nicht ganz unerwartet: «Austauschschüler wollen doch immer möglichst alles erleben.»

Im Rahmen des Schüleraustausches hat ihre Familie einen tschechischen Schüler für ein Jahr aufgenommen. Der 17-Jährige sei von einem Umzug zum nächsten gerannt und habe etliche Bälle besucht.

«Er war in Niederwil am Ball, am nächsten Tag ist er weiter an den Urknall und von dort aus direkt zur Schule. Er wollte das volle Fasnachtsprogramm. Schliesslich habe er nur einmal die Chance, die Schweizer Fasnacht zu erleben», erzählt Bichsel lachend. Ähnlich müsse es auch ihrem Sohn gehen, wie sie sich vorstellt.

Phasenweise Fasnächtler

«Er war nie ein Junge, der sich gerne verkleidet hat. Im Primarschulalter machte er dann plötzlich an Umzügen mit.»

Danach hätte er das Interesse jedoch schnell wieder verloren. «Zuerst dachte ich, er wolle einfach nicht mehr mit mir mitlaufen. Als dann seine Freunde anfingen, an Fasnachtsbälle zu gehen, und er nicht mitging, wurde mir aber klar, dass es nicht sein Ding ist.»

Umso mehr freut sie sich darüber, dass ihr Ältester seinen einjährigen Sprachaufenthalt in der Karnevalshochburg Ecuadors verbringt, auch wenn er das erst nach dem Buchen herausgefunden hat. «Keiner von uns wusste über den Karneval in Guaranda Bescheid.

Sein Gotti hat kurz vor seiner Abreise die Stadt gegoogelt. Wir Fasnächtlerinnen fanden es natürlich lustig, dass unser Fasnachtsmuffel in eine Karnevalsstadt geht.» Zum Vollblutfasnächtler werde er wohl nicht plötzlich, ein bisschen Hoffnung bleibt der Lehrerin aber trotzdem: «Vielleicht kommt er nächstes Jahr ja wiedermal an eine Guggenparty oder einen Umzug, eventuell sogar mit mir.» (NAH)