Zernez/Muri
Nationalpark-Direktor: «Ich stehe zu meinen Wurzeln und zum Freiämter Dialekt»

Heinrich Haller verliess Muri im Alter von 15 Jahren, weil er in den Bergen leben wollte. Heute ist er Direktor des Schweizerischen Nationalparks und wohnt in Zernez.

Jörg Meier
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Spass darf sein: Heinrich Haller samt Hirschgeweih im Besucherzentrum Zernez; im Hintergrund Schloss Planta mit den Büros der Verwaltung.Daniel Ammann

Spass darf sein: Heinrich Haller samt Hirschgeweih im Besucherzentrum Zernez; im Hintergrund Schloss Planta mit den Büros der Verwaltung.Daniel Ammann

Heinrich Haller empfängt den ans Grossraumbüro gewohnten Besucher aus dem Unterland in seinem wunderschönen, grossen und mit Arvenholz ausgekleideten Büro im Schloss Planta-Wildenberg, mit Sicht auf die Berge und das Besucherzentrum des Nationalparks. Der Besucher ist beeindruckt und glaubt gerne, was Haller sagt: Dass es für ihn eine tägliche Freude sei, in dieser Umgebung arbeiten zu dürfen.

Man hört es, wenn er spricht: Heinrich Haller, seit 18 Jahren Direktor des Schweizerischen Nationalparks, stammt aus dem Freiamt. «Auch wenn ich seit 45 Jahren nicht mehr im Aargau wohne, ich stehe zu meinen Wurzeln und zu meinem Freiämter Dialekt», sagt er. In Muri geboren und aufgewachsen, wusste er aber schon als Bub, dass es ihn im Klosterdorf nicht halten würde. «Mein Vater war passionierter Berggänger und Skifahrer und präsidierte die SAC Sektion Lindenberg. Er hat mich als ich noch ein Kind war oft auf Touren ins Gebirge mitgenommen.»

Im jungen Heinrich wuchs die Sehnsucht nach den Bergen. Oft stieg er auf den Lindenberg, von wo aus er bei Föhn den Alpenkranz sehen konnte. Prägend war auch der erste Besuch im Nationalpark im Jahre 1967. «Ich durchquerte mit meinen Eltern den Park und entdeckte einen Steinadler. Damals waren die Steinadler seltener als heute. Ich war hingerissen, völlig begeistert und berührt.»

Seither gehört der Steinadler untrennbar zur Biografie von Heinrich Haller; er promovierte über den Raubvogel und beschäftigte sich wissenschaftlich intensiv ein Vierteljahrhundert lang mit ihm.

Haller verliess Muri, als er 15 Jahre alt war und er kehrte nicht wieder ins Freiamt zurück. Zwar besitzt er noch das Murianer Bürgerrecht. Aber er ist seit langem auch Bürger von Davos und sagt, dass er gute Erinnerungen an Muri, ans Freiamt und an den Aargau habe. Aber aktuell gibt es nur noch wenige Verbindungen.

Immerhin hat Haller genau verfolgt, was der Aargau in Sachen Naturschutz leistet. «Die Anstrengungen, die der Kanton zur Erhaltung der Gewässerökosysteme, insbesondere der Fluss- und Auenlandschaften unternimmt, verdienen höchste Anerkennung. Chapeau!»

Aber seine Leidenschaft galt seit jeher weniger den sibirischen Schwertlilien, die in seiner Kindheit so zahlreich in der nahen Reussebene blühten; er ging von Muri aus den andern Weg und stieg jeweils hinauf zum Schlatt hoch über dem Dorf, um die Berge zu sehen. «Vielleicht habe ich ja auch die Berge gewählt, weil ich Allergiker bin. Oberhalb der Waldgrenze spüre ich nichts mehr vom Heuschnupfen.»

Nach dem Besuch der Alpinen Mittelschule in Davos studierte Haller Biologie und Geografie in Bern, promovierte und bearbeitete dann als vom Nationalfonds unterstützter Wildbiologe Projekte im ganzen Schweizer Alpenraum; er war Leiter des Naturmuseums in St. Gallen; es folgte eine ausserordentliche Professur für Wildbiologie an der Universität Göttingen; und seit 1996 ist er Direktor des Schweizerischen Nationalparks.

Der Schweizerische Nationalpark ist eine grosse Erfolgsgeschichte. Im Jahre seines 100. Geburtstages ist er in den Schweizer Medien präsent wie noch nie - und die Menschen sind begeistert. Der Nationalpark sei zu einem nationalen Symbol geworden, sagt Haller, etwa wie die Rütliwiese oder die Nationalbank. Die Aufmerksamkeit und Anerkennung freuen ihn. Und er stellt sofort klar: Der Erfolg sei nicht das Verdienst des Direktors, sondern der Erfolg sei das Ergebnis einer grossartigen Teamarbeit und sei all jenen Menschen zu verdanken, die sich in den letzten 100 Jahren für die Idee «Nationalpark» eingesetzt hätten.

Der Direktor erklärt dem Besucher den Nationalpark. Er ist ein wunderbarer Erzähler, seine Begeisterung wirkt ansteckend. Einzig, als der Besucher fragt, ob es nicht sinnvoll wäre, von den Parkbesuchern Eintritt zu verlangen, scheint er kurz irritiert zu sein. Die Antwort von Direktor Haller fällt fast schon heftig aus. Und philosophisch.

Nein, der Nationalpark ist und bleibt gratis. Die Idee des Parks entzieht sich der materiellen Welt. Die Menschen sollen dieses Paradies erleben und dabei spüren, wie die Natur ohne menschliche Beeinflussung ist; sie sollen der Stille begegnen können. Viele Besucher erfahren den Nationalpark während ihrer Wanderung auch als «Psychotop»: Sie machen sich unterwegs grundsätzliche Gedanken über sich und das Leben. Oft ist die Wanderung nicht nur Erholung, sondern auch Einkehr. Und das nun wieder zu kommerzialisieren – nein, das wäre völlig falsch.

Für das Engadin hingegen hat der Nationalpark schon eine wirtschaftliche Bedeutung. Die 150 000 Besucher bringen jährlich rund 20 Millionen Franken, was 240 Vollzeitstellen entspricht. «Wir sind nicht für den Tourismus zuständig», betont Haller noch einmal. «Natürlich freuen wir uns, wenn unser Angebot auf Interesse stösst. Aber die primäre Aufgabe des Nationalparks ist und bleibt der Naturschutz. Und nicht, möglichst viele Besucher zu generieren.»

18 Jahre ist der ausgewanderte Freiämter schon im Amt. Noch immer ist seine Leidenschaft für den Park zu spüren. Woher nimmt er die Motivation?

Wieder wird Haller etwas lauter: «Sehen Sie sich doch um! Ich darf hier im Schloss arbeiten. Ich lebe mit meiner Familie in den Bergen, wie ich es mir schon als Bub gewünscht habe. Ich darf im wichtigsten Schweizer Naturschutzgebiet tätig sein – und wir haben noch viel vor; das ist ein grosses Privileg, das ich schätze und da setze ich mich gerne mit Leib und Seele weiter für den Park ein.»