Europameisterschaft

Nationalmannschaft: Die besten Schweizer Kickboxer stammen aus Wohlen

Kickboxing Wohlen: Die Hälfte der Schweizer Kickbox-Nationalmannschaft ist aus Wohlen.

Kickboxing Wohlen: Die Hälfte der Schweizer Kickbox-Nationalmannschaft ist aus Wohlen.

Kamera: Dominic Kobelt; Schnitt: Elia Diehl; Musik: bensound.com

Acht Kämpfer vertreten die Schweiz an den kommenden Meisterschaften in Athen – gleich deren fünf trainieren im Freiamt.

Leise und regelmässig klatscht das Springseil auf die roten und blauen Kunststoffmatten. Die Luft ist etwas stickig. An der Wand hängen ein halbes Dutzend Gürtel mit prunkvollen Goldverzierungen, designt für zwei Meter grosse Muskelprotze, und Medaillen, auf dem Fensterbrett dutzende Pokale dicht nebeneinander, an der Wand vergilbte Zeitungsberichte. Antonio Lo Prete (26), Cassandra Fasolo (21), Cheyenne Rast (20), Christine Felber (29) und Danylo Mancari (22) waren in den letzten drei Monaten mehr hier als in ihren Wohnungen.

Sie sind sich einig: «Das ist im Moment unser Zuhause.» Die fünf Kickboxer treten an der Europameisterschaft in Athen an – acht wurden insgesamt für die Schweizer Nationalmannschaften in den Disziplinen Pointfight und Kick-Light nominiert. Mehr als die Hälfte der Nati trainiert also in Wohlen. Am 22. November stehen die ersten auf der Matte.

Training ist wie atmen

Drei Monate lang an jedem Wochentag ein bis zwei Trainings, das vergangene Wochenende ein Trainingslager in Kerenzerberg GL – Abnutzungserscheinungen sind sichtbar. «Es war schon sehr anstrengend», gibt Lo Prete zu. «Das Tagesprogramm am Wochenende war aufstehen, trainieren, essen, trainieren, essen, schlafen.» Schwere Verletzungen gebe es aber sehr selten. «Mal eine geprellte Rippe oder eine Verletzung am Daumen, aber nichts Gravierendes», versichert er.

Trotzdem: Ein bisschen verrückt muss man doch sein, um so hart zu trainieren? «Für jemanden, der keinen Sport macht, ist es schwer nachvollziehbar. Das baut sich mit der Zeit auf, irgendwann kann man nicht mehr darauf verzichten und wird richtig ‹chribelig›, wenn man eine Woche pausieren muss», beschreibt Felber. Und Mancari, der trainiert, seit er sechs Jahre alt ist, ergänzt: «Es ist wie Atmen. Wir brauchen das Training.»

Ein ganz spezielles Zusatztraining hat Rast: Sie geht ins Ballett. «Ich habe früher schon getanzt und habe jetzt wieder damit angefangen, weil ich an der Hüfte operiert wurde. Ballett hilft mir bei der Kontrolle des Beins.»

Nebst den sportlichen Aktivitäten müssen die Athleten auch auf ihr Gewicht achten. Pro Gewichtsklasse tritt ein Teilnehmer an. «Wir müssen darauf schauen, dass wir möglichst leicht sind, je höher die Gewichtsklasse, desto härter der Kampf», sind sie sich einig.

Keine Ferienreise

Dass Wohlen das Schweizer Zentrum für Kickboxen schlechthin ist, ist bekannt. Über 40 Schweizer-Meister-Titel besitzen die fünf EM-Teilnehmer. Auf die Frage, ob dabei sein wichtiger ist als gewinnen, schütteln denn auch alle unisono den Kopf. «Wenn du nicht mindestens aufs Podest willst, hast du da nichts verloren.

Wir fahren nicht nach Griechenland, um Ferien zu machen», sagt Lo Prete. Wie stehen denn die Chancen? «Auf diesem Niveau ist alles möglich», sagt Fasolo. Als Favoriten gelten allenfalls Italien und Ungarn. «Aber die Nationen sind in den letzten Jahren nahe zusammengerückt. Die Chance auf ein leichtes Los kann man vergessen.»

Bei so viel Erfahrung ist es fast unausweichlich, dass die Wohler auf altbekannte Gegner treffen. Wie bereiten sich die Sportler auf den Wettkampf vor? «Am Tag vorher weiss man normalerweise, welchen Gegner man bekommt. Dann wird Videomaterial studiert», erklärt Mancari.

«Man analysiert, wie der Gegner steht, wo eventuell seine Schwachstellen sind.» Vor dem Kampf wärmen sich die Athleten auf, dann folgt die mentale Vorbereitung. Jeder habe sein Ritual, erklärt Lo Prete: «Ich konzentriere mich und versuche mich für den Kampf aufzuladen, damit ich 100 Prozent meiner Leistung abrufen kann.»

Eine grosse Familie

Die Wohler Kickboxer treten in zwei Kategorien an. Den Unterschied zwischen Pointfight und Kick-Light erklärt Felber, die als Einzige in der Kategorie Kick-Light antritt: «Im Pointfight wird nach jedem Treffer unterbrochen – ähnlich wie beim Fechten. Es ist taktischer. Beim Kick-Light zählt der Schiri die Punkte, je nachdem, wo man den Gegner trifft, gibt es mehr oder weniger.»

Weiterer Unterschied: Beim Kick-Light darf man gegen den Oberschenkel treten, bim Pointfight nicht. In beiden Disziplinen geht es aber nicht darum, den Gegner k. o. zu schlagen. Lo Prete: «Das führt sogar zur Disqualifikation, wenn man es extra macht. Es kann natürlich sein, dass beide einen Angriff starten und der eine dem anderen quasi in die Faust läuft – dann kann es schon zu einem k. o. kommen.»

Warum bringt gerade Kickboxing Wohlen so viele Talente hervor? «Wir sind eine grosse Familie. Das ist das, was uns ausmacht», beschreibt Lo Prete. Mancari ergänzt: «Wir haben die Mentalität unserer Trainer übernommen.»

Rocco Cipriano und Andrea Faggiano hätten viel Zeit und Herzblut in ihr Training gesteckt. «Unser Club hat eine Philosophie. Deshalb trainieren wir seit Jahrzehnten hier.»

Meistgesehen

Artboard 1