Wie war das damals, im 16. oder 17. Jahrhundert, als der Stadtwächter kurz nach dem Eindunkeln die Stadttore zuschloss. Da musste man sich beeilen, damit man noch vor Torschluss im Innern der Stadtmauer war. Denn da draussen trieb gar manches lichtscheue Gesinde herum, Diebe und Vaganten. «Hört ihr Leut und lasst euch sagen, die Uhr hat eben acht geschlagen…», mit dunklem Mantel, Hut und Hellebarde schritt der brave Mann aus der Dunkelheit die Rechengasse hinunter, Richtung Obertor.

Beim Spittelturm blieb er stehen. Von da hörte er ein Rufen und Flehen. «He, du Nachtwächter, hört mich an. Ich bin unschuldig. Ich habe nicht gestohlen!» Der Nachtwächter zündete mit seiner Laterne hinauf zum kleinen Gitterfenster am Turmgefängnis. «Ach, schweig!», sagte der, «morgen kommst du sowieso vor den Henker.»

Es war nicht alles besser

Tja, so ähnlich hätte sich eine Szene im Mittelalter tatsächlich abspielen können. Es war nicht alles besser in alten Zeiten. Manchmal ging es recht derb zu und her. Die vier Stadtführer Heinz Koch, Ursula Huber, Robert Bamert und Reto Jäger von der Stadtführgruppe Bremgarten hatten sich einiges ausgedacht, um die Geschichte des Städtchens lebendig zu machen. Rund 30 begeisterte Zuschauer nahmen sie mit auf den nächtlichen Rundgang.

«Hier, die Hellebarde», sagte der Nachtwächter zu seinem Publikum, «die brauche ich, um angriffige Schweine abzuwehren.» Und um den Hals trug er das Feuerhorn. Mit dem blies er Alarm, sobald er irgendwo ein Feuer entdeckte. Feuer war die grösste Gefahr im Mittelalter: Die meisten Häuser waren aus Holz gebaut, die Dächer mit Schindeln oder mit Schilf gedeckt.

Im Innern gab es keinen Kamin, sondern eine offene Feuerstelle. «Gerade in Nächten wie dieser», sagte der Nachtwächter, «wenn der Föhn über die Dächer strich, reichte ein Funke, um eine Brandkatastrophe auszulösen.» Deshalb erliess der Rat strenge Gesetze, wonach jede Feuerstelle in der Nacht aus sein musste. Der Nachtwächter, der lange Arm der Obrigkeit, musste dafür sorgen, dass die Vorschriften auch eingehalten wurden.

Mit dem Feuerschauer inspizierte er regelmässig die Feuerstellen der Bewohner. Ein besonderer Gefahrenherd waren die Backstuben der Stadt. Trotzdem gab es zahlreiche Brände in Bremgarten. Einer im Jahr 1382 ein anderer gerade mal 13 Jahre später, im Jahr 1395. Mit Brandstiftern wurde übrigens nicht gerade zimperlich umgegangen: Sie wurden auf eine Leiter gebunden und ins Feuer geworfen.

Da, da schlich doch einer mit einer Fackel herum: «He, du! Stehenbleiben!», der Nachtwächter wollte ihn verfolgen und mit ihm die 30 Zuschauer. Doch schon war Fremde in einem dunklen Hinterhof verschwunden. Nachts trieb sich oft lichtscheues Gesinde herum. Die Nacht war aber auch die arbeitsfreie Zeit, die Zeit für Vergnügen und Geselligkeit. Man traf sich in den Wirtshäusern oder in der Badstube. Gerade weil Alkohol im Spiel war, ging es oft rau zu und her. Auch da wäre der Nachtwächter in der Pflicht gewesen, für Ordnung zu sorgen.

Wäre – doch Nachtwächter war kein begehrter Posten. Die Arbeit war schlecht bezahlt. Kein Wunder liess er sich gerne bestechen von den Wirten, damit er ein Auge zudrücke beim Einhalten der Sperrstunde.

Es war ein spannender und äusserst lebendiger Rundgang durch die Zeit. Am Ende der Tour wartete der Cevi mit warmem Punsch für die Zuschauer auf.

Vorschau Zur Feier der Renovation am Hexenturm lädt die Stadtführgruppe am 29. Mai erneut zu einem szenischen Rundgang durch die Gassen des Städtchens. Diesmal geht es um die vier historischen Türme der Altstadt.