Wohlen
Nachfrage nach Sprachkursen wächst stetig

Der Verein «Lernen im Quartier» wächst stetig, inzwischen bietet er Kurse in drei Ortschaften an. Seit kurzem wird zudem ein Intensivkurs angeboten. Die Kinderbetreuung ist im Kursgeld bei den Kursen für Frauen inbegriffen.

Andrea Marthaler
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Kursteilnehmerinnen aus verschiedenen Ländern verbessern ihre Deutschkenntnisse bei «Lernen im Quartier». Andrea Marthaler

Kursteilnehmerinnen aus verschiedenen Ländern verbessern ihre Deutschkenntnisse bei «Lernen im Quartier». Andrea Marthaler

Wenn das deutsche Wort fehlt, wird gelacht und so die Verlegenheit überbrückt. Im Anfängerkurs des Vereins «Lernen im Quartier» passiert das einige Male. Oder es wird gestikuliert. Eben kommt auf dem Übungsblatt das Wort krank vor, eine Teilnehmerin versteht es nicht. «Wer kann es ihr erklären?», fragt die Kursleiterin Christine Meier. Bevor es jemand mit Umschreiben versucht, werden allerdings die französische sowie die englische Übersetzung in den Raum geworfen.

Viele der Frauen im Kurs sind noch nicht lange in der Schweiz: eine gerade mal fünf Wochen, eine andere zwei Monate. Zweimal pro Woche lernen sie Deutsch, am Montagnachmittag und am Donnerstagmorgen. Franziska Sanettis nimmt das erste Mal teil. Obwohl sie bereits seit acht Jahren in der Schweiz lebt, versteht sie nur wenig Deutsch. Auf Spanisch erklärt die aus Venezuela stammende Frau, dass sie den Kurs mache, um sich zu integrieren. «Es ist sehr schwierig, doch es ist gut, dass hier viel gesprochen wird.»

Gern auch höheres Niveau anbieten

Viel sprechen heisst vor allem über Alltägliches berichten. Zum Beispiel über Krankheiten und wie man einen Arzt anruft. Oder auch Uhrzeiten. Bei der Übung wird klar: Halb 8 verstehen nicht alle auf Anhieb als 7.30 Uhr, je nach Kultur wird diese Zeitnennung als unlogisch empfunden. Wie überall macht aber auch hier die Übung die Meisterin.

Zum Beispiel bei Panapiti Chatu-rani. Die Frau aus Sri Lanka kam acht Jahre in der Schweiz ohne Deutsch zurecht, die meiste Zeit war sie zu Hause bei den Kindern. «Mit meiner Familie und Freunden spreche ich Englisch.» Das reichte aber nicht mehr, als ihre Tochter in die 1. Klasse eintrat. «Da merkte ich, dass ich mich ohne Deutsch nicht verständigen kann. Also musste ich Deutsch lernen.» Mittlerweilen kann sie sich gut verständigen und versteht vieles.

Noch weiter fortgeschritten sind die Schülerinnen von Erna Aerne. Sie befinden sich zwischen dem Sprachniveau A1 und A2. «Wir würden auch gerne die höheren Levels B1 und B2 anbieten. Viele Leute geben sich aber mit ihrem Niveau zufrieden, sobald sie sich einigermassen verständigen können», sagt Aerne.

Die Kleinkinder werden betreut

Den Verein «Lernen im Quartier» gibt es seit 1999. Damals wurde mit einem Kurs in Wohlen begonnen. Zu den Kursen tagsüber nur für Frauen kamen 2009 Abendkurse für Frauen und Männer hinzu. «Wir merkten, dass viele Männer trotz einer Arbeitsstelle nur unzureichend Deutsch sprechen«, sagt Aerne, die im Vorstand von «Lernen im Quartier» ist. Seit 2010 führt der Verein zudem Kurse in Villmergen durch, seit 2011 auch in Bremgarten. Die meisten Teilnehmer stammen aus den drei Kursorten, manche auch aus der weiteren Umgebung. Seit kurzem wird zudem ein Intensivkurs angeboten, der viermal die Woche stattfindet, die «normalen» Kurse sind ein- bis zweimal wöchentlich.

Während die Frauen im reformierten Kirchgemeindehaus in Wohlen Sätze bilden und Blätter ausfüllen, werden ihre Kinder im Untergeschoss betreut. Dies ist ein wichtiges Element der Frauen- kurse bei «Lernen im Quartier».

«Ich habe von der Migros Klubschule hierher gewechselt, wegen der Kinderbetreuung», erzählt Thanapa Thianyanyong. Sie lernt Deutsch, um ihren Mann, der eine Garage führt, in der Büroarbeit unterstützen zu können. Nicht nur die Mütter profitieren aber von der Kinderbetreuung. «Für die Kinder ist es eine gute Vorbereitung auf den Kindergarten. Sie lernen Rituale kennen», sagt Erna Aerne. Ausserdem kommen die Kinder in Kontakt mit der deutschen Sprache.

Kosten sind moderat

Die Kinderbetreuung ist im Kursgeld bei den Kursen nur für Frauen inbegriffen. Die Kurskosten selber sind günstiger als bei vielen anderen Sprachschulen. Denn etwa 40 Prozent übernimmt das Migrationsamt, rund 30 Prozent wird über Beiträge der beiden Gemeinden Wohlen und Villmergen sowie Sponsoren beglichen und lediglich das verbleibende Drittel müssen die Teilnehmerinnen selber zahlen. Der Verein selber ist nicht gewinnorientiert.

Das Lerntempo sei etwas langsamer als andernorts. «Wir haben auch Teilnehmer aus bildungsungewohnten Kreisen. Entsprechend orientieren wir uns bei der Einstufung stark am Mündlichen», sagt Erna Aerne. Die meisten der Kursteilnehmer stammen aus dem Kosovo, viele aus Sri Lanka, Italien, Thailand und der Türkei. In letzter Zeit sei ein Zuwachs an Teilnehmern aus Spanien und Portugal zu verzeichnen, sagt Aerne.

Die Herkunft ist immer wieder Kursinhalt. Zum Beispiel ist eine Hausaufgabe über Gewohnheiten im Heimatland zu schreiben. Heute sprechen die Teilnehmerinnen im Kurs für Fortgeschrittene über ihre Wünsche, falls sie plötzlich Geld in der Lotterie gewinnen würden. Nebenbei lernen sie den Konjunktiv kennen. «Ich würde sofort zurück nach Mazedonien gehen», sagt eine junge Frau. Eine andere: «Ich kaufe eine Parzelle in Dintikon und baue darauf ein Haus.» Die meisten der Frauen würden aber auch Geld spenden und ihren Familien im Heimatland helfen. Oder eine Party veranstalten und alle aus dem Kurs einladen. «Lernen im Quartier» ist eben nicht nur Deutschkurs, sondern auch Sozialisierung und Kontakte knüpfen.

Infos auf www.lernen-im-quartier.ch