Nach Zertifikatspflicht
«Kein einziger Tag kostendeckend»: Freiämter Beizen kämpfen mit massiven Umsatzeinbussen

Seit dem 13. September gilt in den Innenräumen von Restaurants die Zertifikatspflicht. An der Wärme dinieren dürfen nur noch Geimpfte, Genesene und Getestete. Das hat harte Konsequenzen für den Geldbeutel der Wirtsleute, wie eine Umfrage im Freiamt zeigt.

Pascal Bruhin
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Die Tische im «Rössli» in Wohlen bleiben derzeit fast immer leer. Event- und Gastromanager Serge Derouck und Inhaberin Anita Wohler-Stenz kämpfen mit 50 bis 60 Prozent Gästerückgang.

Die Tische im «Rössli» in Wohlen bleiben derzeit fast immer leer. Event- und Gastromanager Serge Derouck und Inhaberin Anita Wohler-Stenz kämpfen mit 50 bis 60 Prozent Gästerückgang.

Pascal Bruhin

Der Aufschrei war gross bei den Gastronomen, als der Bundesrat für den 13. September eine Zertifikatspflicht in den Innenräumen der Restaurants ankündigte. Knapp zwei Wochen danach ist klar: Die Sorge war berechtigt. Die AZ hat sich bei Beizern in der ganzen Region umgehört.

Gerade einmal 17 Menus gingen am Freitagmittag im Restaurant Rössli in Wohlen über die Ladentheke. «Für diesen Wochentag ist das sehr schlecht», erläutert Event- und Gastromanager Serge Derouck. Das Restaurant bietet 70 Sitzplätze im Innen- und 50 im Aussenbereich.

Es gibt Tage, an denen kein einziger Gast kommt

Seitdem die Zertifikatspflicht für Restaurants gilt, ist man im «Rössli» froh, wenn überhaupt noch Gäste kommen. «Am letzten Sonntagabend hatten wir keinen einzigen», sagt Besitzerin Anita Wohler-Stenz sichtlich bewegt. Das spiegelt sich in den Zahlen wieder.

50 bis 60 Prozent Umsatzeinbussen hat das «Rössli» seit dem 13. September täglich zu verzeichnen. Die Gastgeberin führt aus:

«In den letzten zwei Wochen war kein einziger Tag kostendeckend.»

Beim Catering, das das «Rössli» ebenfalls betreibt, sieht es noch schlimmer aus: Zwei Drittel der Aufträge fallen aus oder werden storniert.

Der massive Gästerückgang zwingt das «Rössli»-Team nun zu drastischen Massnahmen. Für die Mitarbeitenden musste wieder Kurzarbeit angemeldet werden, die Öffnungszeiten des Restaurants wurden verkürzt. «Wir haben lange überlegt und abgewogen, aber letztlich sahen wir uns dazu gezwungen», so Anita Wohler. «Wir sind auf Kurzarbeit angewiesen.»

Nebst den finanziellen Sorgen kommen der administrative Aufwand – und nicht zuletzt die emotionale Belastung – mit der Kontrolle der Zertifikate dazu. «Viele Gäste sind hässig auf uns, weil wir sie kontrollieren müssen», so Anita Wohler. Ihr Mann Hanspeter fügt an: «Wir sind plötzlich zum Polizisten geworden, das ist tragisch. Für uns fühlt es sich so an, als wären wir die Bösesten der Welt.»

Gruppenanfragen brechen förmlich ein

Die Zertifikatskontrolle bereitet auf dem Mutschellen weniger Sorgen, wohl aber die Finanzen. Walter Hirzel, Gastgeber im Landgasthof Grüenebode in Berikon, sagt:

«Wir wurden sozusagen von 120 auf 0 ausgebremst.»

Denn bis zum vorletzten Montag lief der Betrieb wieder so gut, als gäbe es kein Corona mehr. Das hat sich jäh geändert. Trotz der riesigen Gartenterrasse mit 140 Plätzen verzeichnet auch der «Grüenebode» massive Umsatzverluste. Hirzel sagt: «Man spürt es markant, dass weniger Leute kommen, und zwar von jung bis alt.»

Walter und Cornelia Hirzel, Wirtepaar vom Landgasthof Grüenebode in Berikon, wollen nach den anstehenden Betriebsferien, ob sie Kurzarbeit anmelden.

Walter und Cornelia Hirzel, Wirtepaar vom Landgasthof Grüenebode in Berikon, wollen nach den anstehenden Betriebsferien, ob sie Kurzarbeit anmelden.

zvg

Vor allem am Abend gehen seit Einführung der Zertifikatspflicht 40 bis 50 Prozent weniger Menus über den Tisch. Ein kostendeckender Betrieb sei so auch mit viel Engagement und Eigenleistung nur ganz knapp möglich, so Hirzel. Auffällig sei auch, dass viele Gruppen absagen würden. «Die grossen Tische brechen förmlich weg», sagt er und mutmasst, dass, wenn Mitglieder einer Gruppe kein Zertifikat besitzen, gleich die ganze Gruppe die Reservation storniert.

Auch für die Weihnachtsessen sind bereits erste Absagen eingegangen. Da sich während der coronabedingten Zwangsschliessung viele Ferientage beim Personal angehäuft haben, macht der «Grüenebode» erstmals seit über 20 Jahren nun im Herbst Betriebsferien. Ob Hirzel ebenfalls Kurzarbeit anmelden muss, will er erst danach entscheiden.

Vor allem die ältesten Gäste bleiben aus

Auch bei Martin Lang, seit 2016 Wirt des Traditionsrestaurants Huwyler in Merenschwand, ist Kurzarbeit ein Thema. «Wir machen derzeit rund 60 bis 70 Prozent weniger Umsatz als vor der Zertifikatspflicht», berichtet er am Telefon. Bei den Gästen sei eine grosse Unsicherheit spürbar. Auch bei den grösseren Gruppen. Ob Geburtstagsfeier oder Generalversammlung, Absagen seien derzeit an der Tagesordnung.

Damals war die Welt noch in Ordnung: Martin Lang und Mutter Elisa bei der Eröffnung des Restaurants Huwyler 2016.

Damals war die Welt noch in Ordnung: Martin Lang und Mutter Elisa bei der Eröffnung des Restaurants Huwyler 2016.

Eddy Schambron (4. Februar 2016)

«Die Übergangszeiten haben uns immer am meisten gekostet», sagt der Gastronom und blickt zurück auf die letzten Änderungen der Massnahmen. Er erinnert sich:

«Die Leute erschrecken zuerst, gewöhnen sich dann aber langsam dran.»

Bislang sei davon aber noch wenig zu spüren, die Gästezahlen blieben in den letzten beiden Wochen konstant tief.

Interessanterweise blieben gerade die Gäste über 65 Jahre aus, die bekanntlich grossmehrheitlich geimpft sind. Am Mittag machen sie im «Huwyler» ein Drittel der Kundschaft aus. Dennoch hofft Lang, dass mit der vom Bundesrat forcierten Erhöhung der Impfquote auch wieder mehr Gäste den Weg in sein Lokal finden.

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