Hägglingen
Nach Verkauf von Altersheim: Trägerverein in der Kritik

In Hägglingen ist das Altersheim verkauft worden, die geplante Verwendung des restlichen Vermögens führt zu Diskussionen.

Toni Widmer
Merken
Drucken
Teilen
Das Seniorehuus Maiengrüen in Hägglingen wird seit 1. Januar von der Senevita AG betrieben. Toni Widmer

Das Seniorehuus Maiengrüen in Hägglingen wird seit 1. Januar von der Senevita AG betrieben. Toni Widmer

Toni Widmer

Vor zwei Jahren war der Gemeinnützige Verein Altersheim St. Josef, der damalige Trägerverein des Hägglinger Altersheim, Seniorehuus, finanziell mächtig in Schieflage. Wie viele vergleichbare Institutionen hatte auch das Seniorehuus mehr und mehr mit den steigenden Anforderungen an die Alterspflege und der Finanzierung der damit verbundenen Investitionen zu kämpfen.

Eine aus Mitgliedern des Vereins, der Gemeinde sowie einer Beratungsfirma gebildete Task Force, die von Gemeindeammann Urs Bosisio geleitet wurde, suchte nach Lösungen, um den drohenden finanziellen Kollaps zu verhindern. Gefunden wurde diese im Verkauf an die Senevita AG. Dieses spezialisierte Unternehmen hat das Seniorehuus per 1. Januar 2019 offiziell übernommen und führt es ebenso weiter wie das Dottiker Alterswohnheim an der Bünz, mit dem das Seniorehuus schon bisher zusammengearbeitet hatte.

In Hägglingen will Senevita das Pflege- und Betreuungsangebot weiter ausbauen und in Zukunft neben den bestehenden Pflegeplätzen auch zusätzlich betreute Wohnungen für Seniorinnen und Senioren anbieten. Die Institution ist in Senevita am Maiegrüen umbenannt worden. Die bisherige Heimleitung und das Personal wurden von der Senevita übernommen. Im Haus, das derzeit praktisch voll belegt ist, laufe es sehr gut, hört man im Dorf bisher nur Positives über die neue Führung.

Verein ändert seinen Zweck

Der bisherige Trägerverein St. Josef bleibt bestehen, ändert aber Name und Zweck. «Unter dem Namen ‹Gemeinnütziger Verein Maiengrün Hägglingen› besteht ein gemeinnütziger Verein im Sinne von Art. 60 ff. des Schweizerischen Zivilgesetzbuches», steht in den Statuten, die von den Mitgliedern an der Versammlung vom nächsten Dienstag, 30. April, genehmigt werden sollen. Als Vereinszweck umschrieben ist unter Punkt 1 «die Förderung der Altersvor- und Altersfürsorge in der Gemeinde Hägglingen in einem umfassenden Sinne». Im laufenden Jahr 2019 sind dafür laut Budget Ausgaben von 25 000 Franken vorgesehen.

Weit mehr will der Verein, der sich von seiner finanziellen Krise im Jahr 2017 offenbar prächtig erholt zu haben scheint, für seinen eigenen Unterhalt: Budgetiert sind 12 000 Franken Entschädigung für Vorstand und Kommissionen, 9500 Franken für Buchführung und Revision sowie 6500 Franken für das extern geführte Sekretariat – macht summa summarum 28 000 Franken für die Verwaltungskosten eines Vereins, der zurzeit (noch) rund 200 Mitglieder umfasst und laut Budget im laufenden Jahr 25 000 Franken für gemeinnützige Zwecke investieren will.

Dazu kommen laut Budget Kosten von 5000 Franken für die Mitgliederversammlung, 5000 Franken Werbeaufwand für den neuen Vereinsauftritt, 2000 Franken Investitionen in Software und IT sowie 1000 Franken übriger Büro- und Verwaltungsaufwand. Insgesamt stehen im Voranschlag des Vereins Einnahmen von 7000 Franken (zusammengesetzt aus je 3000 Franken Mitgliederbeiträgen sowie Spenden und Legaten und 2000 Franken Kapitalertrag) 67 900 Franken Ausgaben gegenüber – der budgetierte Betriebsverlust beträgt satte 60 900 Franken.

Verzicht auf eine Stiftung

Im Dorf geben diese Zahlen zu reden. Noch mehr wundert man sich darüber, dass der Vereinsvorstand offenbar einen im vergangenen Jahr gefassten Vereinsbeschluss umstossen will: An der Versammlung vom 11. Juni 2018, an welcher der Verkauf des Seniorenhuus an die Senevita AG beschlossen worden ist, haben 84 von 92 Stimmberechtigten auch der Gründung einer Stiftung sowie deren Dotation mit einem Startkapital von 1,5 Mio. Franken entsprochen. Mit dieser Stiftung, so war der Öffentlichkeit damals kommuniziert worden, wolle man den Schutz der Legate gewährleisten, die in der Vergangenheit in den Trägerverein geflossen seien. Das Geld solle künftig für die Bedürfnisse von alten Leuten in Hägglingen eingesetzt werden.

Obwohl der Vorstand im Juni 2018 den Auftrag gefasst hat, bis zur Mitgliederversammlung im Jahr 2019 einen Entwurf der Stiftungsstatuten vorzubereiten, findet dieser die Gründung einer solchen mittlerweile unnötig: «Durch die Gründung einer Stiftung wird zusätzlich zum Verein eine zweite Organisation geschaffen, die den gleichen Zweck und die gleiche Aufgabe hat wie der Verein. Alle Aufgaben, welche die Stiftung erfüllen könnte, kann der Verein ebenso gut erbringen», hält er im Antrag fest, den er der Versammlung am Dienstag unterbreiten und damit den «einstweiligen Verzicht auf Gründung einer Stiftung» erreichen will. Kritiker halten dazu fest, dass das Geld in einer Stiftung sicherer angelegt wäre. Die Tätigkeit einer Stiftung unterliege einer weit höheren gesetzlichen Kontrolle als jene eines Vereins.

Kein Geld für die Ortsbürger

Die Hägglinger Ortsbürger haben 1970 dem Verein St. Josef für den Bau des Altersheims ein Baurecht über 100 Jahre erteilt. Auf einen Baurechtszins haben sie über all die Jahre verzichtet. Im Zuge des Verkaufs an die Senevita AG ist den Ortsbürgern jetzt das Baurecht für die nächsten 50 Jahre mit 0,5 Mio. Franken abgegolten worden. An der Ortsbürgerversammlung vom 28. Juni, an der die Übertragung des Baurechts an die neue Eigentümerin des Altersheims bewilligt wurde, wurden dazu allerdings auch kritische Stimmen laut. Wenn das Altersheim schon zu einem guten Preis verkauft werden könne und nach der Tilgung der Hypotheken Geld übrig bleibe, müssten die Ortsbürger für das in der Vergangenheit gratis gewährte Baurecht doch ebenfalls entschädigt werden.

Hier lesen Sie die Stellungnahme des Vereins:

Vereinspräsident: «Ich blicke der Versammlung vom Dienstag mit Zuversicht entgegen»

Fritz Schober, der Präsident des Trägervereins, ist über die Kritik erstaunt: «An uns sind diese Vorwürfe bisher nicht herangetragen worden. Warum geht man damit zuerst an die Medien?», sagt er. Der Versammlung vom Dienstag blicke er zuversichtlich entgegen: «Wir begründen unsere Anträge klar und nachvollziehbar, wer anderer Meinung ist, kann sich an der Versammlung äussern.»

Zum Thema Stiftung sagt Schober: «Der Verein verfügt über ein Vermögen von rund 4,5 Mio. Franken. Werden davon 1,5 Mio. in eine Stiftung überführt, sind es immer noch 3 Mio. Franken, die der Verein verwalten muss. Wir erachten einen solchen doppelten Aufwand als unnötig.» Zudem, sagt der Präsident weiter, würden die 1,5 Mio. in der Bilanz separat ausgewiesen und reserviert für den Fall, dass in Zukunft dennoch eine Stiftung gegründet werde: «Dann», sagt er, «müsste man aber gleich das ganze Vermögen in eine solche überführen. Das würde in meinen Augen mehr Sinn machen und den Verein gänzlich von der Vermögensverwaltung entlasten.»

Diese, fährt Schober weiter, sei aufwendig und auch deshalb seien die kritisierten Verwaltungskosten so hoch budgetiert. Zudem sei der Übergang vom Verein zur Senevita noch am Laufen: «Es gibt noch sehr viel administrative Aufgaben zu erledigen, Debitoren und Kreditoren zu verwalten und andere Dinge abschliessend zu klären. Da ist der Verein vorderhand noch gefordert, und das verursacht Kosten.» Der Verwaltungsaufwand, sagt Schober, werde schon für das nächste Jahr merklich sinken, wenn der Übergang definitiv abgeschlossen sei.

Zum Anliegen der Ortsbürger hält der Vereinspräsident fest: «Wir können doch nicht einfach Geld verteilen, weil nach dem Verkauf jetzt Geld da ist. Wenn die Ortsbürger gemeinnützige Projekte initiieren, die auch unserem Vereinszweck entsprechen, sind wir gerne bereit auf solche Anliegen einzugehen.» (to)

Entsprechend haben die Ortsbürger im Vorfeld der Versammlung des Vereins St. Josef einen entsprechenden Antrag gestellt. Sie möchten für das in der Vergangenheit gewährte Baurecht rückwirkend 100 000 Franken erhalten. Der Antrag ist am Dienstag traktandiert, wird vom Vorstand aber zur Ablehnung empfohlen. Für die Verwendung dieser 100 000 Franken werde kein klarer Verwendungszweck aufgeführt. Eine Blanko-Entschädigung widerspreche jedoch klar dem Vereinszweck und verstosse gegen dessen Statuten, hält der Vorstand in seiner Begründung der Ablehnung fest. Er sei durchaus bereit, mit dem Verein über weitere Zuwendungen zu diskutieren, wenn dieser Projekte im Bereich der Altersvorsorge und -fürsorge präsentiere, die dem Vereinszweck entsprächen.

Das finden verschiedene Ortsbürger eine Anmassung. Man habe mit dem Gratis-Baurecht den Betrieb des Altersheims unterstützt und damit über 50 Jahre zur finanziellen Entlastung des Trägervereins beigetragen. Jetzt, wo dieser über ein hohes Vermögen verfüge, gebe er sich selbstherrlich und lasse die Ortsbürger in die Röhre gucken. Das sei nicht richtig.