Rottenschwil
Nach nur neun Monaten schliesst der Dorfladen: Tante Emma hat kein Auskommen mehr

Weil die Kunden fehlten, wirft Kim Alder, Inhaberin des Dorfladens in Rottenschwil, nach neun Monaten das Handtuch. Innerhalb von zwei Jahren schliesst das Geschäft schon zum dritten Mal.

Melanie Burgener
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In nicht einmal zwei Jahren schliesst der Dorfladen in Rottenschwil bereits zum dritten Mal.

In nicht einmal zwei Jahren schliesst der Dorfladen in Rottenschwil bereits zum dritten Mal.

Melanie Burgener

Seit der Pensionierung von Anna Rosenberg läuft nicht mehr alles rund im Dorfladen von Rottenschwil. 2016 ist sie nach mehr als 70 Jahren in den wohlverdienten Ruhestand gegangen und leider kurz darauf verstorben. Der «Maxi» hat mittlerweile schon zwei Mal seine Führung gewechselt. Am 27. September wird der Laden erneut geschlossen, ob und wie es weiter geht, ist zurzeit offen.

Wo liegen die Probleme und warum kommt der kleine Laden nicht mehr richtig in Schwung? Inhaberin Kim Alder denkt, dass es vor allem die neuen Grossverteiler Aldi und Lidl sind, die kleinen Läden wie dem ihren das Leben schwer machen: «Wir können weder mit dem Preis noch mit dem Angebot der Grossverteiler mithalten.» Auch Mitarbeiterin Sandra Leibacher sieht die Probleme: «Wir bieten hauptsächlich einfache Grundnahrungsmittel an. So findet man in unserem Laden zum Beispiel keine verschiedenfarbigen Teigwaren.»

Wo bleibt die Kundschaft?

Für viele Anwohner seien die Preise des Geschäfts ein Grund, nicht dort einzukaufen. Doch die kann Kim Alder nicht beliebig anpassen. Weil der Maxi ein Franchisnehmer von Spar ist, gibt dieser die Preise vor. Jedoch sei der Spar günstiger als der Maxi in Rottenschwil, was Sandra Leibacher nicht versteht: «Selbst die Milch ist um einiges günstiger im Spar als in unserem Maxi.»

Aus diesem Grund mache auch niemand seinen Wocheneinkauf in Rottenschwil. So hat Alder auch auf den Durchgangsverkehr gesetzt, denn von den über 800 Einwohnern im Dorf bleiben die meisten dem kleinen Laden an der Hauptstrasse 15 fern. Wer kommt, sind die Jungen und die Stammkunden, die schon bei Frau Rosenberg eingekauft haben.

Kim Alder hat nicht so schnell aufgegeben und versucht, mit einem regionalen Angebot mehr Kunden aus der Umgebung anzulocken. So hat sie beispielsweise Produkte wie selbst gemachte Teigwaren direkt von einem Rottenschwiler Bauernhof bezogen. Trotzdem konnte sie ihren Kunden nicht alles bieten, so fehlte beispielsweise auch das frische Gemüse.

Enttäuschte Erwartungen

Der Traum der Zürcherin Kim Alder war es ursprünglich, einen Tante-Emma-Laden mit kundennaher Betreuung auf dem Land zu eröffnen. Sie als Stadtkind hatte die Vorstellung von einem Dorfkern im Kopf, der den guten Zusammenhalt der Bewohner stärkt. So hoffte sie auch, dass der Maxi zu einem Treffpunkt der Rottenschwiler werde. Dafür hat sie zusammen mit ihren Mitarbeitern probiert, mit kleinen Anlässen die Anwohner auf ihren Laden aufmerksam zu machen.

Leider wollte auch das nicht recht funktionieren: «Wir haben ein paar Mal hier vor dem Geschäft grilliert, aber es ist fast niemand erschienen. So mussten wir zum Schluss die Würste selber essen», erzählen Sandra Leibacher und Kim Alder. Beide denken, dass viele Rottenschwiler zugezogene Städter sind, die auswärts arbeiten und deshalb wenig Interesse an Aktionen im Dorf haben. Trotzdem sind sie enttäuscht.

Auf Ware sitzen geblieben

Was würde Kim Alder anders machen, wenn sie noch einmal von vorne beginnen könnte? «Ich würde definitiv nicht mehr aufs Land gehen. Wir hatten noch ein Angebot im Zentrum von Regensdorf, das wäre für uns sicher die bessere Wahl gewesen.» Die erfahrene Detailhandelsfachfrau ist weiterhin der Meinung, dass das Dorf einen Kern oder Treffpunkt für seine Bevölkerung braucht. Jedoch würde sie einem Nachfolger raten, nicht ein reines Lebensmittelgeschäft zu eröffnen, sondern eher einen «Kafi-Kiosk» mit einer Kaffeeecke und nur den notwendigsten Nahrungsmitteln.

Es sei wichtig, dass man nicht vom Lebensmittelverkauf abhängig sei, das sei Alder zum Verhängnis geworden: «Wir sassen auf unserer Ware, weil kein Bedarf da war. So habe ich in acht Monaten nicht eine einzige Flasche Wein verkauft.» Das zusammen mit den technischen Problemen und den Ausfällen der Klimaanlage hat Verluste eingebracht, die nicht wieder aufzuholen waren.

Trotz ihrer Enttäuschungen kann sich Kim Alder gut vorstellen, irgendeinmal wieder ein eigenes Geschäft zu eröffnen. Doch jetzt kehrt sie vorerst in ein Angestellten-Verhältnis zurück: «Ich muss jetzt zuerst wieder etwas Kapital aufbauen.»

«Ein komplexes Thema»

Der Gemeinderat Rottenschwil hat vor rund zwei Wochen von der bevorstehenden Schliessung des Maxi-Dorfladens erfahren. «Es ist ein komplexes Thema», sagt dazu Gemeindeammann Giordana Erne: «Aus der Bevölkerung ist immer wieder zu hören, wie existenziell wichtig ein Dorfladen für Rottenschwil sei. Und doch rentiert er am Ende nicht. Das ist ein Widerspruch, der nur schwer zu erklären ist.»

Für den Gemeinderat sei der Dorfladen durchaus ein Thema, aber die Lösung kenne man auch nicht. «Kleine Läden haben auch in anderen Gemeinden Mühe. Vielleicht müsste man vorerst einmal analysieren, wo denn genau das Bedürfnis der Bevölkerung liegt. Ist es die Einkaufsmöglichkeit, ist es der Ort der Begegnung, die wichtig sind, oder gibt es noch andere Gründe, welche einen Laden für die Dorfkultur so wichtig machen? Allenfalls», sagt Erne, «gäbe es letztlich ja auch andere Wege, die entsprechenden Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen.»