Aristau

Nach jahrelangem Suchen fand Mario Richner seinen Heimathafen auf den Philippinen

Der 71-jährige Mario Richner aus Aristau hat sein Leben lang Abenteuer erlebt. Man glaubt es kaum, doch am Ende wurde sogar er sesshaft — auf den Philippinen. Dort lebt er zusammen mit seinem Ziehsohn Jonas.

«Ich bin vermutlich der einzige Automechaniker der Schweiz, der nie ein eigenes Auto besessen hat», sagt Mario Richner lachend. «Und ich habe auch erst im Alter von 54 Jahren meinen ersten Fernseher, mein erstes eigenes Bett und generell meine ersten eigenen Möbel gekauft. Ausser einem Kühlschrank, den hatte ich auch auf See.»

Vor 18 Jahren liess sich der heute 71-Jährige in Angeles City auf den Philippinen nieder. Hier fand er seinen Heimathafen. Natürlich, wie es jedem irgendwann passiert, der Liebe wegen. «Ich fuhr mein Leben lang als Freelancer auf den Schiffen mit zusammen mit Leuten aus den verschiedensten Teilen der Welt.» Und wenn die ihn zu sich einluden, besuchte er sie natürlich auch.

So auch einige frühere Seemannskollegen von den Philippinen. «Wie es halt so ist, lernt man da auch hübsche Frauen kennen – und verliebt sich.» So war es mit Arlene, mit der er schon bald zusammenzog. Doch dann beichtete sie ihm, dass sie einen Sohn habe, Jonas, der 800 Kilometer weit weg wohnte.

«Im Alter von 66 Jahren übergab man mir mein letztes Schiff»

«Ich wollte natürlich wissen, wo er sei. Sie sagte, sie hätte ihn bei ihrer Mutter auf der Insel Biliram zurücklassen müssen. So passiert das vielen Kindern alleinerziehender Mütter auf den Philippinen», musste Richner erfahren. «Ich sagte ihr, sie solle mich hinbringen.»

Auf Biliram angekommen, fanden Richner und seine Freundin sieben oder acht halb verhungerte Kinder bei Arlenes Mutter vor. «Jonas war damals drei Jahre alt. Er war nur Haut und Knochen und lebte quasi auf der Strasse. Da beschloss ich sofort, ihn zu uns zu holen.»

Gesagt, getan. «Der Kleine hat schon bald gemerkt, dass er bei mir in guten Händen ist und hat Zutrauen zu mir gefasst.» Ab und zu musste Richner immer noch arbeiten gehen und liess die beiden, die mittlerweile seine kleine Familie bildeten, allein daheim in Angeles City. Er arbeitete vor allem als Techniker und Bauaufsicht auf Werften, und das von Korea über Yokohama und Schanghai bis Hongkong. Dazwischen war er immer wieder auf See.

«Im Alter von 66 Jahren übergab man mir mein letztes Schiff», sagt er stolz. «Es ist überhaupt nicht selbstverständlich, dass man in dem Alter noch so viel Vertrauen geniesst.» Danach kam er nach Hause auf die Philippinen und blieb – bis auf die jährlichen Reisen in die Schweiz – auch dort.

«Jonas wollte bei mir bleiben»

Mittlerweile hat die 28 Jahre jüngere Arlene ihn verlassen. «Aber Jonas wollte bei mir bleiben. Das war Arlene auch recht. Und mir sowieso. Also besorgte ich mir sofort eine Anwältin und beantragte offiziell das Sorgerecht. Denn ein Europäer, der auf den Philippinen allein mit einem kleinen Jungen zusammenlebt – ich wollte auf keinen Fall, dass falsche Gedanken aufkommen.»

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Die Reisen von Mario Richner – die Karte wird laufend ergänzt. Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

Seither wohnen die beiden gemeinsam in dem Bungalow, das Richner mietet, denn als Ausländer darf es nicht kaufen. Es steht in einer abgeschlossenen und bewachten Siedlung.
«Schon als kleiner Junge habe ich immer davon geträumt, als alter Mann einmal unter Palmen zu leben», erinnert er sich. Lachend fügt er an: «Dass die aber so viel Arbeit geben, hätte ich mir damals nicht träumen lassen.»

Denn wenn einer der grossen Wedel herunterfällt, muss Richner ihn zu «Ein-Meter-Stüdeli» sägen und zusammenbinden, sonst nimmt ihn die Kehrichtabfuhr nicht mit. «Und das Holz ist hart wie Stein», sagt er und lacht wieder.

«Wir haben dort unsere Wohlfühloase mit schönem Garten. Und Jonas und ich führen einen Junggesellenhaushalt. Das heisst, wer kocht, wäscht nicht ab, und wer abwäscht, muss nicht kochen. So geht es uns gut.» Jonas besucht das College. «Er ist kein Handwerker, das war bald klar. Aber sehr technikaffin.»

«Hier bekommt man Rösti und Bratwurst»

Und was wünscht sich der Abenteurer, der doch die ganze Welt gesehen hat, heute noch? «Ich würde gerne noch einmal zurück nach Namibia und Botswana in den Busch, möchte noch einmal das Sambesi-Tal sehen. Das Tierreich dort ist wunderbar, man kann noch aus dem Sambesi trinken und muss höchstens aufpassen, dass einen kein Flusspferd und kein Krokodil erwischt.»

Nur ist die Region politisch sehr unsicher. «Darum weiss ich nicht, ob dieser Traum noch einmal wahr wird.» Ansonsten besucht er nur noch regelmässig seine Familie und Freunde in der Schweiz. «Abgesehen von ihnen vermisse ich in der Schweiz nichts.»

Muss er auch nicht: «Bei uns gibt es neben Thai-, vietnamesischem und koreanischem Essen auch ein Swiss Chalet, wo man Rösti mit Bratwurst bekommt. Wir haben einen Schweizer Metzger und einen deutschen Bäcker und in einer Stunde bin ich am Meer. Was will man mehr?»

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