Zerstrittene Eltern
Nach Fall Anna: «Kinds-Entführungen lassen sich nicht verhindern»

Der Kindsentführung des neunjährigen Mädchens durch seine Aargauer Grossmutter ging ein Streit zwischen den Eltern um den Wohnort voraus. Das kommt regelmässig vor. Experte Rolf Widmer gibt die wichtigsten Antworten zum Thema.

Manuel Bühlmann
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51 Fälle von Kindsentführungen im Jahr 2013 in der Schweiz

51 Fälle von Kindsentführungen im Jahr 2013 in der Schweiz

Keystone

200-mal sieht sich Rolf Widmer mit Kindesentführungen wie im Fall von Anna konfrontiert – pro Jahr. Widmer ist Direktor der Schweizerischen Stiftung des Internationalen Sozialdienstes (SSI), die sich grenzübergreifend darum kümmert, verschwundene Kinder wiederzufinden und zwischen den zerstrittenen Elternteilen zu vermitteln. Der 64-Jährige liefert Antworten auf die wichtigsten Fragen:

1. Seit 2014 ist das gemeinsame Sorgerecht die Regel, auch bei geschiedenen und unverheirateten Paaren. Was hat sich geändert?

«Wir merken in den Beratungen eine leichte Zunahme der Spannungen», sagt Rolf Widmer. «Das Kind kann nicht bei beiden Elternteilen leben, aber beide dürfen nun beim Wohnort mitentscheiden.» Das Gesetz macht die Zustimmung von Mutter und Vater zur Bedingung für einen Wechsel des Wohnorts – insbesondere bei einem Umzug ins Ausland. «Sie müssen sich absprechen. Ist ein Elternteil dagegen, geht es nicht – zumindest auf offiziellem Weg», sagt Widmer. Entführungen liessen sich trotzdem nicht verhindern.

2. Was passiert, wenn sich Eltern mit gemeinsamem Sorgerecht nicht über den Wohnort einigen können – wie das bei Anna ist?

Finden die Eltern keine Lösung, entscheiden Gerichte oder Kindesschutzbehörden. Diese machen eine Interessenabwägung. «Heute werden dazu auch die Kinder angehört», sagt Widmer. Ihre Wünsche seien allerdings nur einer von mehreren Faktoren. «Entscheidend ist dabei auch, wo für ein Kind und den betreuenden Elternteil von aussen gesehen die besten Perspektiven bestehen.»

3. Was löst die Entführung durch ein Elternteil bei einem Kind aus?

«Extrem traumatisch» sei das, sagt Widmer. «Sie werden zum Spielball; das prägt sie fürs Leben.» Dazu kommt der plötzliche Verlust einer wichtigen Bezugsperson. «Das ist sehr schmerzhaft, als ob jemand sterben würde.»

4. Die Fronten zwischen den beiden Elternteilen sind oftmals verhärtet. Was dann?

Enorm wichtig sei eine Mediation zwischen Mutter und Vater, sagt Widmer. «Das gilt auch für den aktuellen Fall.» Ziel der Gespräche: Besuchs- und Kontaktregeln, mit denen beide leben können. «Das würde auch dem Kind Sicherheit geben.» Dem rechtlichen Weg steht er kritisch gegenüber: «Beziehungsfragen lassen sich so nicht lösen.»

5. Für die Eltern steht viel auf dem Spiel. Sind sachliche Gespräche überhaupt möglich?

«Das sind natürlich sehr emotionale Geschichten», sagt Widmer. Umso wichtiger sei es, den anderen nicht als Feind zu betrachten – und sich bewusst zu werden, dass beide das gleiche Ziel haben: nahe bei Tochter oder Sohn zu sein. Die Mediation soll dazu dienen, die beste Lösung für das Kind zu finden. Widmer schätzt, dass dies in rund der Hälfte der Fälle gelingt.

Lesen Sie den Kommentar zum Thema hier.

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