Muri
Nach dem Klostersturm kein «Blick zurück im Zorn»

Vor bald 175 Jahren hob der Grosse Rat das Kloster auf und versetzte das Volk in Schockzustand. Wir blicken zurück.

Jörg Baumann
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Das Kloster Muri auf einer alten Aufnahme aus der Zeit zwischen dem Klosterbrand von 1889 und dem Umbau des Westflügels 1901.

Das Kloster Muri auf einer alten Aufnahme aus der Zeit zwischen dem Klosterbrand von 1889 und dem Umbau des Westflügels 1901.

Archiv Stenz Murikultur

Im Januar 1841 rasselten die Truppen unter Oberst Friedrich Frey-Herosé, später Bundesrat, noch mit den Säbeln und vertrieben die Benediktinermönche aus dem Kloster Muri. 175 Jahre später fällt das Gedenkjahr 2016 ruhig, besonnen und würdig aus. Ein verspäteter Freiämtersturm wäre dem Anlass auch nicht angemessen.

Im Januar 2016 sei «nichts Besonderes» geplant, sagt Abt Benno Malfèr. Die Klosteraufhebung sei zwar «ein dramatischer Einschnitt» gewesen. Das Leben der Klostergemeinschaft sei aber weitergegangen, ab 1841 in Sarnen und ab 1845 in Muri-Gries. In Muri kommt man erst am 9. April 2016 an der Generalversammlung der Vereinigung der Freunde der Klosterkirche Muri auf das Gedenkjahr zurück, bestätigen der Abt und Martin Egli, Präsident der Klosterfreunde. In Sarnen schaltet man am 22. Oktober zur Weihe der Kollegikirche der lange von den Benediktinern und heute vom Staat geführten Mittelschule vor 50 Jahren und am 22. November zum Beginn der Tätigkeit des Konvents vor 175 Jahren eine Stunde des Gedenkens ein.

Gleich mehrere Jubiläen

Rund um das 1027 von den Habsburgern gestiftete Kloster Muri ranken sich 2016 mehrere Jubiläen – nicht nur die Klosteraufhebung vor 175 Jahren. Benno Malfèr, Abt von Muri und Prior von Muri-Gries im Südtirol, feiert nächstes Jahr sein 25-jähriges Dienstjubiläum. Vor 75 Jahren, am 13. Januar 1941, genau hundert Jahre nach dem Aufhebungsbeschluss, übergab der Kanton Aargau der Kirchgemeinde Muri die Klosterkirche, in der seitdem ständig aufwendige Restaurierungen und Renovationen vorgenommen werden. Und schliesslich: Wien begeht 2016 mit Sonderausstellungen an mehreren Orten den hundertsten Todestag von Kaiser Franz Joseph, der die Habsburger Monarchie 68 Jahre lang regierte und mithalf, sie in den Tod zu stürzen.

«Kaisertreue Österreicher kommen regelmässig auch nach Muri und besichtigen die Klosteranlage», weiss Urs Pilgrim, Präsident der Stiftung Murikultur, die zusammen mit anderen Körperschaften das Erbe der Habsburger im Freiamt behüten. Die Klosteraufhebung entfachte in unseren Landstrichen lange ein Gefühl der Ohnmacht und Wut. Aber inzwischen ist das Feuer der Leidenschaften gelöscht. So konnte Marco Hauser, seinerzeit Gemeindeammann von Muri und Präsident der Kulturstiftung St. Martin, schon 1991, hundert Jahre nach der Vertreibung der Mönche aus Muri, im Vorwort zum im Gedenkjahr herausgegebenen Buch «Memorial Muri 1841» feststellen: «Es (das Buch) ist kein Blick zurück im Zorn». Längst seien die Brücken wieder geschlagen, die Feind- und Zerrbilder seien verblasst, und die Erhaltung des überkommenen Erbes werde als gemeinsame Aufgabe empfunden und wahrgenommen.

Seit 2011 arbeiteten Historikerinnen und Historiker unter der Ägide der Stiftung Geschichte Kloster Muri ohnehin auf das grösste Jubiläum hin, das 2027 richtig gefeiert werden kann: auf die Tausendjahrfeier des Klosters Muri. In der Stiftung wirken der Aargauer Regierungsrat Alex Hürzeler und sein Kollege Franz Enderli aus dem Kanton Obwalden mit – im besten Einvernehmen, hört man. Die Klostergeschichte wird in den nächsten Jahren aufgearbeitet. Denn die jüngsten wissenschaftlichen Arbeiten zum Kloster Muri stammen überwiegend aus den Sechzigerjahren des letzten Jahrhunderts. Die von Martin Kiem, Pater im Kloster Muri-Gries, 1888 bis 1891 erarbeitete Klostergeschichte ist vom damaligen Zeitgeist und der Empörung über die Klosteraufhebung geprägt. Kiem war alles andere als ein neutraler Zeitgenosse, sondern als Angehöriger der Klostergemeinschaft sicher Partei.

Neue Forschungsfragen fällig

Im Rahmen des Projektes Geschichte Kloster Muri müssen neue Forschungsfragen ans altehrwürdige Kloster herangetragen werden. Dieses Jahr sind bereits zwei Studien von Franziska Jahn und Dunja Pfister zu Teilaspekten der Klostergeschichte erschienen. Weitere werden folgen.

Die Forschungsarbeit wird in eine Gesamtschau über die letzten tausend Jahre des Klosters Muri münden. Die Historikerin Annina Sandmeier Walt aus Winterthur arbeitet an einer Dissertation. Darin beleuchtet sie die Fragen, wie die Klosteraufhebung seinerzeit dargestellt wurde und welcher Wandel in diesen Aussagen seitdem stattgefunden hat. In der Jahresschrift «Unsere Heimat» der Historischen Gesellschaft Freiamt wird man nächstes Jahr mehr über die Forschungsergebnisse lesen können.

Gespannt darf man auch darauf sein, wie die im Klostersturm handelnden Persönlichkeiten im kühleren Licht der heutigen Geschichtsschreibung beurteilt werden.

Da steht auf der einen Seite der Aargauer Politiker Augustin Keller aus Sarmenstorf, der Wortführer der Klostergegner, zugleich aber ein überaus fortschrittlicher Förderer des Schulwesens. Dann Josef Leonz Weibel, erzliberal, Arzt und Bezirksamtmann in Muri und in dieser Position die rechte Hand des Regierungsrates bei der Klosteraufhebung.

Weibel drängte im schicksalsschweren Januar 1841 die liberale Regierung, die führenden rebellierenden Freiämter Konservativen vom Bünzer Komitee zu verhaften.

Der aufgebrachten Bevölkerung gelang es, die Festsetzung des Präsidenten des Komitees, Xaver Suter aus Meienberg, zu verhindern. Weibel wurde zusammen mit dem Klosterverwalter Lindenmann und Regierungsrat Waller selbst gefangen, aber durch die rasch zugreifenden Regierungstruppen befreit.

Nach der Klosteraufhebung erhielt er die Mission, als Bezirksamtmann die Untersuchung gegen einige Häupter der Rebellion zu führen, was ihm bei den politischen Gegnern keinen Ruhm eintrug. Handkehrum kann man Weibel zugutehalten, dass er massgeblich an der Bezirksschule Muri beteiligt war.

Abt mit Mut und Beharrlichkeit

Und schliesslich Adalbert Regli, letzter Abt von Muri bis zur Klosteraufhebung. Als Prediger soll er nicht besonders geglänzt haben. Hingegen besass er den Mut und die Beharrlichkeit, die per Dekret aufgelöste Klostergemeinschaft von Muri sozusagen ins gelobte Land nach Sarnen und letztlich nach Muri-Gries zu begleiten.

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