Landwirtschaftliche Schule Muri

Nach 50 Jahren gabs das erste Klassentreffen

Paul Wirth (Dritter von links), hat seine Schulkameraden von einst nach 50 Jahren zur Klassenzusammenkunft geladen. Von den 25 Ehemaligen fehlten am Treffen nur wenige.

Paul Wirth (Dritter von links), hat seine Schulkameraden von einst nach 50 Jahren zur Klassenzusammenkunft geladen. Von den 25 Ehemaligen fehlten am Treffen nur wenige.

Als der Hägglinger Paul Wirth mit zwei Dutzend weiteren Bauernburschen die Landwirtschaftliche Schule in Muri besuchte, wurde auf den Höfen noch weitgehend mit Muskelkraft gearbeitet. Seither hat sich die Landwirtschaft nicht nur durch die Mechanisierung radikal verändert.

Es herrschte ein strenges Regime unter Direktor Jakob Käch. «Der Unterricht im Winter 1962/63 begann um 7.30 Uhr, dauerte lang und war sehr intensiv. Lichterlöschen wurde bereits um 21.30 Uhr befohlen, Ausgang gab es am 6. Dezember zum Samichlaus und sonst kaum», erzählt ein bestandener Landwirt im Auwer «Hirschen». Da haben sich knapp zwei Dutzend ehemalige Absolventen der Landwirtschaftlichen Schule Muri nach 50  Jahren zum ersten Klassentreffen versammelt. Die jungen Burschen wussten die «Ausgangssperre» zu überbrücken, wie ihr ehemaliger Lehrer berichtet. Der 88-jährige Albert Rey berichtet schmunzelnd von angelehnten Fenstern: «Es sind nachts immer wieder ein paar Schüler aus dem Erdgeschoss abgeschlichen. Etwa an den Meitlisonntig in Fahrwangen oder sonst an eine Chilbi. Doch Jakob Käch, der oft nach Mitternacht im Haus noch eine Runde drehte, hat die angelehnten Fenster meist entdeckt und darauf in den Zimmern nachgeschaut, wer fehlte.»

«Ein Ferienlager waren die Winterkurse nicht. Von den jungen Burschen wurde einiges verlangt», erklärt Rey weiter. «Das Schuljahr begann mit einem Gottesdienst in der Klosterkirche und die Hausordnung war so straff, dass man sie nach heutigen Massstäben wohl als unmenschlich bezeichnen würde.» Bis 1971 sei auch am Samstagmorgen noch unterrichtet worden, erinnert sich Rey: «Danach wurden die Burschen jeweils am Freitagabend ins Wochenende entlassen, dafür haben wir den Unterricht ausgedehnt, von 7.30 bis 12 Uhr und 13.30 bis 19.30 Uhr, danach mussten die Schüler auch noch Hausaufgaben machen.»

Für etwas Abwechslung sorgten die Burschen selber: «Nach dem Mittagessen sind wir oft noch rasch ins Restaurant Rütli hinuntergerannt und haben eine Stange getrunken», erzählt der Häggliger Landwirt Paul Wirth. Er hat die Klassenzusammenkunft organisiert und das Mittagessen für diesen Tag nicht ohne Grund in der Murianer Traditionsbeiz bestellt. Denn dort haben die jungen Landwirte damals wohl nicht nur gelegentlich eine Stange getrunken, sondern auch verschiedene Streiche ausgeheckt: «An einem Elternabend haben die Burschen einmal eine Plastikkuh organisiert und mich auf die Bühne zum Melken gebeten. Ich habe an den Zitzen rumgedrückt und gezogen wie verrückt, trotzdem sind nur ein paar Tropfen herausgekommen. Danach musste meine Frau melken und die Milch hat nur so gesprudelt. Die Schlaumeier haben bei mir vorher den Hahnen zugedreht», erinnert sich Lehrer Rey.

So lustig wie an den Elternabenden ging es für die jungen Bauern nach den beiden Winterkursen im Arbeitsleben kaum zu: «An meiner ersten Stelle nach der absolvierten Ausbildung habe ich einen Monatslohn von 180 Franken bekommen. Und das bei einer wöchentlichen Arbeitszeit von 70 Stunden und mehr», erzählt ein Landwirt. Maschinen, sagt er weiter, hätte es noch kaum gegeben: «Die Mechanisierung hat damals erst begonnen. Wir haben Gras, Heu und Stroh noch von Hand auf- und abgeladen.» Und dennoch sei das Bauernleben früher in verschiedenen Bereichen schöner gewesen als heute, sind sich die Landwirte im Auwer «Hirschen» einig. «Es war nicht so hektisch und irgendwie gemütlicher, obwohl wir vergleichsweise deutlich härter arbeiten mussten.»

«Marktöffnung und Ökologisierung haben den Bauern das Leben nicht einfacher gemacht», sagt Albert Rey, der früher nicht nur Lehrer an der Landwirtschaftlichen Schule war, sondern ein im ganzen Freiamt gefragter Betriebsberater. «Heute gibt es so viele Vorschriften, dass einem Bauern kaum mehr ein Stück Entscheidungsfreiheit bleibt. Das ist nicht lustig», meint Rey.

Was sagen die Bauern? «Früher gab es zwar Anbauprämien, aber keine Direktzahlungen. Die haben wir auch nicht gebraucht, weil wir für unsere Produkte marktgerechte Preise lösen konnten. Heute kostet ein Kilo Käse im Laden über 20 bis 25 Franken. Für die dazu nötige Milch erhalten wir knapp 5 Franken», sagte einer der Bauern, und der andere doppelt nach: «Es ist doch völliger Blödsinn, wenn wir mit Steuergeldern Yoghurt subventionieren, nur damit man diese nach China exportieren kann.»

Und trotzdem: Auf ihren Beruf sind sie auch nach 50 Jahren noch stolz, und sie sind überzeugt: «Bauern wird es auch in 50 Jahren noch geben. Denn wenn die Bauern sterben, dann stirbt alles.»

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