Jonen

Nach 34 Jahren hört der Streitschlichter per Ende Jahr auf

Als Friedensrichter will Walter Hausherr in der Verhandlung eine gute Atmosphäre schaffen und studiert die Körpersprache der Streitparteien.

Als Friedensrichter will Walter Hausherr in der Verhandlung eine gute Atmosphäre schaffen und studiert die Körpersprache der Streitparteien.

Friedensrichter Walter Hausherr gibt sein Amt ab, weil er in den Kanton Zürich zieht. Bei einem Blick zurück stellt er fest, was sich geändert hat: «Früher wurde viel mehr per Handschlag geregelt.»

Wenn Walter Hausherr eine Verhandlung leitet, dann sitzt er den beiden Streitparteien gegenüber, hört aufmerksam zu und beobachtet die Körpersprache. «Ich will Nähe schaffen», sagt der Friedensrichter, «meine erste Aufgabe ist, die Atmosphäre aufzulockern.» Eine Stunde rechnet er normalerweise für eine Verhandlung ein – 20 Minuten pro Partei und nochmals 20 Minuten, um einen Vergleich auszuhandeln. Sehr oft gehe es um Geldforderungen, erzählt Hausherr, der Ende Jahr sein Amt abgibt, weil er seinen Wohnsitz in den Kanton Zürich verlegt.

Seit 1982 übt er sein Amt aus und hat in dieser Zeit gegen 2000 Streitfälle bearbeitet. An einen Fall erinnert er sich besonders gerne: «Es ging um einen Erbstreit, drei Schwestern stritten sich mit vier Brüdern. Ich spürte, dass eine Einigung in der Luft lag.» Schliesslich hing alles von einer Formulierung ab. «Die Frauen wollten, dass im Protokoll steht, dass man versucht habe, sie über den Tisch zu ziehen.» Das konnte Hausherr aber unmöglich so aufschreiben. Schliesslich habe man sich darauf geeinigt, zu vermerken, dass «nicht alles mit rechten Dingen» zuging. Allen Schwestern wurde ein sechsstelliger Geldbetrag zugesprochen. «Damit waren alle zufrieden und der Streit ums Erbe war beendet», erzählt Hausherr.

Früher zählte Handschlag mehr

In den letzten zehn Jahren ist die Anzahl der Streitfälle im Kreis Bremgarten merklich zurückgegangen. Im Jahr 2005 bearbeiteten die Friedensrichter im Kanton Aargau insgesamt 2800 Streitfälle. Im Jahr 2014 waren es noch 2090. «Das ist ein Rückgang von 25 Prozent. Ich kann mir nicht erklären, weshalb das so ist, trotz der dauernd zunehmenden Bevölkerung im Bezirk Bremgarten. Vielleicht sind die Leute heute weniger streitsüchtig», überlegt Hausherr laut.

Wie hat sich die Streitkultur in der Zeit verändert? «Früher wurde viel mehr per Handschlag geregelt. Manchmal wurde das Geld nach einer Einigung gleich bar übergeben, das gibt es aber seit Ende der 90er-Jahre nicht mehr. Die Leute nehmen sich viel schneller einen Anwalt.» Es sei schon vorgekommen, dass sich Nachbarn über zwei Bäume stritten und beide einen Anwalt dabei hatten, dabei liege das Problem oft in der Kommunikation. In fast allen Fällen müssten beide Seiten einen Schritt aufeinander zu machen.

Zwischen 70 und 80 Prozent seiner Fälle kann Hausherr mit einem Vergleich oder einem Urteilsvorschlage lösen. Ein Urteilsvorschlag ist seit 2013 möglich, es ist eine von mehreren Neuerungen, die damals eingeführt wurden. «Wenn es um weniger als 5000 Franken geht und die Parteien keine Einigung finden, kann ich einen Urteilsvorschlag an die Parteien schicken. Diese haben dann 20 Tage Zeit, um Einspruch einzulegen, sonst ist das Urteil verbindlich», erklärt der in Jonen wohnhafte Friedensrichter. Einsprachen seien selten. Hausherr muss aber, auch nachdem er beide Seiten angehört hat, nicht zwingend ein Urteil fällen. «Manchmal ist klar, dass eine der beiden Parteien lügt, und ich finde nicht heraus, welche es ist – oder welche mehr lügt.» Manchmal komme es vor, dass eine oder beide Seiten nicht von ihren Forderungen abweichen wollten, dann bleibt der Weg vors Bezirksgericht. «Ich mache dann jeweils auf die Kosten aufmerksam, die natürlich viel höher sind als bei einer Einigung vor dem Friedensrichter. Aber manchmal nützt auch das nichts.»

Hausherr verfolgt Fälle weiter

Walter Hausherr war 32 Jahre alt, als er ins Amt gewählt wurde. Die Nervosität vor der ersten Verhandlung hielt sich in Grenzen. «Als Privatkundenbetreuer bei der Bank Julius Bär war ich es gewohnt, mit Leuten zu verhandeln.» Eine juristische Ausbildung ist nicht nötig, um Friedensrichter zu werden. «Ich hatte an der Fachhochschule ein Jahr lang Recht, das hat mir geholfen, auch wenn ich deswegen noch kein Jurist bin.» Die Fälle beschränken sich auf Geldforderungen, Nachbarschaftsstreitigkeiten und Erbstreite. Arbeits- und Mietrecht wird direkt von den zuständigen Fachgerichten beim Bezirksgericht behandelt. Unterstützung erhalten die Friedensrichter vom Bezirksgericht, die Zusammenarbeit habe immer sehr gut funktioniert, erzählt Hausherr. Wenn er keine Einigung erzielen könne und der Fall ans Bezirksgericht gehe, dann verfolge er auch, wie das Urteil ausgefallen sei, und könne sich bei Fragen bei den Fachpersonen am Gericht erkundigen.

Fällt es nach fast 34 Amtsjahren schwer, aufzuhören? «Es hat sich halt aus der Situation ergeben», erklärt Hausherr. «Wir übergeben unser Haus an einen unserer zwei Söhne und ziehen deshalb in eine Wohnung. Die schönste war nun mal in Ottenbach im Kanton Zürich.»

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