Sehr viele Freiämter Kinder haben schon einmal das Bild vom Schellen-Ursli von Alois Carigiet über dem Behandlungstisch von Kinderarzt Paul Trost in Muri gesehen. Es sind rund 25 000, die er während den 41 Jahren seiner Praxistätigkeit untersucht und behandelt hat. Ausserdem betreute er gut 20 000 Neugeborene notfalls sofort oder zumindest nach der Geburt im Spital Muri. Für den heute 76-jährigen Arzt, der Ende Jahr aufhört, war der Beruf im buchstäblichen Sinn Berufung.

Herr Trost, weshalb wurden Sie Kinderarzt?

Paul Trost: Für mich war das bereits vor der Matura klar. Es war immer mein Ziel. Ich übernahm schon in meiner Jugendzeit häufig Babysitter-Rollen in der Familie und in der Verwandtschaft, weil es die Kinder offensichtlich schätzten und ich mich darüber auch freute.

Sie waren für die Pädiatrie im Spital Muri zuständig?

Ja, 30 Jahre erfüllte ich diese Aufgabe allein, danach übernahm Marcus Roos, Wohlen, ein 50 Prozent-Pensum. Übrigens war das Spital Muri eines der ersten Spitäler in der Schweiz, das ab 1990 im Wochenbett routinemässig die Ultraschalluntersuchung der Hüftgelenke gemacht hat. Felix Grob, damals Chefarzt Gynäkologie-Geburtshilfe, und ich haben das als wichtig beurteilt, damit so alle Kinder erfasst wurden.

Was waren die häufigsten Gründe, weshalb die Eltern die Kinder in Ihre privaten Praxis brachten?

Neben Impfungen, Entwicklungskontrollen sowie Ernährungs- und Erziehungsberatung waren diese das ganze Spektrum von Krankheiten betreffende Diagnosen im Säuglings- und Kindesalter. Infekte mit Fieber und Hautprobleme nahmen die Spitzenplätze ein.

Wurden Sie auch mit Kindsmissbrauch konfrontiert?

Ich habe Fälle gesehen, aber ich kann nicht sagen, dass das ein Hauptthema gewesen wäre. Viel häufiger waren es psychische Probleme von Kindern bei geschiedenen Eltern oder Patchworksituationen, unter denen betroffene Kinder (und Eltern) litten. Dabei tun einem die Kinder mehr leid, wenn es in der Familie nicht gut geht, weil sie, nicht wie die Erwachsenen, oft keinen genügenden Einfluss auf die vorherrschende Situation ausüben können.

Hat sich in den 41 Jahren Ihrer Praxistätigkeit eigentlich viel verändert?

Nicht verändert hat sich, dass man mit Kindern anders umgehen muss als mit Erwachsenen. Viel Geduld, genaues Beobachten und unermüdliche Empathie sind neben dem rein medizinischen Können weiterhin die Eckpfeiler der pädiatrischen Therapie. Ultraschalluntersuchungen haben das Röntgen weitgehend ersetzt. Damit wurde auch die Strahlenbelastung reduziert. Die weisse Arztkluft wurde meistens an den Nagel gehängt und so der «Herr Doktor» schon durch die Bekleidung menschlicher. Im Laufe der Jahre hat, wie überall, die administrative Belastung massiv zugenommen, und selbstverständlich eilt es immer mehr.

Sie freuten sich über die Einführung des sogenannten «Gesundheitshefts» als Aktensammler ab Geburt?

Ende der 1990-er-Jahre wurde endlich auch in der Schweiz ein «Gesundheitsheft» eingeführt, das bei jeder Arztkonsultation wenn nötig Einblick in die früheren Daten für allenfalls wechselnde Ärzte gewährt und so auch bei sprachlichen Problemen oft sehr hilfreich ist.

Sind Ferndiagnose oder Telefonberatung in der Pädiatrie eigentlich auch ein Thema?

Wenn bei Telefonberatungen zweifelsfreie Befunde mit entsprechenden Massnahmen resultieren, können oft ohne Arztkonsultationen Ängste abgebaut und auch Kosten vermindert werden. Bleiben aber Unklarheiten bestehen, ist es notwendig, das Kind zu untersuchen, um eine korrekte Diagnose und eine geeignete Therapie zu verordnen.

Hat das Internet mit all seinen Informationen auch zu Krankheiten die Eltern kompetenter werden lassen?

Die Eltern haben mehr Angst im Vergleich zu früher. Sie können die Informationen, die sie im Internet finden, nicht richtig einstufen. Sie sehen oft vor lauter Bäumen den Wald nicht mehr. Als Kinderarzt muss man heute mehr erklären und beruhigen. Angst ausräumen ist dabei die hauptsächlichste Aufgabe.

Wie begegnet man Verständigungsproblemen bei Ausländern?

Die Verständigung gestaltet sich manchmal schwierig. Kommt hinzu, dass die Begriffe zum Teil unterschiedlich gedeutet werden. Beispiel: Wir reden von einer Bronchitis bei starkem Husten. Wenn ich bei einem Südeuropäer von einer Bronchitis rede, geht er von einer Lungenentzündung aus – und gerät in Panik. Man muss deshalb die Bezeichnungen manchmal genau abwägen.

Das lernt man aber nicht in Sprachkursen?

Nein, das lernt man mit der Zeit im Praxisalltag. Vielleicht erfahren dies heute junge Ärzte eher, weil alle in der Ausbildung auch auf den Notfallstationen eingesetzt werden und bereits dort Menschen behandeln, die die hier üblichen Sprachen nicht oder nicht so gut verstehen.

Sie haben sich auch in der Mütter- und Väterberatung des Bezirks Muri engagiert, in der Josef-Müller-Stiftung und waren 22 Jahre in der Schulpflege, davon lange Jahre als Präsident. Eine politische Karriere war kein Thema?

Alles hätte ich nicht geschafft. Ich hatte nicht einmal regelmässig Zeit für sportliche Aktivitäten.

Dabei wäre das so gesund…

Ich bin ja trotzdem gesund geblieben (lacht).

Dann haben Sie so gelebt, wie es einem die Ärzte empfehlen?

Ja. Ich habe nicht geraucht, nur gelegentlich mässig Alkohol genossen und selten Medikamente gebraucht. Ich habe selten verrückte Sachen gemacht, war immer eher vorsichtig.

Würden Sie einem jungen Studenten empfehlen, Kinderarzt zu werden?

Das Wichtigste ist die Freude an der Betreuung von Kindern und Eltern. Man muss zuerst die Kinder mögen, bevor man mit der Medizin an sie herantritt. Wenn diese Voraussetzung gegeben ist, ja. Wobei zu sagen ist, dass die jungen Ärzte heute oft nicht mehr immer 100 Prozent und lieber in Gruppenpraxen mit der Möglichkeit von flexiblen Pensen arbeiten wollen.

Sie standen Tag und Nacht zur Verfügung?

Ja, das stimmt. Ich arbeitete immer an sechs Tagen in der Woche. Das war für mich so, weil ich es gar nichts anderes kannte – auch wegen meiner Tätigkeit im Spital. Das war einfach normal. Und war schliesslich nur möglich, weil meine Frau Monika mich dabei stets unterstützte. Ich hatte sicher zu wenig Zeit für die Familie, vor allem, als unsere Kinder noch klein waren.

Was werden Sie jetzt mit der neu gewonnen Zeit anfangen?

Zuerst freue ich mich sehr auf das Leben ohne straffen Sprechstundenbetrieb und ohne die nervenden administrativen Belange. Ich kann mehr Zeit zum Lesen, Kontakte pflegen, Wandern, Musik geniessen und Reisen einsetzen.

Wenn Sie zurückblicken, was ziehen Sie für eine Bilanz?

Ich bin zufrieden mit meinem Leben. Wenn man das sagen kann, ist dies wohl das Beste, das man erreichen kann. Ein gelungenes Leben ist ein möglichst selbstbestimmtes Leben mit einem Häubchen Glück dazu. Diese Definition trifft auf mich zu.