Bettwil
Nach 20 Jahren ist Roger Burri auch ein Bettwiler

Roger Burri, Speerspitze des Widerstands gegen die Asylunterkunft, lebte 20 Jahre zurückgezogen. Mit dem Triumph über den Bund hat der Chef des Bürgerkomitees nun einen festen Platz in Bettwil – auch wenn sein Stil nicht von allen goutiert wird.

Pascal Meier
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Anerkennendes Schulterklopfen im «Bauernhof»: Roger Burri (rechts) mit seiner Frau Jeanette.Pascal Meier

Anerkennendes Schulterklopfen im «Bauernhof»: Roger Burri (rechts) mit seiner Frau Jeanette.Pascal Meier

An der grossen Siegesparty im Gasthof Bauernhof ist Roger Burri der Mann der Stunde. Der 51-jährige Unternehmer hat mit Gemeindeammann Wolfgang Schibler massgeblich dazu beigetragen, dass die Asylunterkunft in der «Bloodhound»-Stellung faktisch vom Tisch ist. Der Kanton musste Bettwil schliesslich recht geben, dass der Bund das Armeegelände nicht ohne Bewilligung als Asylunterkunft nutzen darf.

«Ohne Roger Burri wären wir nie so weit gekommen», sagt ein Bettwiler im «Bauernhof». Lobende Worte findet auch alt Gemeindeammann Alois Meier: «Es ist ein grosses Glück für ein Dorf, Leute wie Roger Burri zu haben.»

Burri war nicht integriert

Von diesem Glück hat Bettwil jahrelang nichts gewusst – obwohl Roger Burri seit 20 Jahren hier lebt. Weil kein Vereinsmensch und beruflich viel unterwegs, war Burri im Dorf nicht integriert. «Ich kam 1990 als ‹fremder Fötzel› nach Bettwil und spüre das heute noch.»

Das Dorf sei halt konservativ, sagt der Chef einer Recyclingfirma – und er ein Exot. Denn statt Jassen und Schiessen restauriert Burri in der Freizeit Flugzeuge. Als der frühere Berufspilot dann noch einen Hangar baute, sorgte das für einigen Wirbel. Eine Verschandelung der Landschaft, kritisierten Bettwiler.

Nicht nur Freunde machte sich Burri auch mit der ultimativen Forderung nach Steuersenkungen. «In der Sache hatte er recht, es sprengte aber den Rahmen», sagt ein Mann aus dem Dorf heute. Der damalige Gemeindeammann Alois Meier charakterisiert Burri als «kritisch, aber sachlich».

Seinen grossen Auftritt hatte Roger Burri dann am 24. November letzten Jahres. «Sie sollen sich schämen», warf der frisch gewählte Präsident des Bürgerkomitees Pro Bettwil Regierungsrätin Susanne Hochuli an den Kopf, die mit Mario Gattiker, dem Direktor des Bundesamts für Migration, in der Turnhalle über die Asylunterkunft informierte.

Roger Burri rief dazu auf, mit allen «gewaltfreien Mitteln gegen die Obrigkeit aus Bern und Aarau» zu kämpfen. Burri: «Ich selber werde keinen Aufwand und keine Kosten scheuen, euch dabei zu helfen.» Unter grossem Applaus sicherte ihm der Saal die Gefolgschaft zu.

Burri: «Ich bin ein Anführer»

«Roger Burri hat an diesem Abend die Lunte angezündet und seither brennt diese», sagt ein Bettwiler heute. Und tatsächlich machte Burri mit Gemeindeammann Wolfgang Schibler den Behörden in Aarau und Bern gehörig Feuer unter dem Hintern: Mehrmals zogen die Bettwiler medienwirksam mit einer «Justitia» aus Fleisch und Blut nach Aarau.

Auf dem Hügel ob Bettwil brannte symbolträchtig ein Höhenfeuer. Es folgten ein Fackelzug sowie eine Petition mit 10000 Unterschriften zuhanden des Regierungsrates. Roger Burri war auch mit dabei, als Bettwiler in die Militäranlage eindrangen und eine Gemeindeflagge an jenem Ort hissten, wo im Februar rund 100 Asylbewerber aus Nordafrika einziehen sollten.

Innert kürzester Zeit hat sich Roger Burri damit vom Neuzuzüger mit Basler Dialekt zum kompromisslosen Wortführer des Bettwiler Widerstandes gewandelt – eine Rolle, die passt. «Ich bin nicht der kollegiale Typ, wie er zum Beispiel in einem Gemeinderat gefragt ist», sagt Burri. «Ich bin ein Anführer.»

«Burri ist ein grössenwahnsinniger Spinner»

Diesem Anführer sind die Bettwiler treu gefolgt. «Roger Burri hat gut zu uns geschaut und uns Mut gemacht», sagte eine Bettwilerin an der Siegesfeier. Ihre Kollegin spricht spasseshalber von «unserem Guru» – Wasser auf die Mühlen jener Minderheit in der Gemeinde, die nichts mit dem radikalen Stil des Komiteepräsidenten anfangen kann.

Auf Facebook wurde Burri als «grössenwahnsinniger Spinner» bezeichnet, der «seine Meute zum tabulosen Kampf um jeden Preis hetzt». Einige Bettwiler fürchteten sich vor einer Eskalation der Proteste oder sogar vor Anschlägen auf Asylbewerber, wie sie 2003 in Bettwil für Schlagzeilen gesorgt haben.

«Wir haben sicher auch Fehler gemacht», gibt Roger Burri zu. Vor allem die erste Protestwelle habe zu eskalieren gedroht. «Einzelne hätten am liebsten Gülle vor der Armeeanlage ausgeleert.»

Bei der Solidaritätskundgebung mit Höhenfeuer hörten Journalisten zufällig, wie ein Mann vorschlug, auch gleich die Asylanten ins Feuer zu werfen. «Solche Vorfälle machten mir Angst», sagt Burri, der sich wiederholt von Extremisten abgrenzen musste und als «Fremdenhasser» beschimpft wurde.

Diese Angst ist nun vorbei. Jetzt soll in Bettwil langsam wieder Ruhe einkehren. Für Roger Burri fehlt dazu jedoch noch etwas: «Eine offizielle Entschuldigung von Bund und Kanton.»