Ende einer Ära
Nach 100 Jahren verliert Boswil seine letzte Bäckerei

Der Ofen der Traditionsbäckerei beim Mühlibeck in Boswil ist bald aus: Herbert und Käthy Fischer ziehen sich aus dem Geschäftsleben zurück – am 18. Juli ist der letzte Verkaufstag.

Eddy Schambron
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Käthy und Herbert Fischer, Mühlibeck, Boswil, eröffnen ihre Bäckerei nach den Sommerferien nicht mehr. Eddy Schambron

Käthy und Herbert Fischer, Mühlibeck, Boswil, eröffnen ihre Bäckerei nach den Sommerferien nicht mehr. Eddy Schambron

Eddy Schambron

Herbert und Käthy Fischer der Traditionsbäckerei Mühlibeck in Boswil hören nach 31 Jahren auf. Der strenge Bäckerberuf und die langen Arbeitstage im Laden sowie die abendlichen Büroarbeiten gingen nicht spurlos an den beiden vorbei.

«Und jetzt stehen hohe Investitionskosten und immer wieder neue Vorschriften an. So haben wir uns entschlossen, die Bäckerei zu schliessen», sagt der Bäckermeister. Am Samstag, 18. Juli, ist der letzte Tag. Fischers starten wie jedes Jahr in die Sommerferien, aber es gibt keine Wiedereröffnung im August.

Nachfolge unwahrscheinlich

Vor 31 Jahren haben Herbert und Käthy Fischer gegenüber der elterlichen Bäckerei eine neue gebaut. «Es war klar, dass ich Bäcker wurde, es war zu jener Zeit einfach üblich, dass ein Sohn die Nachfolge des Vaters übernahm», erinnert sich Fischer.

Es sei ein guter Entscheid gewesen, die Bäckerei neu zu bauen. Aber inzwischen stehen wieder Investitionen an. «Alle Maschinen sind jetzt auch 30 bis 50 Jahre alt.»

Die Söhne von Fischers sind in anderen Berufen tätig, einen Nachfolger zu finden, ist fast unmöglich. Hinzu kommt, dass sich das Einkaufsverhalten der Kundschaft im Lauf der Zeit wesentlich verändert hat. «Man ist mobil geworden, kauft schnell in einem Tankstellenshop etwas ein, tätigt seine Einkäufe sowieso viel unregelmässiger», stellt Fischer fest.

Die Ladenöffnungszeiten sind teilweise bis 20 oder 22 Uhr. Das hat Auswirkungen auf eine kleine Bäckerei: «Manchmal hat man zu früh kein frisches Brot mehr, handkehrum bleibt man auf zu vielen Backwaren sitzen.» Die Produktionsplanung ist schwierig geworden.

«Wir waren ein gutes Team, all die Jahre», meint Fischer. So hat doch seine Frau während der gesamten Geschäftszeit voll mitgearbeitet und ihn immer unterstützt. In der Weihnachts- und Osterzeit kamen so meist sieben Arbeitstage pro Woche zusammen.

100-jährige Tradition

Mit der Schliessung verliert Boswil die letzte Bäckerei. Wegfallen wird auch der Hauslieferdienst in Staffeln, Hermetschwil und Besenbüren. Damit endet letztlich eine 100-jährige Bäckertradition in Boswil, von denen die Familie Fischer gut 60 Jahre geprägt hat.

«Natürlich tut das weh», sagen Fischers, die neben dem klassischen Bäckereiangebot auch immer ein gewisses Sortiment an Nahrungsmitteln des täglichen Bedarfs geführt haben. «Aber der Entschluss steht jetzt fest.»

Sie werden ihre Arbeit bis zum letzten Tag mit Freude und Engagement machen. «Ich kann mir vorstellen, nachher auch mal bei einem Kollegen einzuspringen, wenn Not am Mann ist», sagt der 62-jährige Bäcker, der sich aber nirgends mehr fest anstellen lassen will.

Vielleicht wird er im Winter auch den alten Holzofen einmal in Betrieb nehmen, um nach alter Väter Sitte Brot zu backen. «Aber ich verpflichte mich nicht mehr weiter.» Die Bäckerei im eigenen Haus wird später vielleicht umgenutzt oder in eine Wohnung verwandelt, das bleibt im Moment noch offen.

Einmal Weihnachten ohne Arbeit

Vermissen werden Käthy und Herbert Fischer den Kundenkontakt. «Wir hatten immer eine liebe Stammkundschaft, der wir sehr dankbar sind.» Langweilig werden wird es den Bäckersleuten nicht. Einerseits gibt es in und um ein Haus immer Arbeit, andererseits steht nach dem 18. Juli mehr Zeit für Hobby und andere Aktivitäten zur Verfügung. Der Bäcker, begeisterter Modelleisenbahner und Velofahrer, könnte seine Leidenschaft wieder aktivieren. Und seine Frau freut sich erstmals ganz besonders auf Weihnachten: «Das war bisher immer der stressigste Tag im Jahr. Die nächsten Weihnachten können wir ganz gemütlich feiern wie die meisten anderen auch.»