Fusion
Mutschellen: Ein Rückblick in die bewegte Zukunft

Wie drei Gemeinden zusammengewachsen sind und was die Menschen früher über die schnelle Entwicklung dachten.

Dominic Kobelt
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Eine historische Aufnahme vom Mutschellen, als erst wenige Häuser das Landschaftsbild prägten.

Eine historische Aufnahme vom Mutschellen, als erst wenige Häuser das Landschaftsbild prägten.

zvg

An einem bestimmten Punkt auf dem Mutschellen steht man in drei Gemeinden: Auf der Bellikonerstrasse sieht man vor sich die Bushaltestelle Kesslernmatt, die Fussspitzen in Berikon, die Absätze in Widen und Rudolfstetten. Optisch lässt sich der Grenzverlauf aber nicht ausmachen – das Gras spriesst auf beiden Seiten des Gartenzauns, der ziemlich genau auf der Grenze zwischen Rudolfstetten und Widen steht.

Auf beiden Seiten gleich grün. Die Gemeinden sind zusammengewachsen – zumindest an diesem Punkt. Vor langer Zeit standen hier keine Häuser, sondern Pfaffenhütchen; Sträucher mit roten Kapselfrüchten. Die Früchte gleichen den vierteiligen Brötchen, die früher an vielen Orten um Neujahr gebacken wurden – Mutschli. So kam der Hügel zu seinem Namen.

Das Pfaffenhütchen würde auch im Wappen einer fusionierten Gemeinde Mutschellen vorkommen: Berikon, Widen und Rudolfstetten haben mit dem Projekt «Zukunft Mutschellen» diese und Dutzende (wichtigere) Fragen abgeklärt. Die Gemeinden arbeiten schon heute eng zusammen. Die Bestrebungen oder zumindest die Gedanken rund um einen Zusammenschluss sind also ein logischer Schritt. Kreisschule, Unihockeyclub und Kinderbetreuung haben es vorgemacht und tragen in ihrem Namen nicht mehr eine Gemeinde, sondern Mutschellen.

Mit der BD-Bahn gewachsen

Dass die Region zu einer Einheit zusammengewachsen ist, verdankt sie der wichtigen Verkehrsverbindung zwischen Reuss- und Limmattal, heute symbolisiert durch die Schienen der Bremgarten-Dietikon-Bahn. Mit der zunehmenden Verkehrsvernetzung zogen immer mehr Familien zu und neue Geschäfte eröffneten, besonders ab den 1950er-Jahren.

Allerdings dauerte es zwischen Bahneröffnung und Bauboom knapp 50 Jahre: Am 1. Mai 1902 startete der fahrplanmässige Betrieb zwischen Bremgarten Obertor und Dietikon. Rund 1000 Schulkinder, die zu einer Gratisfahrt eingeladen waren, feierten zusammen mit der Bevölkerung die Betriebseröffnung auf dem Mutschellen.

Damals wie heute gab es Konflikte zwischen Bahn und Strassenverkehr: In der Dorfchronik von Rudolfstetten-Friedlisberg ist nachzulesen, dass die Schienen in die bestehende Mutschellenstrasse verlegt wurden. Der Fahrstreifen verringerte sich deshalb auf knapp 4 Meter. Die Bauern, die mit grossen Heufudern unterwegs waren, kamen aufgrund der engen Platzverhältnisse den Bahnwaggons in die Quere. Dieses Problem besteht heute nicht mehr, Schienen und Fahrbahn verlaufen säuberlich getrennt.

Die Diskussionen drehen sich vielmehr um den Mutschellen-Knoten, wo die Bahn in Stosszeiten achtmal pro Stunde die Strasse quert und damit manchen Autofahrer zum Fluchen bringt. Die Fusionsbefürworter argumentieren, eine Gemeinde Mutschellen hätte in Aarau mehr politisches Gewicht und könnte den Anliegen mehr Nachdruck verleihen. Im Gespräch sind zwei Varianten, die entweder Bahn oder Autos im Boden verschwinden lassen wollen und laut Studie zwischen 45 und 80 Millionen Franken kosten werden.

Mutschellen ist Heimat

Täglich steigen in Widen, Berikon und Rudolfstetten Hunderte Pendler in die Bremgarten-Dietikon-Bahn ein, auf ihrem Weg zur Arbeit in Zürich – ein Standortvorteil. Die Nähe zur Grossstadt empfinden aber nicht alle nur positiv. Schon im Buch «Über de Mutschälle», das 1984 vom Gewerbeverein Region Mutschellen herausgegeben wurde, wird beschrieben, dass viele Erwerbstätige in den umliegenden Städten arbeiteten und dort ihr Beziehungsnetz aufbauten.

Der Jugendseelsorger André Lernhart wünschte sich in seinem Beitrag deshalb ein Wachstum, bei dem den Menschen die Zeit bleibt, «ihre Nachbarn zu entdecken». Und dass sich die Menschen nicht nur über den beruflichen Erfolg identifizieren, sondern über ihr Dorf, ihre Region. Oder wie er seinen Wunsch zusammenfasste: «Auf die Frage: ‹Hallo, lange nicht mehr gesehen, was machen Sie denn so?› kommt nicht mehr automatisch die Antwort: ‹Ich bin Chef-Manager bei Pfusch & Co.›»

Auch heute noch ringt man auf dem Mutschellen um das Zusammengehörigkeitsgefühl – hört man doch von manchen Berikern, dass sie zwar in ihrem Quartier gut vernetzt sind, aber kaum wissen, wer am anderen Ende der Gemeinde wohnt. Und so gibt die Projektgruppe im Abschlussbericht von «Zukunft Mutschellen» auch der Angst vor einer zunehmenden Anonymisierung Ausdruck.

Im Februar stimmt die Bevölkerung an einer ausserordentlichen Gemeindeversammlung darüber ab, ob ein Fusionsvertrag ausgehandelt werden soll. Steht man auf dem Punkt vor der Bushaltestelle, wird klar, dass sich hier nicht viel verändern wird, egal wie die Stimmbürger entscheiden. Sie müssen die Emotionen tief halten und abwägen, was politisch Sinn macht. Der Mutschellen bleibt ein schöner Ort. Oder wie sich Lernhart ausdrückte: «Müsste ich meine Vision vom Mutschellen in ein einziges Wort packen, so würde dies ‹Heimat› sein.»