Hägglingen

Muskelkater, Grippe, Liebeskummer – so rund geht es beim Skilager zu und her

Ein super Team: Die 36 Schülerinnen und Schüler sowie die elf Leiterinnen und Leiter hatten sichtlich Spass in ihrem Schneelager im Diemtigtal.

Ein super Team: Die 36 Schülerinnen und Schüler sowie die elf Leiterinnen und Leiter hatten sichtlich Spass in ihrem Schneelager im Diemtigtal.

Unsere AZ-Redaktorin Andrea Weibel war eine Woche lang Hausmami für 36 Sechstklässler im Skilager im Diemtigtal im Berner Oberland. Hier erzählt sie von ihrem Abenteuer und davon, was die Erfahrung für die Kinder so besonders macht.

Die Anfrage kam kurzfristig. «Wetsch Huusmami imene Skilager mache?», leuchtete es Mitte Januar auf meinem Handy-Display auf.

Hausmami? Ich hatte keine Ahnung, was das bedeutet. Aber Skilager? Ja klar! Frei hatte ich in der ersten Märzwoche sowieso, also sagte ich spontan zu.

Ich packte meine Snowboard-Sachen, meine kleine Reise-Apotheke, ein geliehenes Cowboy-Kostüm (Wochenthema «Wilder Westen»), und zur Sicherheit auch Traubenzucker (gegen Heimweh) und trat ansonsten unwissend am Sonntag, 4. März, beim Hägglinger Schulhaus zum Hausmami-Dienst an.

Drei der elf Leiter kannte ich aus Handballzeiten, die anderen schienen auch ganz nett. Doch als mich Monika Andres, eine der beiden Hauptleiterinnen, zur Begrüssung herzlich umarmte, war klar: Die Woche wird toll.

Reden hilft gegen fast alles

36 Sechstklässler waren es, die wir betreuten. Die acht Skilehrer, zwei davon Lehrer an der Schule Hägglingen, lernten ihre Ski- und Snowboardgruppen schnell kennen. 30 Skifahrer, davon 11 Anfänger, plus 6 Snowboarder waren es. Ich als Hausmami hatte anfangs wenig mit den Schülern zu tun. Generell hatte ich wenig zu tun.

An den ersten zwei Tagen fragte ich mich, ob ich etwas falsch mache. Ich half in der Küche, aber brauchen tat es mich nicht. Die Leiter erzählten, wie toll das bisherige Hausmami, das an der Projektwoche mithelfen musste und drum nicht dabei sein konnte, ihren Job gemacht habe. Aber was hatte sie gemacht?

Am dritten Tag wurde mir alles klar. Dann begann die Aua-Zeit, die Zeit von Muskelkater, Kopfschmerzen, Müdigkeit. Kurz: die Zeit des Hausmamis. Ich war gerade dabei, Butterbrote und Apfelschnitze für die hungrigen Schneesportler vorzubereiten, als einer der Leiter anrief, um mitzuteilen, er bringe einen Verunfallten mit Kopfschmerzen zu mir nach Hause.

Der Patient war auf Eis ausgerutscht und auf den Kopf gefallen – zum Glück natürlich mit Helm. Es schien ihm nicht schlecht zu gehen, er nahm sich ein Zvieri, während er mir von seinem Unfall berichtete. Reden hilft im Lager gegen fast alles, das wurde mir einmal mehr bewusst.

Er versprach, sofort Bescheid zu geben, falls ihm schlecht wurde. Und er lachte mit, als wir hörten, er habe beim Sturz einen Salto gemacht, woraufhin die Anfänger ganz verängstigt gefragt hätten, wann sie denn den Salto lernen würden.

Tag des Perskindols

Der dritte Tag war auch Tag des Perskindols. Überall hatten die jungen Sportler Muskelkater. Ein paar hielten die Schmerzen kaum aus, schafften den Gang zum Kuchenbuffet aber problemlos, wenn sie sich unbeobachtet fühlten.

Andere fragten nur, ob es normal sei, dass es überall ziehe, und waren mit einem einfachen «Ja» zufrieden. Auch das Mädchen, das den wohl spektakulärsten Stunt der Geschichte der Diemtigtaler Skilifte hingelegt hatte – so ähnlich habe ich es zumindest gehört –, kam mit dem Schrecken davon.

Sie war aus dem Lift gestürzt und in vollem Karacho ein weites Stück geschlittert, weil sich ein zu leichter Kamerad vor ihr nicht halten konnte. Das berichtete sie bereits wieder lachend. Dann war da noch das Mädchen, das einen Tag lang daheim bleiben musste, weil es erhöhte Temperatur hatte und mehrmals erbrechen musste. Wir machten uns einen Tag mit DVDs und Salzstangen. Auch das macht ein Hausmami.

«We Are The World»

Und dann kamen die letzten zwei Abende. Zum Singstar am Mittwoch sagt Monika Andres: «Das machen wir jedes Jahr, aber so habe ich es noch nie erlebt.» Ein Grüppchen stellte sich ans Mikrofon, doch bald animierten sie ihre Freunde, ebenfalls nach vorne zu kommen.

Den Höhepunkt fand der Abend bei «We Are The World», bei dem nicht nur die Kinder, sondern auch die Leiter auf der «Bühne» standen und aus Leibeskräften sangen. «Ein so starkes Zusammengehörigkeitsgefühl gab es noch nie in einem Lager», freut sich Andres. Und am letzten, dem bunten Abend, wurden die Leiter auch bei der Disco immer wieder auf die Tanzfläche gezogen.

Ich hätte es nicht gedacht, aber am Ende der Woche kannte ich fast jedes Kind samt seiner Geschichte. Ich hatte sie jeden Tag vor dem Mittagessen und Znüni in Empfang genommen, mir am Fenster, an dem sie zum Skikeller vorbeigingen, ihre Berichte angehört, den halb Verdurstenden Wasser gebracht, anderen Salbe auf die schmerzenden Beine gestrichen. Sie kamen, um mir von ihren Pferden, Freundinnen oder Verwandten in Italien zu berichten.

Und sie gaben mir sofort Bescheid, als der erste Junge ein Mädchen gefragt hatte, ob es mit ihm gehen wolle («Ja!»). Für die Verliebten gab es ein High Five, für jene mit Herzschmerz ein Trost-Twix. Und am Ende kam sogar das Mädchen, von dem einige Lehrer erwartet hätten, dass es in einem Lager untragbar sein würde, und sagte: «Ich werde dich vermissen.»

Es ist sehr schade, dass es vorerst das letzte Schneelager der Schule Hägglingen sein wird (siehe unten). Denn es war schön zu sehen, wie gut es einigen tut, einmal mit ganz neuen Gspändli und Betreuern eine physisch und emotional intensive Woche zu erleben. Ein Hoch aufs Skilager!

Verwandtes Thema:

Meistgesehen

Artboard 1