Muri

Murianer Auswanderer in «Amerika»: «Wir Schweizer waren im 19. Jahrhundert die Wirtschaftsflüchtlinge»

Sie bringen «Amerika» nach Muri: Regisseur Adrian Meyer (links) mit dem Team Ressort MuriTheater, Christoph Käppeli (Finanzen), Christoph Zurfluh (Stück), Paula Loher und Nicole Laubacher (Produktionsleitung); auf dem Bild fehlt Ruth Käppeli. zvg/Maurice Loher

Sie bringen «Amerika» nach Muri: Regisseur Adrian Meyer (links) mit dem Team Ressort MuriTheater, Christoph Käppeli (Finanzen), Christoph Zurfluh (Stück), Paula Loher und Nicole Laubacher (Produktionsleitung); auf dem Bild fehlt Ruth Käppeli. zvg/Maurice Loher

Gegen 400'000 Schweizerinnen und Schweizer verliessen im 19. Jahrhundert ihre Heimat. Die meisten aus schierer Not. Rund 200 stammten aus Muri. Von ihnen erzählt das Stück, das MuriTheater im Sommer 2020 im Klosterhof präsentieren wird.

Muri, 1854: Die zweite Auswanderungswelle nach Übersee erreicht ihren Höhepunkt. Verlockende, oft geschönte Nachrichten «von drüben» und bittere Armut zu Hause wirken als Katalysatoren. 81 Murianerinnen und Murianer wandern allein in diesem Jahr aus. Die meisten nach Amerika. Die wenigsten freiwillig. Vom Exodus profitieren nicht bloss Auswandereragenturen, sondern auch die Gemeinde, die sich auf diese Weise ihrer ärmsten Mitglieder entledigt. Mittellose, die sich vom Acker machen, bekommen die Reisekosten aus der Armenkasse vergütet. Das ist billiger, als sie ein Leben lang durchzufüttern.

Wie gross das Interesse der mausarmen Gemeinde Muri ist, den unproduktivsten Teil ihrer Bevölkerung loszuwerden, zeigt sich daran, wie viel sie sich das Abenteuer kosten lässt. Durchschnittlich 117 Franken pro Auswanderungswilligen – mehr als den Jahreslohn eines einfachen Bauern – nimmt sie 1854 in die Hand. Rein rechnerisch verlässt in diesem Jahr jeder zweite Auswanderer Muri auf Kosten der Gemeinde – und mit dem Segen des jungen Bundesstaats, der Auswanderungswillige zusätzlich mit einem Reisegeld ausstattet.

Lauter Wirtschaftsflüchtlinge

«Amerika» – so der Arbeitstitel des Freilichttheaters 2020 – erzählt die Murianer Auswanderergeschichte des Jahres 1854 aus der Sicht des Unteragenten, des etwas schmierigen Wirts Lonzi, der im Auftrag einer grossen Auswandereragentur die Verträge abschliesst und dafür natürlich eine Provision kassiert. Sein Interesse, so viele Menschen als möglich ins «gelobte Land» zu spedieren, ist deshalb mindestens so gross wie das der Gemeinde. «Lonzi verkörpert aber keineswegs nur das Böse», erklärt Christoph Zurfluh, der Murianer Autor des Stücks, «sondern er ist ganz einfach ein Mensch, der zuerst für sich selber sorgt. Die Welt, sagt er deshalb, wird nicht besser, wenn es mir schlechter geht.»

Im Grunde genommen, so Zurfluh weiter, seien wir Schweizer im 19. Jahrhundert genau das gewesen, was man heute in gewissen Kreisen oft despektierlich als Wirtschaftsflüchtlinge bezeichnet. «Die Menschen haben ihr Land nicht als politisch Verfolgte verlassen, sondern deshalb, weil sie hier nicht die geringsten Perspektiven hatten.»

Alles, was berührt

Der Grund, weshalb MuriTheater im Sommer 2020 das Auswandererthema auf die Bühne bringt, liegt aber nicht in seiner offensichtlichen Aktualität, sondern vor allem in seiner Emotionalität: Es beinhaltet ganz einfach alles, was ein packendes Theatererlebnis ausmacht – von der Hoffnung auf das grosse Glück über den Abschiedsschmerz bis hin zu Intrigen, Wut, Trauer und bitterer Enttäuschung. Dass die Geschichte lokal verankert ist und quasi vor der Haustür spielt, macht sie nur umso berührender.

«Amerika» ist momentan zwar noch nicht ganz «bühnenreif», liegt aber in einer Rohfassung vor. In den Startlöchern oder sogar schon an der Arbeit ist auch das künstlerische Team, das von seiner Zusammensetzung her auf ein echtes Theatererlebnis hoffen lässt. Mit Adrian Meyer (Regie), Alina Schwitter (Regieassistenz), Christov Rolla (Musik), Stefan Hegi (Bühnenbild), Bernadette Meier (Kostüme), Mariana Coviello (Choreografie) und Edith Szabò (Lichtkonzept) konnte das Team vom Ressort MuriTheater eine vielversprechende und erfahrene Crew für das Projekt begeistern. Die Produktionsleitung teilen sich Nicole Laubacher und Paula Loher. (az)

Autor

Eddy Schambron

Eddy Schambron

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