Muri
Wie Oberfreiämter Bauern mit einem Giftpilz Traktoren finanzierten

Das Murianer Museum zwischen Pflug und Korn präsentiert ab dem 9. Mai mit «Mutterkorn» und «Torfabbau» zwei spannende Sonderausstellungen.

Toni Widmer
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Präsident Ueli Ineichen (rechts) und Eduard Strebel vom Museumsverein begutachten eine historische Maschine, mit der man einst das Getreide mit Pilzsporen geimpft hat.

Präsident Ueli Ineichen (rechts) und Eduard Strebel vom Museumsverein begutachten eine historische Maschine, mit der man einst das Getreide mit Pilzsporen geimpft hat.

Toni Widmer

Eigentlich müsste das Murianer Museum zwischen Pflug und Korn seinen Namen vorübergehend etwas erweitern. Denn in der aktuellen Doppelausstellung, die am Muttertagssonntag, 9. Mai, eröffnet wird, geht es – neben Torf – nicht um Korn, sondern um Mutterkorn.

Das ist kein Nahrungsmittel, sondern eine hochgiftige Schlauchpilz-Art, die aus den Ähren des Getreides herauswächst. Von diesem «Claviceps purpurea» wussten die Menschen während Jahrhunderten nichts. Aber sie spürten ihn. Ueli Ineichen, der Präsident des Museumsvereins, umschreibt den Schrecken der damaligen Zeit:

«Schon die Römer berichteten vom ‹Ignis sacer›, dem ‹heiligen Feuer›, das ganze Dörfer dahinraffte. Die Leute starben unter brennenden Schmerzen und niemand wusste warum.»

Vorerst die Hexen als Ursache der Krankheit vermutet

Über Generationen wurden böse Machenschaften von Hexen hinter der Seuche vermutet. Erst Ende des 17. Jahrhunderts wurde der längliche Pilz als Verursacher entdeckt. Er war über minderwertiges, schlecht gereinigtes oder feuchtes Getreide ins Brot gelangt und hatte Tausende Menschen buchstäblich vergiftet.

Als Heilmittel hatten Hebammen die giftigen Sporen allerdings schon früher eingesetzt. Sie hätten, erzählt Ineichen in der Begleitbroschüre, Gebärenden schon im Mittelalter zusammen mit einem Glas Wein etwas davon verabreicht, um die Wehen zu verstärken und Blutungen zu stillen.

1918 ist es dann dem Basler Unternehmen Sandoz gelungen, das Alkaloid «Ergotamin» aus dem Mutterkorn zu isolieren, und damit lässt sich nun auch die Brücke ins Oberfreiamt schlagen.

Mit Mutterkornanbau war sehr viel Geld zu verdienen

Weil dort die klimatischen Bedingungen für das Wachstum dieses Schlauchpilzes gut sind und der Basler Chemiekonzern immer mehr davon für die Produktion seines Migränemittels «Gynergen» benötigte, wurde insbesondere in der Region Sins von 1953 bis 1975 Mutterkorn gewonnen.

Das Brotgetreide als Träger des Pilzes wurde dazu in einem bestimmten Stadium mit einer von Sandoz gelieferten sporenhaltigen Flüssigkeit geimpft. Nach der Ernte wurde das Mutterkorn in mühsamer Handarbeit wieder vom Roggen geschieden.

Museumspräsident Ueli Ineichen erzählt anhand von Bildern vom Schrecken, den das Mutterkorn über Jahrhunderte verbreitet hat.

Museumspräsident Ueli Ineichen erzählt anhand von Bildern vom Schrecken, den das Mutterkorn über Jahrhunderte verbreitet hat.

Toni Widmer

Der Chrampf habe sich allerdings gelohnt, schreibt Ueli Ineichen in seiner Abhandlung: «Sandoz übernahm die Mutterkörner zu einem Preis von 28 Franken pro Kilo. Die Oberfreiämter Bauern konnten sich mit dem Geld einiges leisten. Berichtet wird von neuen Küchen oder Badezimmern und manchenorts hat ein Jahresertrag offenbar gar für einen Traktor ausgereicht.»

Heizmittel und Bodenverbesserer für Hobby-Gärtner

Das zweite Thema, dem sich das Museum in seiner neuen Sonderausstellung widmet, ist der Torf oder «Toorbe», wie er im Freiamt landläufig genannt wird. Eine Hochburg des Torfabbaus war das Fohrenmoos zwischen Boswil und Bünzen.

Bis zur Annahme der Rothenthurm-Initiative, die zum Ziel hatte, die Hochmoore zu schützen, war Torf nicht nur ein begehrtes Heizmittel, sondern auch ein beliebter Bodenverbesserer. Wie schon zum Thema «Mutterkorn» vermittelt «Pflug und Korn» auch zum Thema Torf mit via QR-Codes abrufbaren Bildern, Videos und Texten sowie wie historischen Gerätschaften und Maschinen spannende Hintergrundinformationen.

Das Museum startet am Sonntag, 9. Mai, von 13 bis 16 Uhr in die neue Saison. Es gilt freie Besichtigung nach den Coronabestimmungen und statt des traditionellen Muttertagsbrunchs gibt es Take-away. Ab Montag, 10. Mai, ist das Museum coronabedingt nur auf Voranmeldung offen. Infos: www.museum-muri.ch, 056 664 71 28.