Muri
Naturschutz oder Landwirtschaft: Darum hat das uralte Moorgebiet ums Murimoos sehr viel Potenzial für eine Renaturierung

Murimoos werken und wohnen liegt mitten in einem sehr fruchtbaren Tal, dem Bünztal. Früher war hier alles Moorgebiet, dann wurde der Torf abgetragen und die Fläche intensiv genutzt. Der Kanton hat abgeklärt, wo sich Moorböden mit viel Potenzial für den Naturschutz befinden – im Freiamt liegt das grösste rund ums Murimoos. Doch Naturschützer sind eben nicht die einzigen Interessenten.

Andrea Weibel
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Rund um «Murimoos werken und wohnen» liegt ein grosses Moorgebiet, das viel Potenzial für den Naturschutz aufweist – aber natürlich auch für die Landwirtschaft.

Rund um «Murimoos werken und wohnen» liegt ein grosses Moorgebiet, das viel Potenzial für den Naturschutz aufweist – aber natürlich auch für die Landwirtschaft.

zvg

Viele Boswiler, Bünzer und Murianer haben es noch selbst erlebt: Im «Moos», der grossen Landfläche zwischen den drei Dörfern, bauten die Familien bis vor etwa 50 Jahren Torf ab. «Bei uns stach der Vater die Torben unten im Loch ab und warf sie zu uns hinauf. Wir Kinder fingen sie auf und stapelten sie zum Trocknen, bevor wir sie ein paar Tage später auf dem Wagen nach Hause in die Scheune brachten», erinnert sich eine gebürtige Boswilerin.

«Das war jeweils im Sommer, denn im Winter brauchten wir die Torben, um sie zu verfeuern.» Lachend fügt sie hinzu: «Unser Vater fand das nie lustig, wir Kinder schon. Wenn wir nur einen Moment unachtsam waren und miteinander redeten, landete die nächste Torbe von Vater zielgenau an unserem Kopf.»

Aus Sicht des Naturschutzes war dieser Torfabbau eine Sünde, denn so ging sehr viel Moorland verloren. «Feuchtflächen sind Lebensraum für unzählige bedrohte Tier- und Pflanzenarten und erbringen unverzichtbare Leistungen von hohem ökologischen, wirtschaftlichen und sozialen Wert», heisst es beispielsweise im Bericht der Abteilung Landschaft und Gewässer des Kantons von 2019. Darin wird festgehalten, wie das Potenzial für die Wiederherstellung entwässerter Feuchtgebiete erkannt, erhalten und genutzt werden kann.

Kanton braucht 1300 Hektaren an neuen Feuchtgebietsflächen

Im Freiamt gab es früher viele Moore im Bünz- und Reusstal. Durch die Reusstalmelioration wurde das dortige Moorland grösstenteils trockengelegt. Eines der grössten mit dem meisten Potenzial ist heute noch das Murimoos oder «Bünzer Moos», wie das Gebiet eigentlich heisst. Laut Christian Rechsteiner, Projektleiter der Abteilung Landschaft und Gewässer, hat das Gebiet sehr viel Potenzial für die Regeneration ehemaliger Feuchtgebiete.

Dabei wurde es nach zwei Grundlagen geprüft: «Wichtig sind einerseits das Regenerationspotenzial, also die Bodenqualität, sowie die topografische und hydrologische Eignung, andererseits die ökologische Bedeutung, also die Nähe zu bestehenden Feuchtgebieten und die Vernetzungsfunktion», erklärt er. Bezüglich dieser beiden Faktoren zählt das Gebiet rund ums Murimoos zur Gruppe mit der höchsten Priorität.

Rechsteiner betont allerdings: «Das ist eine reine Potenzialanalyse. Wir haben bisher keinerlei Interessenabwägung mit den Eigentümern und anderen Stakeholdern gemacht und auch keinen spezifischen Auftrag, die Nutzung der Flächen umzugestalten.» Allerdings könne die Potenzialkarte zum Vergleich herangezogen werden, falls beispielsweise irgendwo Drainageleitungen ersetzt werden sollen oder andere Projekte anstehen. Um die Biodiversität nachhaltig erhalten zu können, bräuchte der Kanton laut Bericht rund 1300 Hektaren an neuen Feuchtgebietsflächen.

Murimoos sieht seinen Betrieb als sehr ausgewogen an

Moosböden sind aber eben nicht nur für den Naturschutz von grosser Wichtigkeit. Auch die Landwirtschaft profitiert von den nährstoffreichen Böden. Murimoos werken und wohnen hat einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb. Geschäftsführer Michael Dubach erklärt: «Eines unserer Alleinstellungsmerkmale ist, dass unsere Klienten auf den Feldern mitarbeiten können. Sie erleben den gesamten Kreislauf der Lebensmittelherstellung von der Scholle bis ins Ladenregal mit. Das ist eine sinnstiftende Arbeit.»

Ausserdem betont er: «Wir haben einen sehr ausgewogenen Betrieb inklusive der Produktion von Gemüse und Getreide, Tierhaltung, Kompostproduktion und eines grossen Anteils an Ökofläche. Zum Vergleich: Gefordert ist eine Biodiversitätsfläche von 7%, wir verfügen über 18,6% – inklusive des Naturschutzgebiets Erlenmoos.» Er legt die Zahlen vor: Von den 81 Hektaren Landwirtschaftsland sind 55% Grasland, 31% Acker- und Getreidebau und 14% Ökofläche. Murimoos pflegt zudem die Naturschutzgebiete in Absprache mit dem Kanton und initiiert auch neue Elemente wie beispielsweise Biodiversitätstürme.

Im Grossen Rat sind zwei Interpellationen zum Thema hängig

Zu Gunsten des Naturschutzes ganz auf Landwirtschaft verzichten möchte das Murimoos nicht. «Naturschutz und Landwirtschaft kann auch einhergehen. Wir haben einen Biobetrieb und legen viel Wert auf eine möglichst ausgewogene Landwirtschaft. Das kommt Klienten und Konsumenten zugute. Darauf möchten wir nicht verzichten.» Er betont: «Die Landwirtschaft ist ein wichtiger Bestandteil im Murimoos, welchen wir auch weiterentwickeln möchten. Unsere heutige Bodennutzung mit über der Hälfte Grasland und viel Ausgleichsfläche ist unserer Meinung nach aber sicher ausgewogen.»

Im Grossen Rat sind derzeit zwei Interpellationen hängig, die sich genau mit diesem Thema auseinandersetzen. Darin wollen die Grossräte vom Regierungsrat wissen, wie der Kanton gedenke, diese wichtigen 1300 Hektaren neue Feuchtgebietsflächen sicherzustellen. Denn insbesondere intensive Landwirtschaft schadet den Moorflächen und legt das dort gebundene CO2 frei. Dies wird früher oder später auch das Freiamt betreffen.

Murimoos soll zu AG, Förderverein und Stiftung werden

Bisher war die Institution Murimoos werken und wohnen als Verein organisiert. Er vertritt die Grundsätze, die Gründer Sämi Holliger vor 88 Jahren vorgesehen hat: «Der Verein bezweckt die Errichtung und den Betrieb von Wohnformen und von geschützten und offenen Arbeitsplätzen für betreuungsbedürftige, psychisch, körperlich oder sozial benachteiligte Personen», heisst es in den Statuten.

Um dies stärker zu verankern, sollen die Gebäude in eine Stiftung überführt und der Verein zum Förderverein werden. Letzteres soll die Verbundenheit stärken und kleinere Spenden sollen so generiert werden können, sagt Geschäftsführer Michael Dubach. In der Stiftung könne der Zweck nachhaltig gesichert werden und es können grössere Spenden für Investitionen in Gebäude generiert werden.

Zudem soll die operative Führung in einer gemeinnützigen AG organisiert werden. «Schon heute tun wir beispielsweise mit der ordentlichen Revision mehr, als in einem Verein nötig wäre. Da sind wir einer AG schon sehr nahe», sagt Dubach. Die Verwaltung von AG und Stiftung würde durch die gemeinsame Geschäftsstelle erfolgen.

Rechtskräftig könnte die Änderung am Mittwochabend aber nur werden, wenn 50 Prozent aller Mitglieder an der ausserordentlichen Versammlung teilnehmen würden. Ansonsten müsste eine weitere ausserordentliche Versammlung einberufen werden. (aw)