Am Samstag, 12. November 2012, trifft sich die Modellfluggruppe aus Dintikon zum Schlussfliegen. Ein Pilot will zur Landung ansetzen, genau auf der Höhe der Beobachter. Kurz bevor er den Boden berührt, startet der Modellflieger - Gewicht: ca. 1,5 kg - durch. Doch der Flieger berührt den Boden trotzdem noch. Er driftet zu Seite hin weg - direkt in eine Gruppe anderer Piloten und Zuschauern. Der Propeller des Flugzeugs verletzt einen Jungen mittelschwer an der Hand.

Ein Jahr und drei Monate zuvor, findet in Samedan GR eine Modellflugschau statt. Ein Pilot fliegt mit seiner Maschine (30 kg) mehrere Flug-Figuren. Aus noch unbekannten Gründen gerät das Modellflugzeug bei einem Manöver ins Trudeln. Das Flugzeug stürzt ab und kracht in die Zuschauerränge. Es trifft einen 45-jährigen Zuschauer tödlich am Kopf.

Beide Piloten mussten rechtlich gesehen keine Prüfung für ihr Flugobjekt ablegen. Laut der «Verordnung des UVEK über Luftfahrzeuge besonderer Kategorien» ist das Fliegen eines unbemannten Flugobjekts zwischen 0.5 bis 30 Kilogramm ohne Bewilligung erlaubt, obwohl Modellflugzeuge sehr gefährlich sein können. Dies beweisen die beiden Vorfälle in den letzten eineinhalb Jahren.

«Fehler im Schweizer Gesetz»

Laut Marcel Heimgartner, Präsident der Modellfluggruppe aus Dintikon, ist das ein «Fehler im Schweizer Gesetz». Und die Gesetzeslücke wird immer problematischer. «Man kann mittlerweile schon fast überall Modellflugzeuge kaufen», sagt Heimgartner. Man könne ein 30 Kilogramm schweres Flugzeug fliegen, ohne eine Ahnung vom Fliegen zu haben. Auch dürfe man solche Maschinen «wild» fliegen. Das bedeutet: ohne einem Verein anzugehören.

Ähnlich, wie das zweite Modellflugzeug in der Reihe, soll die Crash-Maschine ausgesehen haben.

Ähnlich, wie das zweite Modellflugzeug in der Reihe, soll die Crash-Maschine ausgesehen haben.

Für Heimgartner ist klar, dass die Gefahr von den «Wildfliegern» ausgeht. «Viele Piloten, die nicht in einem Verein sind, unterschätzen die Gefahren, die von einem Modellflugzeug ausgehen», sagt er. Niemand kontrolliere sie und in einem Notfall könne ihnen auch niemand helfen. Heimgartner: «Wenn solch ein Flugzeug abstürzt, wird es gefährlich!»

«Im Verein passiert nichts»

Ganz im Gegenteil zum organisierten Fliegen in den Vereinen. Heimgartner ist sich sicher: «In einem Verein ist das Fliegen kontrolliert. Da passiert eigentlich nichts.»

Trotzdem sei dieser Unfall am Samstag passiert, was zeige, wie gefährlich das Modellfliegen wirklich sei. Die Zuschauer und restlichen Piloten seien, wie es der Schweizerische Modellflugverband (SMV) fordert, seitlich neben der Piste gestanden. Der Unfall wurde also nicht verursacht, weil sich die Gruppe an einem falschen Ort befunden hätte.

Heimgartners Meinung nach tragen die Verkäufer der Modellflugzeuge eine grosse Verantwortung: «Die Händler können kontrollieren, wer an solche Maschinen kommt und ob der Käufer dieses Flugzeug auch kontrollieren kann.» Heimgartners Erfahrung nach kann man ein Modellflugzeug der Grössenordnung des verunfallten Modells erst nach etwa 20 Flugstunden beherrschen.

Fliegen ist Charaktersache

Die erwähnten Probleme sieht auch der Präsident des SMV, Peter Germann: «Man braucht weder einen Flugplatz noch eine Bewilligung zum Fliegen eines Modellflugzeugs zwischen 500 Gramm und 30 Kilogramm.» Es gäbe allerdings Sicherheitsvorschläge und Richtlinien, an welche sich die offiziellen Vereine auch halten würden, sagt er.

Germann sieht aber nicht in der «Wildfliegerei» das Problem. Für ihn ist der Charakter des Piloten entscheidend. Dies erklärt Germann anhand eines Beispiels: «Obwohl man eine Fahrprüfung ablegen muss, gibt es immer wieder Unfälle. Dies hängt auch mit dem Charakter des Lenkers zusammen - damit, ob er das Risiko abschätzen kann.»

Sind die Händler schuld?

Die Idee, dass man nur mit Lizenz fliegen darf, findet bei ihm deshalb keinen Anklang. «So etwas gibt es auf der ganzen Welt nicht», erklärt er. Auch würde man mit einer solchen Massnahme die Falschen treffen. Man würde den Piloten der kleinen Modellflugzeuge das Ausüben ihres Hobbys verunmöglichen, findet Germann. Diese seien ja keine wirkliche Gefahr.

Faszination-Modellflugzeuge

Faszination-Modellflugzeuge

Allerdings verweist auch er auf die Verantwortung der Händler. Man stehe im Kontakt mit den Verkaufsstellen und versuche diese zu sensibilisieren, erklärt er. «Die Händler sollten den Käufer auf die Gefahren hinweisen und auch abklären ob dieser das gekaufte Gerät auch kontrollieren kann», sagt Germann. Ob dies wirklich immer geschieht, weiss German nicht. Er könne sich gut vorstellen, dass die Händler nicht immer ganz konsequent sind.

Modellflugzeug wird zur Waffe

Diese Anschuldigung entspräche nicht der Wahrheit, erklärt hingegen ein Modellflug-Experte der Hope Modellbau AG auf Anfrage. «99 Prozent der Unfälle passieren wegen Unkenntnissen des Piloten», behauptet er. Am Unfall in Samedan im letzten Sommer war er live dabei. Als Speaker der Show. Auch dieses tragische Ereignis sei wegen einem Fehler des Piloten passiert.

«Da ich selbst Pilot bin, sind mir die Gefahren durchaus bewusst. Ein Modellflugzeug wird zur Waffe, wenn man es nicht kontrollieren kann», sagt er. «Viele sehen in einem Modellflugzeug noch immer ein Spielzeug. Aus diesem Grund gibt es auch immer wieder Unfälle.»

Auch er findet, dass strengere Gesetze nichts bringen würden. Der Gesellschaft müsse aber bewusst gemacht werden, wie gefährlich diese «Spielzeuge» sind. Auch sollten die Piloten wissen, dass sie die Verantwortung tragen. «Die Hauptverantwortung liegt beim Piloten, und sicher nicht beim Händler!» (cht)