Bremgarten
Mitgehört am Christchindlimärt: Ein Spion zwischen Glühwein- und Waffelstand

Wer in der Umgebung von Bremgarten aufgewachsen ist, kennt den Christchindlimärt. Trotzdem gibt es immer viel zu entdecken – unser Reporter hat an fünf Orten mitgehört, was die Leute diskutierten.

Dominic Kobelt
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Impressionen vom Christchindlimärt in Bremgarten
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Christkindlimärt Bremgarten 2017
Impressionen vom Christchindlimärt in Bremgarten
Impressionen vom Christchindlimärt in Bremgarten
Impressionen vom Christchindlimärt in Bremgarten
Impressionen vom Christchindlimärt in Bremgarten

Impressionen vom Christchindlimärt in Bremgarten

Dominic Kobelt

Der Christchindlimärt in Bremgarten zieht jedes Jahr tausende Besucher ins Reussstädchen. Für viele ist er auch die Gelegenheit, sich mit Freunden zu treffen und sich auszutauschen. Auf einem Rundgang durch den Markt schnappt man da – freiwillig oder unfreiwillig – immer wieder Gesprächsfetzen auf, und kann sich mit etwas Fantasie eine Geschichte zusammenreimen.

Glühweinstand

Drei junge Leute, um die dreissig, stehen zwischen Glühweinstand und Weihnachtsbaum und diskutieren lebhaft. Einer der Männer, lange Haare, Lippenpiercing, hält zwei Becher Glühwein in den Händen und beklagt sich, dass er einen Teil davon über seine Handschuhe verschüttet hat. Wie sich herausstellt, wartet die Gruppe auf eine Freundin, die gerade die Toilette in der Hardy’s-Bar aufsucht.

Der junge Mann, er könnte Bassist in einer Metal-Band sein, erzählt, dass er im Skilager war und dort seinen früheren Primarlehrer getroffen hat. «Er kannte mich nicht mehr. Als ich ihm gesagt habe, wer ich bin, meinte er nur: 'Als du noch Primarschüler warst, warst du definitiv nicht so auffällig'», sagt er und lacht. Ich laufe die Altstadt hinunter, um vor der Stiefelchnächt-Raclettestube den nächsten Zwischenhalt einzulegen.

Stiefelchnächt

Auch hier treffe ich auf jüngeres Publikum. Ein Bursche mit kurzen blonden Haaren beugt sich zu seiner Kollegin und flüstert ihr zu: «Siehst du die da drüben? Mit der hab ich an der Fasnacht rumgemacht. Vorhin hat sie mich angeschaut und das Gesicht verzogen.» Die beiden kichern. Dann wendet sich der junge Mann seinem Kollegen zu und beginnt mit ihm ein Gespräch über Autos. Er hat ein älters Modell, ohne CD-Spieler, und muss sich mit Radio begnügen. Ich gehe weiter, über die Holzbrücke zum Casino-Platz.

Grillstand

Gleich neben der Holzbrücke stehen die Leute um einen grossen runden Grill und warten auf Bratwürste. “Das sind die guten Jobs, hinter dem Grill”, sagt ein Mann und lacht. Er gehört zu einer von zwei Familien, deren Kinder offenbar in die gleiche Klasse gehen. Sie beginnen über die Lehrerin zu diskutieren. «Sie gibt recht wenig Hausaufgaben», sagt die Mutter. «Und wenn sie dann doch mal hat, dann jammert sie noch», meint sie lächelnd und streicht der Tochter durchs Haar.

«Ufzgi machen ist doch kein Problem», meint diese. «Am Anfang war es aber schon mühsam», sagt die Mutter. “Unsere Lehrerin hat gesagt wir sind die beste Klasse, die sie je gehabt hat!», ruft das andere Kind. Da schaltet sich der Vater wieder ein: «Wenn ihr jetzt dann etwas mehr Hausaufgaben habt, könnt ihr nicht mehr so oft zusammen spielen.» Der Junge zuckt die Schultern: «Am Wochenende gibts keine Hausaufgaben.»

Langsam krieg ich Hunger. Nach einer Runde ums Casino gehe ich zurück in die Altstadt und gönne mir eine warme Waffel mit Grand Marnier und Vanillecrème. «Du, das Mineral hier, das ist auch nur eine Alibiübung», meint der Waffelbäcker zum Verkäufer, «du trinkst ja eh nur Kafi Luz.» Keine schlechte Idee, denke ich mir, und gehe stadtaufwärts.

Schellenhausplatz

Unterwegs höre ich einen Mann telefonieren, er steht vor einer Altstadtwohnung und drückt die Klingel. «Wo bisch? Hesch doch gseit segsch dihei? Ach so, i de Dihei-Bar ...»

Auf dem Schellenhausplatz fallen mir die schönen Krippenspiel-Figuren aus Holz auf. Nicht nur mir: Zwei Jungs, beide mit EVZ-Fankappe, bewundern sie auch. «Boa, die kostet 190 Franken», meint der eine plötzlich entsetzt. Der andere mustert die Hirtenfigur mit kritischem Blick, fährt mit der Hand darüber, zuckt dann mit den Schultern und meint: «Da chasch nöd viel säge.»

Ein paar Stände weiter hat es dutzende weitere Holzfiguren, Eulen, Rentiere, und viele weihnachtliche Motive. Zwei Damen bleiben vor den Figuren stehen, die eine macht fleissig Fotos. «Du, das gibt nicht so gute Fotos mit dem Natel», meint die andere. «Jaja, du hast schon recht. Ich fotografier ja auch nur... oh, schau mal, wie süss die sind!», ruft sie entzückt aus und fotografiert weiter.

Dihei-Bar

In der Zwischenzeit hat es zu schneien begonnen und ich sehne mich nach einem warmen Getränk. Die Dihei-Bar hat ein Vordach und einen Stand mit Kafi-Schnaps, ideal um sich etwas aufzuwärmen. Ein paar junge Burschen tuen es mir gleich, sie sind um einen Stehtisch versammelt, und einer von ihnen gestikuliert.

«Nichts haben wir gefangen, gar nichts», sagt er und verwirft die Hände. «Nur Äschen haben wir rausgeholt, aber die waren alle zu klein. Haben wir wieder reingeworfen. Und dann hats auch noch geregnet.» Um das erzählte zu unterstreichen macht er mit der Hand eine waagerechte Bewegung und ergänzt: «So hats geregnet. Und saukalt wars.»

Auch in Bremgarten wird es kälter, an manchen Stellen beginnt sich eine Schneedecke zu bilden – sie begräbt all die anderen Geschichten, die der Christchindlimärt noch zu erzählen hätte.