Oberwil-Lieli
Mit viel Schokolade ins Land der Gegensätze

Eine Freiämterin entflieht den kalten Schweizer Wintermonaten nach Indien, wo sie an einer Schule für Mädchen aus armen Familien Englisch unterrichten wird. Heute fliegt sie nach Delhi.

Gioia Lenggenhager
Drucken
Teilen
Gioia Lenggenhager hat ihre Koffer gepackt, um zu unterrichten. zvg

Gioia Lenggenhager hat ihre Koffer gepackt, um zu unterrichten. zvg

«India, I’m coming», denke ich in Abenteurer-Stimmung und ahme innerlich den indischen Slang nach. Als ob das Indien interessieren würde. Als ob die Inder auf einen noch nicht mal 20-jährigen Grünschnabel wie mich, der sich zudem noch über ihren berüchtigten Holzhackerakzent lustig macht, gewartet hätten.

Immerhin: Eine der 1200 Millionen Einheimischen wird in ein paar Stunden tatsächlich mit einem Namensschild am Flughafenausgang stehen, wenn ich um vier Uhr in der Früh den Koffer durch den «nothing to declare»-Bereich schiebe. Und dabei die notabene 2,5 Kilogramm Schweizer Schokolade, fein säuberlich zwischen Flip-Flops und Durchfalltabletten verstaut, ins Curryland schmuggle. Auf dieser Frau beruhen alle meine Hoffnungen und mein Wohlergehen in der Ferne.

Sie hat meinen Stundenplan – ich werde mich in Indien als Lehrerin versuchen – ausgearbeitet und wird hoffentlich, wie versprochen, währenddem ich im Flugzeug sitze noch eine Gastfamilie für mich aus dem Ärmel schütteln.

Was die Götter wissen

Langes Vorausplanen scheint in Indien nicht bloss ein My weniger verankert zu sein, als es in der Schweiz üblich ist. Das heisst in meinem Fall: Seit rund drei Vierteljahren bereite ich mich auf diese Reise vor (Impfen, Reiseführer und Kulturratgeber auswendig lernen, Socken waschen, Akkus aufladen), aber wo ich in der Nacht von morgen auf übermorgen schlafen werde, wissen wohl nur die Götter. Wie dem auch sei, was ich relativ definitiv weiss, ist, dass ich während der kommenden drei Monate Mädchen aus unterprivilegierten Familien – vielmehr Kinder aus mausarmen Verhältnissen – unterrichten werde.

Die Privatschule Amity International (AIS), seit kurzem eine Partnerschule der Kanti Wettingen, an der ich diesen Sommer ein Maturitätszeugnis in die Hand gedrückt bekam, führt die Mädchenschule unentgeltlich und aus einem Wohltätigkeitsgedanken. Das fand ich unterstützenswert. Also buchte ich ein Einfachticket nach Delhi, liess mir eine Spritze gegen Hepatitis A in den Oberarm stecken, schluckte Anti-Thyphus-Tabletten und «bestach» das Visumsamt. Nebst anderen für das Überleben unabdingbaren Sachen – ich werde mich hüten, all die Chemikalien zu schlucken – packte ich einen Liter Anti-Brumm-Forte-Mücken-Spray in meinen Koffer. So weit der Plan.

WC-Löcher und Wassermangel

Nachvollziehen können ihn viele nicht. Die Frage «Wieso tust du dir das eigentlich an?» musste ich in letzter Zeit oft beantworten. Mit «das» meinen die Bekannten entweder papierlose WC-Löcher, den akuten Wassermangel oder gar verstümmelte Strassenkinder.

Ich weiss: Die Reise wird kein Zuckerschlecken. Aber ja, ich freue mich darauf. Und nein, eine Weltretterin bin ich nicht. Ich reise «dort runter», weil ich das Land der unbeschreiblichen Gegensätze erleben und mich dabei nützlich machen will. Wer mir dabei ab und zu über die Schulter schauen will, dem sei die Aargauer Zeitung als
Lektüre zum Frühstückskaffee empfohlen.

Aktuelle Nachrichten