Am 7. Juni 2014 steht Hanspeter (Name geändert) vor dem Stadion des FC Wohlen. In wenigen Minuten beginnt der Cupfinal im Frauenfussball zwischen dem SC Kriens und dem FC Basel. Der 30-jährige Hanspeter ist leidenschaftlicher Fan des SC Kriens, er hat in seinem Leben kaum etwas, das ihm noch wichtiger ist. Bei der Eingangskontrolle muss Hanspeter seinen Rucksack, zeigen, was er anstandslos tut. Blöd ist nur, dass er den Rucksack randvoll mit pyrotechnischen Gegenständen aller Art gefüllt hat. Konkret entdecken die beiden Sicherheitsleute einen Bengalentopf der Klasse T1, 3 Raucherzeuger AX 18 weiss, 3 Raucherzeuger AX 18, grün, plus einen weiteren Raucherzeuger, grün. Grün-weiss sind die Klubfarben des SC Kriens.

Hanspeter lässt dann Rucksack samt Inhalt vor dem Stadion, geht ins Stadion und taucht ein in den Cupfinal. Zehn Tage später erhält er den Strafbefehl und eine Welt bricht für ihn zusammen. Denn da steht schwarz auf weiss: Hanspeter muss für ein halbes Jahr ins Gefängnis. Der Staatsanwalt hat auf mehrfache Widerhandlungen gegen das Sprengstoffgesetz erkannt. Nichts Böses hat er gemacht – und dennoch soll er ins Gefängnis? Hanspeter erhebt Einsprache gegen den Strafbefehl und so kommt es zur Verhandlung vor dem Bezirksgericht Bremgarten.

Vor dem Gericht steht ein Schlaks mit dünnen Armen. Im weissen, frisch gebügelten Kurzarmhemd wirkt Hanspeter hilflos und verloren. In seinem bisherigen Leben ist ihm noch nicht besonders viel gelungen. Er hat keine Ausbildung, war oft arbeitslos, hatte keinen festen Wohnsitz, stahl sich zusammen, was er zum Leben brauchte, wurde auch regelmässig erwischt, erhielt mehrmals bedingte Strafen. «Ich habe in meinem bisherigen Leben leider viele falsche Entscheidungen getroffen», sagt Hanspeter dem Richter und es tönt einsichtig. Denn seit über einem Jahr ist Hanspeter gut unterwegs. Er macht ein Praktikum als Logistiker, hat eine eigene Wohnung und erhält Sozialhilfe. Sein Chef sei zufrieden mit ihm und habe ihm eine Lehrstelle als Logistiker angeboten, erzählt Hanspeter. Und wenn er jetzt ins Gefängnis müsse, dann sei alles wieder kaputt.

Der Staatsanwalt sieht das ganz anders. Bei den früheren Delikten hätten weder Geldstrafen, noch gemeinnützige Arbeit, noch die Untersuchungshaft irgendwelche positive Wirkungen bei Hanspeter gezeigt. Nun habe der Staat kein anderes Mittel mehr, um die öffentliche Sicherheit zu gewährleisten, als diese Freiheitsstrafe. Denn Hanspeter habe sich als unbelehrbar erwiesen, alle früher ausgesprochene Strafen hätten keine abschreckende Wirkung gehabt.

Noch einmal ganz anders dann die Sicht des Verteidigers. Er verlangt, dass Hanspeter vollumfänglich freizusprechen sei. Denn es liege in keiner Art und Weise irgendein Verstoss gegen das unendlich komplizierte Sprengstoffgesetz vor. Hanspeter hat die Pyro-Gegenstände legal im Internet erworben. Und der Besitz sei nicht strafbar. Zudem sei Hanspeter noch unschlüssig gewesen, ob er die Gegenstände während des Spiels überhaupt abbrennen wolle. Er habe ja nicht einmal ein Feuerzeug bei sich gehabt. Da die Gegenstände nicht eindeutig beschriftet waren, habe Hanspeter gar nicht wissen können, dass seine Rauchpetarden so nicht eingesetzt werden dürfen.

Richter Lukas Trost sprach Hanspeter der versuchten einfachen Widerhandlung gegen das Sprengstoffgesetz schuldig. Aber er muss nicht ins Gefängnis. Trost glaubt, dass Hanspeter diesmal die Chance nützt. Aber er muss eine unbedingte Geldstrafe von 60 Tagessätzen zu 30 Franken bezahlen; viel Geld für einen Praktikanten. Hanspeter ist die Erleichterung deutlich anzumerken. Da kann er auch besser verkraften, dass er für zwei Jahre für alle Schweizer Stadien ein Stadionverbot kassiert hat. Und dass der SC Kriens den Cupfinal mit 1:2 verloren hat, ist auch nur noch eine Randnotiz.