«Meine früheste Kindheitserinnerung habe ich an die Zeit, die ich bei meiner Grossmutter in Hägglingen verbrachte. Wir wohnten im selben Dorf und konnten sie deshalb oft besuchen. 1929, als ich elf Jahre alt war, starb unsere Mutter.

Da unser Vater in Baden als Schmied bei einer Baufirma arbeitete und nicht für uns alle sorgen konnte, mussten meine Geschwister und ich fremdplatziert werden. Meine jüngste Schwester war bloss ein Jahr alt und wurde von meiner Tante in Bern aufgenommen.

Mein kleiner Bruder kam zu einem Onkel in Würenlingen. Meine ältere Schwester, die damals in der 5. Klasse war, konnte als einzige zu Hause in Hägglingen bleiben, musste aber für den Vater den Haushalt führen.

Unterstützung erhielt sie von den Nachbarsfrauen. Ich kam für zwei Jahre zu einer Pflegefamilie nach Dottikon, wo ich in die 5. und 6. Klasse ging.

Die letzten beiden Schuljahre absolvierte ich wieder an meinem Geburtsort in Hägglingen, wo ich ebenfalls von einer Pflegefamilie aufgenommen wurde. Bei beiden Familien wurde ich als Pflegekind gut behandelt.»

Ausläufer und Knecht

«Als ich 1933 die Schule verliess, fand ich eine Arbeit bei der Bäckerei Bucher in Mellingen. Mit dem Fahrrad und der «Chrätze» auf dem Rücken lieferte ich Brot an unsere Kunden – von Tägerig über Fislisbach bis nach Niederrohrdorf, Büblikon und Künten.

Ein Jahr später kam ich nach Sarmenstorf auf einen landwirtschaftlichen Betrieb, wo ich als Knecht arbeitete. Ich erinnere mich noch heute, dass ich am 20. März 1934 bei meinem neuen Arbeitgeber eintraf.

Am nächsten Tag zeigten mir seine drei Töchter bereits die Römervilla in Sarmenstorf. Wahrscheinlich machte mir nicht nur diese Villa Eindruck, dass ich mich so gut daran erinnere.

An sieben Tagen pro Woche arbeitete ich im Stall und auf dem Feld. Für das Ziehen von Ackergeräten und Ladewagen spannten wir Kühe ein. Ich erhielt neben Kost und Logis im Sommer 25 Franken Monatslohn und im Winter 20 Franken.»

Transporteur und Karrer

«Bei meinem nächsten Arbeitgeber in Dottikon lernte ich, mit Pferden umzugehen. Nebst den Arbeiten auf dem Hof führte ich für verschiedene Unternehmen Transporte aus und lieferte Holz, Kohle, Dünger, Zement und Baumaterial an deren Kunden.

Für Kleinbauern, die nebenher auswärts arbeiteten, mähte ich Wiesen, pflügte und säte deren Felder an. Insgesamt blieb ich neun Jahre an diesem Arbeitsort. Zwischendurch trat ich für kurze Zeit beim Metzger und Pferdehändler Groth in Berikon in den Dienst als Karrer.

Als ich an einem Sonntag nach dem Kirchgang mit der Tochter eines Nachbarn nach Hause spazierte, wurde dies von meinem Arbeitgeber nicht toleriert, weil die beiden Familien miteinander zerstritten waren. Ich wurde noch am selben Tag fristlos entlassen. Das waren noch Zeiten!

Zurück in Dottikon, lernte ich meine Frau Klara kennen. Sie arbeitete als Köchin bei einer Fabrikantenfamilie. Nach der Hochzeit zogen wir 1946 nach Rudolfstetten, da ich inzwischen eine Stelle bei der Firma Micafil in Zürich Altstetten gefunden hatte.

Unsere Zweizimmerwohnung in Rudolfstetten kostete damals 28 Franken im Monat. Ich wollte im Kanton Aargau bleiben, aber möglichst nahe am Arbeitsort wohnen.

Mit meinem Fahrrad, das ich bereits als 20-Jähriger gekauft hatte, fuhr ich die ersten zehn Jahre täglich nach Zürich Altstetten und zurück. Später benutzte ich während der Wintermonate die Bahn. Ich habe mit meinem Fahrrad 155 000 Kilometer unfallfrei zurückgelegt. Ein Auto besass ich nie.»

Viele Jahre im Samariterverein

Im Jahr 1952 besuchte Severin Baumgartner einen Kurs des Samaritervereins Berikon und trat anschliessend dem Verein als Mitglied bei. Die monatlichen Übungen wurden bei nasser Witterung im alten Schulhäuschen durchgeführt.

Ansonsten übte man unter freiem Himmel zwischen Widen und Oberwil-Lieli das Schienen, die Lagerung, die Beatmung und die Versorgung von Wunden. «Die Geselligkeit kam dabei nie zu kurz, denn nach den Übungen sassen wir im damaligen Restaurant Kreuz in Berikon zusammen», erinnert sich Severin Baumgartner schmunzelnd.

Als 1968 der Rudolfstetter Samariterverein gegründet wurde, wählte man ihn als Präsidenten, denn nach sieben Jahren Ausübung dieser Funktion in Berikon hatte er die angemessene Erfahrung für die Leitung des neuen Vereins.

«Nach der Wahl gab man mir eine Kiste mit Utensilien wie Gehstöcke, Verbandsmaterial und Holzleisten zum Schienen mit und so wurde unser Haus an der Bernstrasse zum Samariterposten», erzählt Severin Baumgartner weiter.

Für den Notfall zu üben, war etwas ganz anderes, als im Ernstfall Hilfe zu leisten. Die herbeigerufenen Samariter trafen an Unfallstellen oft schwierige Situationen an: Verkehrsunfälle mit Töff oder Auto, Verletzte nach Stürzen von Leitern sowie ein Todesopfer nach einem Stromstoss.

Aber schlaflose Nächte hatte er deswegen nicht. «Jemand musste es machen», meint Severin Baumgartner nüchtern. Rückblickend war die Zeit im Samariterverein für ihn vor allem gesellschaftlich schön gewesen und das angeeignete Wissen gab ihm Sicherheit in Notsituationen.