Damals im Freiamt
«Mit meinem Fahrrad legte ich 155'000 Kilometer zurück»

Severin Baumgartner (94) aus Rudolfstetten erinnert sich an seine Jugend und die Zeit im Samariterverein. Baumgartner ist am 8. Juni 2013 verstorben. Mit dem Einverständnis der Angehörigen erscheint der Bericht hier trotzdem.

Yvonne Steiner
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Severin Baumgartner (94) aus Rudolfstetten erinnert sich an seine Jugend und die Zeit im Samariterverein.
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Um 1918: In diesem Haus in Hägglingen wurde Severin Baumgartner geboren.
Severin Baumgartner als Dreijähriger in einem Röcklein, wie es damals auch von Buben getragen wurde.
Um 1954 in Rudolfstetten: Severin Baumgartner ist mit dem Fahrrad von der Arbeit heimgekehrt und wird von seinen Kindern begrüsst. Mit diesem Fahrrad hat er 155'000 Kilometer zurückgelegt.

Severin Baumgartner (94) aus Rudolfstetten erinnert sich an seine Jugend und die Zeit im Samariterverein.

«Meine früheste Kindheitserinnerung habe ich an die Zeit, die ich bei meiner Grossmutter in Hägglingen verbrachte. Wir wohnten im selben Dorf und konnten sie deshalb oft besuchen. 1929, als ich elf Jahre alt war, starb unsere Mutter.

Zur Person

Severin Baumgartner wurde am 21. Juli 1918 in Hägglingen als drittes von sechs Kindern geboren. Als er elf Jahre alt war, starb seine Mutter, worauf er zwei Jahre in Dottikon und weitere zwei Jahre zurück in Hägglingen bei Pflege-familien wohnte. Nach dem Abschluss der Schule, im Jahr 1933, arbeitete Severin Baumgartner als Ausläufer, Knecht und Karrer bei verschie- denen Arbeitgebern im Freiamt. 1946 heiratete er Klara Benz und zusammen zogen sie nach Rudolfstetten. Er fand eine Arbeit bei der Firma Micafil in Zürich Altstetten, wo er 37 Jahre lang, bis zur Pensionierung, angestellt war. Severin Baumgartner trat 1952 dem Samariterverein Berikon bei, wo er während sieben Jahren als Vereinspräsident wirkte. 1968 wechselte er zum neu gegründeten Samariterverein Rudolfstetten und übte weitere acht Jahre dieses Amt aus. Severin Baumgartner hat sieben Kinder, sieben Enkel und zwei Urenkel. (yst)

Da unser Vater in Baden als Schmied bei einer Baufirma arbeitete und nicht für uns alle sorgen konnte, mussten meine Geschwister und ich fremdplatziert werden. Meine jüngste Schwester war bloss ein Jahr alt und wurde von meiner Tante in Bern aufgenommen.

Mein kleiner Bruder kam zu einem Onkel in Würenlingen. Meine ältere Schwester, die damals in der 5. Klasse war, konnte als einzige zu Hause in Hägglingen bleiben, musste aber für den Vater den Haushalt führen.

Unterstützung erhielt sie von den Nachbarsfrauen. Ich kam für zwei Jahre zu einer Pflegefamilie nach Dottikon, wo ich in die 5. und 6. Klasse ging.

Die letzten beiden Schuljahre absolvierte ich wieder an meinem Geburtsort in Hägglingen, wo ich ebenfalls von einer Pflegefamilie aufgenommen wurde. Bei beiden Familien wurde ich als Pflegekind gut behandelt.»

Ausläufer und Knecht

«Als ich 1933 die Schule verliess, fand ich eine Arbeit bei der Bäckerei Bucher in Mellingen. Mit dem Fahrrad und der «Chrätze» auf dem Rücken lieferte ich Brot an unsere Kunden – von Tägerig über Fislisbach bis nach Niederrohrdorf, Büblikon und Künten.

Ein Jahr später kam ich nach Sarmenstorf auf einen landwirtschaftlichen Betrieb, wo ich als Knecht arbeitete. Ich erinnere mich noch heute, dass ich am 20. März 1934 bei meinem neuen Arbeitgeber eintraf.

Nie geraucht, wenig getrunken

«Das viele Fahrradfahren hat bestimmt dazu beigetragen, dass ich bis ins hohe Alter so «zwäg» bin. Zudem habe ich nie geraucht und wenig Alkohol getrunken. Bei Erkältung und Grippe trinke ich stets den Kräuter-Kraftwein vom Kloster Grimmenstein in Walzenhausen oder mische deren Schwedenschnaps in Brennnesseltee.»

Am nächsten Tag zeigten mir seine drei Töchter bereits die Römervilla in Sarmenstorf. Wahrscheinlich machte mir nicht nur diese Villa Eindruck, dass ich mich so gut daran erinnere.

An sieben Tagen pro Woche arbeitete ich im Stall und auf dem Feld. Für das Ziehen von Ackergeräten und Ladewagen spannten wir Kühe ein. Ich erhielt neben Kost und Logis im Sommer 25 Franken Monatslohn und im Winter 20 Franken.»

Transporteur und Karrer

«Bei meinem nächsten Arbeitgeber in Dottikon lernte ich, mit Pferden umzugehen. Nebst den Arbeiten auf dem Hof führte ich für verschiedene Unternehmen Transporte aus und lieferte Holz, Kohle, Dünger, Zement und Baumaterial an deren Kunden.

Für Kleinbauern, die nebenher auswärts arbeiteten, mähte ich Wiesen, pflügte und säte deren Felder an. Insgesamt blieb ich neun Jahre an diesem Arbeitsort. Zwischendurch trat ich für kurze Zeit beim Metzger und Pferdehändler Groth in Berikon in den Dienst als Karrer.

Als ich an einem Sonntag nach dem Kirchgang mit der Tochter eines Nachbarn nach Hause spazierte, wurde dies von meinem Arbeitgeber nicht toleriert, weil die beiden Familien miteinander zerstritten waren. Ich wurde noch am selben Tag fristlos entlassen. Das waren noch Zeiten!

Zurück in Dottikon, lernte ich meine Frau Klara kennen. Sie arbeitete als Köchin bei einer Fabrikantenfamilie. Nach der Hochzeit zogen wir 1946 nach Rudolfstetten, da ich inzwischen eine Stelle bei der Firma Micafil in Zürich Altstetten gefunden hatte.

Unsere Zweizimmerwohnung in Rudolfstetten kostete damals 28 Franken im Monat. Ich wollte im Kanton Aargau bleiben, aber möglichst nahe am Arbeitsort wohnen.

Mit meinem Fahrrad, das ich bereits als 20-Jähriger gekauft hatte, fuhr ich die ersten zehn Jahre täglich nach Zürich Altstetten und zurück. Später benutzte ich während der Wintermonate die Bahn. Ich habe mit meinem Fahrrad 155 000 Kilometer unfallfrei zurückgelegt. Ein Auto besass ich nie.»

Viele Jahre im Samariterverein

Im Jahr 1952 besuchte Severin Baumgartner einen Kurs des Samaritervereins Berikon und trat anschliessend dem Verein als Mitglied bei. Die monatlichen Übungen wurden bei nasser Witterung im alten Schulhäuschen durchgeführt.

Was ich als Kind besonders liebte

Mein Lieblingsessen: Teigwaren

Meine Lieblingsgeschichte: Das weiss ich leider nicht mehr

Mein Lieblingsspiel: Mit zwei zusammengehängten «Leiterwägeli» herumfahren

Mein Lieblingskleidungsstück: Ein blau-weiss gestreiftes
Sonntagshemd

Mein grösster Wunsch: Ein Fahrrad. Auf dem Fahrrad meines Vaters habe ich fahren gelernt - ohne Pneus, nur auf den Felgen

Mein Lebensmotto: Gesundheit ist das grösste Glück

Ansonsten übte man unter freiem Himmel zwischen Widen und Oberwil-Lieli das Schienen, die Lagerung, die Beatmung und die Versorgung von Wunden. «Die Geselligkeit kam dabei nie zu kurz, denn nach den Übungen sassen wir im damaligen Restaurant Kreuz in Berikon zusammen», erinnert sich Severin Baumgartner schmunzelnd.

Als 1968 der Rudolfstetter Samariterverein gegründet wurde, wählte man ihn als Präsidenten, denn nach sieben Jahren Ausübung dieser Funktion in Berikon hatte er die angemessene Erfahrung für die Leitung des neuen Vereins.

«Nach der Wahl gab man mir eine Kiste mit Utensilien wie Gehstöcke, Verbandsmaterial und Holzleisten zum Schienen mit und so wurde unser Haus an der Bernstrasse zum Samariterposten», erzählt Severin Baumgartner weiter.

Für den Notfall zu üben, war etwas ganz anderes, als im Ernstfall Hilfe zu leisten. Die herbeigerufenen Samariter trafen an Unfallstellen oft schwierige Situationen an: Verkehrsunfälle mit Töff oder Auto, Verletzte nach Stürzen von Leitern sowie ein Todesopfer nach einem Stromstoss.

Aber schlaflose Nächte hatte er deswegen nicht. «Jemand musste es machen», meint Severin Baumgartner nüchtern. Rückblickend war die Zeit im Samariterverein für ihn vor allem gesellschaftlich schön gewesen und das angeeignete Wissen gab ihm Sicherheit in Notsituationen.