Wohlen

Mit dem Velo ans Mittelmeer: bbz-Biker haben ihr Ziel erreicht

Start bei der Raiffeisenbank Villmergen, die zuvor Kaffee und Gipfeli offeriert hat.

Start bei der Raiffeisenbank Villmergen, die zuvor Kaffee und Gipfeli offeriert hat.

730 Kilometer sind es bis Les Saintes Maries-de-la-Mer. 19 Lernende vom Berufsbildungszentrum Freiamt (bbz) – 10 junge Frauen und 9 Jungs – haben die Strecke auf dem Velo gemeistert. Lesen Sie hier das Tagebuch der Reise.

Ein bisschen trainiert habe er schon, sagt Ueli Roth. Der Maurer aus Hausen am Albis hat soeben seine Ausbildung am Berufsbildungszentrum Freiamt (bbz) abgeschlossen und gönnt sich jetzt ein kleines Abenteuer. Zusammen mit 8 weiteren jungen Männern und 10 Frauen fährt er mit dem Velo nach Les Saintes Maries-de-la-Mer ans Mittelmeer. Die Radtour ist ein Projekt von bbz-Sportlehrer Martin Erne und findet alle zwei Jahre statt. Seit Sonntag läuft das Unternehmen «bbz.by bike» zum sechsten Mal.

«Eigentlich ist es ja eine Schnapsidee», lacht der Murianer Marco Stöckli, «aber Ueli hat mich überredet und jetzt bin ich dabei». Ein bisschen mehr auf dem Velo gesessen als üblich sei er in den letzten Wochen schon. Aber 100 Kilometer am Stück sei er dabei noch nie gefahren. Trotzdem ist er überzeugt: «Da chond scho guet.»

Im Zeitraffer: Die bbz-Biker unterwegs.

Im Zeitraffer: Die bbz-Biker unterwegs.

Das denken auch die beiden KV-Lernenden Murielle Hauser aus Dottikon und Svenja Schmid aus Hägglingen. Anders als Ueli und Marco sind sie zur Vorbereitung jedoch etwas länger im Sattel gesessen. «Ich bin zweimal über 120 Kilometer am Stück gefahren», sagt Murielle. Auch Svenja hat schon grössere Touren hinter sich und sagt am Start vor der Villmerger Raiffeisenbank: «Ich habe ein gutes Gefühl und freue mich auf die Fahrt.»

Dank Sponsoren möglich

Erschwinglich ist die Tour, weil Erne erneut Sponsoren für das Projekt gewinnen könnte. Unter anderem unterstützten das Projekt die Freiämter Raiffeisenbanken, die IB Wohlen AG und die Schule selber. Die sechs Erwachsenen die mitfahren – unter anderem bbz-Schulpräsident Paul Huwiler mit Gattin – tragen die ganzen Kosten selber.

Sechs Tage ist die Gruppe unterwegs, die Tagestouren sind von Martin Erne und seiner Frau Monika Hafner Erne, welche das Gepäck transportieren, mit viel Zeitaufwand top vorbereitet. Die Startetappe nach Nidau bei Biel ist mit «nur» rund 100 Kilometern und einer Höhendifferenz von 633 Metern vergleichsweise harmlos. Deutlich intensiver wird die Königsetappe am Mittwoch. Sie führt von Aix-les-Bains bis nach Montélier über eine Strecke von 135 Kilometer mit 1437 Höhenmetern.

Die az begleitet die zur Tour mit einem Online-Tagebuch. Unter www.aargauerzeitung.ch können Interessierte verfolgen, wie es den bbz-Bikerinnen und -Bikern in den nächsten Tagen auf ihrer Tour ans Mittelmeer ergeht.

1. Tag: Villmergen-Nidau

Auf dem Programm vom Sonntag standen 102 Kilometer und 746 Höhenmeter vom Start auf dem Villmerger Dorfplatz bis nach Nidau am Bielersee. Der Mittagshalt war nach 65 Kilometern im Bären Attiswil vorgesehen. «Wir mussten am Morgen schon etwas Gas geben, dafür konnten wir es auf den letzten 40 Kilometern am Nachmittag dann etwas gemütlicher nehmen», berichten Robin Bleuler und Patrick Notter.

Die Strecke hätte ihnen gefallen, aber noch mehr, dass der befürchtete Regen ausgeblieben ist: «Es gab nur ein paar Tropen, richtig geschüttet hat es zum Glück nicht», erklären die beiden Biker.

Auch vor Pannen ist die Truppe verschont geblieben: «Es gab keinen Plattfuss und auch keinen anderen Zwischenfall», sagt Robin. Am Ziel, das sie um 15.30 Uhr erreichten, hätten sie die meisten Bikerinnen und Biker vorerst ein kühles Bad im Bielersee gegönnt. "Dann sind wir erst einmal eine Stunde schlafen gegangen, wir waren nach dieser ersten Etappe schon etwas müde», geben Robin und Patrick zu.

Am Montag gehts weiter nach Lausanne. Auf dem Tagesplan stehen 119 Kilometer und 954 Höhenmeter.

2. Tag: Nidau-Lausanne

Am zweiten Tag, auf der 119 Kilometer langen Fahrt nach Lausanne, hat es die bbz Bike-Truppe zünftig verregnet: «Es hat über eine Stunde gegossen wie aus Kübeln, wir waren in unserem leichten Regenzeug innert Kürze völlig durchnässt», erzählen Janine Zehren und Rebecca Kölsch.

Zum Glück wartete bei der Mittagsrast in Yverdon Martin Erne mit dem Gepäckanhänger: «Dort konnten wir trockene Sachen aus unserem Reisegepäck holen und uns frisch anziehen. Ab 13 Uhr schien dann wieder die Sonne und zeitweise war es sogar richtig heiss», erzählen die beiden Bikerinnen.

Die Fahrt hat ihnen gut gefallen, die Strecke sei sehr abwechslungsreich gewesen. Aber gelegentlich habe starker Gegenwind geherrscht: «Da haben wir uns formiert und sind in einer langen Kolonne Windschatten gefahren, so kamen wir zügig vorwärts und waren trotz allem schon um 17 Uhr in Lausanne», berichten Janine und Rebecca.

In der Gruppe fahren erfordere allerdings viel Konzentration: «Man muss stets gut aufpassen, was die anderen machen, sonst wird es heikel. Das haben wir bei Bahnübergängen gemerkt, wenn die Biker vor uns wegen den rutschigen Gleisen stark abbremsen mussten.»

Alles in allem sei es gut gelaufen, sagen die zwei jungen Frauen. Nur das "Füdli" schmerze langsam ein bisschen, doch das werde sich mit der Zeit wieder geben.

Am Dienstag geht es von Lausanne aus weiter über 140 Kilometer und 1152 Höhenmeter nach Aix-les-Bains. Die ersten 60 Kilometer sind recht flach, dann beginnt ein rund 20 Kilometer langer Anstieg zur Mittagsrast in Jonzier-Epagny auf 639 Metern über Meer.

Im Regen unterwegs

Im Regen unterwegs

Paul Huwiler, Gisela Huwiler, Rebecca Kölsch, Doris Vollenweider, Heinz Vollenweider, Kim Locher, Nico Aschwanden, Saskia Nietlispach, Corinne Hilfiker, Matteo Rösler, Raphael Sandmeier.

3. Tag: Lausanne-Aix-les-Bains

Marco Stöckli und Ueli Roth, die beiden "bbz-Senioren", haben am Dienstag tüchtig Gas gegeben: «Am Montag haben wir ein bisschen getrödelt", lachen sie, "wir haben ein Kraftwerk angeschaut, dann noch ein Naturschutzgebiet und Kaffee trinken waren wir auch. Als wir dann in Lausanne angekommen sind, waren die anderen schon am Nachtessen», schmunzeln die beiden Maurer, die soeben ihre Abschlussprüfung bestanden haben. Die Bike-Tour ist ihre Abschiedsvorstellung am Berufsbildungszentrum Freiamt.

«Heute sind wir schon um 17.15 Uhr mit der zweiten Gruppe in Aix-les-Bains angekommen», verkünden sie stolz. Sie seien voll nach dem Motto "Grind abe und pedale" gefahren. Es sei halt schon so, pläuschlen liege bei solchen Tagesetappen nicht drin, da müsse man schon etwas Gas geben.

Die 140 Kilometer lange Tagestour hat ihnen gefallen: «Mit Ausnahme von Genf, das war nicht so lustig, durch die Stadt zu fahren. Für uns nicht und für die Autofahrer nicht, die wir wohl da und dort etwas genervt haben.»

Spannend sei der Nachmittag gewesen: «Da fuhren wir auf einem schönen Radweg direkt der Rhone entlang, eine herrliche Gegend." Und auch vom Regen blieb die bbz-Truppe am Dienstag verschont: «Isch öppe Ziit gsii, nach zwe Tag schiffe», konstantieren Marco und Ueli.

Die Tour selber finden sie toll, es mache wirklich riesig Spass. Wenn halt nur das "cheibe Füdli" nicht wäre, das den beiden nach drei Tagen und rund 360 Kilometern im Sattel halt "scho es bitzli weh" tue.

Mal schauen, wie es mit dem "cheibe Füdli" am Mittwochabend aussieht. An diesem Tag steht die Königsetappe auf dem Programm. Sie führt von Aix-les-Bains bis nach Montélier über eine Strecke von 135 Kilometer mit 1437 Höhenmetern.

4. Tag: Aix-les-Bains-Montélier

137 Kilometer und 1437 Höhenmeter waren angesagt, 145 Kilometer und gegen 1700 Höhenmeter sind es letztlich geworden: «Kurz vor der Mittagsrast in Le diable au thym war die Strasse verschüttet. Wir mussten einen Umweg fahren und dabei eine zusätzliche nahrhafte Steigung bewältigen», berichtet Nico Aschwanden. Die 4. Etappe habe ihn an seine Leistungsgrenzen gebracht: «Ich habe meine Oberschenkel mehr als einmal gespürt und mir dabei sagen müssen, dass ich halt doch im Vorfeld etwas mehr hätte trainieren müssen», zieht er am Abend am Telefon aus Montélier eine nüchterne Bilanz.

«Es war nicht nur in den Steigungen hart. Auch im Gegenwind, auf ebener Strecke, musste ich mich motivieren. Eine lange gerade Strasse, Du siehst den Horizont und kommst einfach nicht dahin.»

Einmal mehr hätte die Teamarbeit jedoch hervorragend funktioniert: «Alle helfen sich gegenseitig, beim Windschatten fahren im starken Gegenwind wird in der Führung stetig abgewechselt, das ist schon ein tolles Erlebnis», sagt der junge Biker.

Das "Durebisse" habe sich aber erneut gelohnt: «Im Hotel hat es einen Pool, dort können wir uns erholen, ein Bierchen trinken, die Strapazen der harten Tagesetappe vergessen und uns gemeinsam für den nächsten Tag motivieren.»

Er bereue es trotz aller Anstrengung nicht, sich für die Tour ans Mittelmeer entschlossen zu haben: «Heute bin ich wirklich kaputt. Aber die Befriedigung am Abend, es trotz allem geschafft zu haben, entschädigt für die Mühsal am Tag.» Zudem sei die Atmosphäre einfach toll: «Alle nehmen Rücksicht auf die anderen. Das ist genial.»

Nicht alle haben es bis nach Montélier geschafft. Ein Biker und eine Bikerin haben nach der strengen 3. Etappe aufgeben müssen und sind am Mittwoch mit dem Zug nach Hause gefahren. «Damit muss man immer rechnen, es ist keine Spazierfahrt, die wir hier absolvieren», konstatiert Turnlehrer Martin Erne. Auch bei den vorhergehenden Touren hätten nicht alle bis ans Meer durchgehalten. «Aber immerhin», sagt Erne, «haben sie es versucht und allein das ist schon eine grossartige Leistung.»

5. Tag: Montélier-Avignon

 «Heute war der Tag, der mich am wenigsten gestresst hat. Es ging meist bergab und wir hatten viel Rückenwind», sagt Silvia Fuchs. Auf dem Programm standen am Donnerstag mit 140 Kilometern nur leicht weniger als am Vortag. Doch die Etappe vom Mittwoch hat Silvia deutlich mehr abverlangt: «Da war ich am Abend wirklich nudelfertig.»

Sie habe zwar vor der Tour etwas trainiert und sei auch ab und zu mit dem Velo zur Arbeit gefahren. Doch 100 Kilometer am Tag seien halt doch etwas mehr als die 40 bis 50, die sie zuvor jeweils gelegentlich gefahren sei: "Ich habe im Laufe der Woche gemerkt, dass es Tag für Tag besser läuft. Mein Velo, das ich erst vor ein paar Wochen gekauft habe und das mir mein Vater für die Tour vorbereitete, hat super funktioniert und ich habe mich immer besser motivieren können», sagt die junge Frau.

Es habe zwar schon Momente gegeben, in denen sie sich gefragt habe: «Was tue ich mir da eigentlich an?» Aber nach jedem Anstieg sei es auch wieder bergab gegangen und damit sei die Welt jeweils wieder in Ordnung gewesen.»

Auch Silvias Kollegin Jana Nietlispach hat die Etappe vom Donnerstag bisher am besten von allen Strecken gemeistert: «Heute war es mir richtig wohl auf dem Rad. Zeitweise sind wir dank Rückenwind mit einem Schnitt von 40 km/h in Richtung Avignon gebolzt. Das hat riesig Spass gemacht.» Auch die Gegend habe ihr gefallen: «Die Einfahrt nach Avignon war toll, die riesige Stadtmauer, das Panorama der Berge – einfach traumhaft. Nur die Zikaden (Grillenart, Red.) haben einen Höllenlärm veranstaltet», fügt sie lachend an.

Unterwegs sei ihre Gruppe bei einem Chinesen essen gegangen: «Das war eine wohltuende Abwechslung zur französischen Küche, wo es viel Hördöpfelstock, Poulet und Ente gibt», sagt Jana. Die Verpflegung insgesamt sei aber bisher hervorragend: «Wir haben überall gut gegessen, und viel. Meistens waren die Portionen für mich zu gross, nach einer sportlichen Leistung habe ich meist nicht so viel Hunger.»

Auch die Tour insgesamt war für Jana bisher ein «Mega-Erlebnis». «Ich bereue nicht, dass ich mitgefahren bin, obwohl es zeitweise hart gewesen ist. Am Mittwoch beispielweise, musste ich die letzten 20 bis 30 Kilometer zünftig beissen. Aber das ist schon wieder vergessen. Jetzt freue ich mich richtig auf den letzten Tag. Die Fahrt von Avignon ans Meer wird mit 80 Kilometern vergleichsweise ein richtiger Spaziergang.»

Das auch, weil sie im Laufe der Woche «immer bessere Beine» bekommen habe. «Die ersten Tag hatte ich in den Steigungen grosse Mühe, das Tempo der anderen mitzuhalten. Jetzt geht es schon viel besser und ich komme deutlich leichter bergauf.»

Die Schlussetappe führt die bbz Bike-Truppe am Freitag von Avignon nach Les Saintes Maries-de-la-Mer über 79 Kilometer, meist bergab. Lediglich nach der Hälfte der Strecke ist noch ein kleiner «Berg» zu überwinden, die Höhendifferenz beträgt knapp 20 Meter.

Sie haben es geschafft

Noch vor dem Mittag hat die bbz Bike-Truppe am Freitag ihr Ziel Les Saintes Maries-de-la-Mer erreicht. Weil am Mittwoch wegen Unwetterschäden ein Umweg gefahren werden musste, waren es am Schluss nicht wie geplant 730, sondern gegen 760 Kilometer, welche die jungen Frauen und Männer in sechs Tagen gefahren sind.

Ein kühles Bad nach der Ankunft am Meer.

 

«Ich bin überglücklich, dass ich es geschafft habe und bin nach der Ankunft sofort ins Meer gehüpft. Zum ersten Mal in meinem Leben übrigens, ich habe bis dahin noch nie im Meer gebadet», sagt Corinne Hilfiker. Und wie nicht anders zu erwarten, hätte sie natürlich gleich ungewollt auch ihren ersten Schluck Meerwassser «verwütscht». 

Auf der Schlussetappe von Avignon bis ans Meer sei es recht flott vorwärts gegangen: «Wir hatten strahlend schönes Wetter, meistens Rückenwind und es hat richtig Spass gemacht.» In Arles hätten alle zusammen die letzte Pause eingeschaltet und schliesslich sei die ganze Truppe fast gleichzeitig am Meer angekommen. Alle seien nach dieser Woche «mega-happy» und würden die kurze Zeit, die ihnen am Meer noch bleibe, sicher in vollen Zügen geniessen.

«Unsere Gruppe hat noch einen kurzen Abstecher über die Flamingo-Route gemacht. Dort haben wir Flamingos und einen Fischotter in freier Wildbahn gesehen», erzählt Corinne. Eines von vielen Erlebnissen, welche der jungen Boswilerin bleiben wird: "Es war das erwartete Abenteuer. Ich habe im Laufe dieser Woche meine Grenzen gespürt, aber auch gelernt, mich zu überwinden. Ich habe erfahren, dass man mehr leisten kann, als man meint.» Das sei eine bleibende Erfahrung und es habe auch ihr Selbstbewusstsein gestärkt. «Ich kann allen nur empfehlen, so etwas mitzumachen. Man muss sich überwinden, man muss kämpfen, aber man ist am Schluss Stolz auf seine persönliche Leistung.»

Corinne ist zwar 9 Jahre mit Velo von Boswil nach Muri zur Schule gefahren. Längere Touren hat sie aber bis zur Bike-Woche nicht absolviert. «In den ersten Tagen habe ich am Morgen nach der Abfahrt den Muskelkater in den Oberschenkeln gespürt und der Po tat weh. Nach einigen Kilometern ging es aber stets deutlich besser und ich war auch von Tag zu Tag lockerer. Man gewöhnt sich an alles, aber die letzten Kilometer vor dem Ziel waren trotzdem immer hart. Ausser heute in Richtung Meer. Da sind wir nur noch geblocht und haben uns gefreut.»

Neben dem sportlichen Erlebnis haben Corinne und ihre Kolleginnen und Kollegen auch kulturell viel erlebt. «Am Donnerstag waren wir am Abend zusammen am Gaukler-Festival. Das war spannend und die Stadt ist wirklich sehenswert.»

Am Samstag wird die bbz Bike-Truppe zuhause erwartet. Geplante Ankunft ist um 20 Uhr am Bahnhof Wohlen.

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