Pokémon GO
Mit dem Smartphone durch das Freiamt: Auf der Spur von Pikachu und Co.

Das Game Pokémon GO hält nach wie vor die Welt in Atem – auch das Freiamt? Die az-Praktikantin hat nachgeforscht.

Nora Güdemann
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Zwei Buben spielen Pokémon GO in der Pokémon-Arena vor der Redaktion der az Freiamt in Wohlen.Nora Güdemann

Zwei Buben spielen Pokémon GO in der Pokémon-Arena vor der Redaktion der az Freiamt in Wohlen.Nora Güdemann

Nora Güdemann

Pokémon GO: Ist es zu vergleichen mit einem bösen Virus, das langsam alle Menschen in Handysüchtige verwandelt? Oder die Antwort auf die Frage: Wie kriege ich meinen Teenager endlich dazu, sich zu bewegen? Nachdem mich zwei Buben darüber aufklärten, dass sich direkt vor der az-Redaktion in Wohlen eine Pokémon-Arena befindet, wage ich den Selbstversuch. Gleich am nächsten Morgen verlasse ich das Büro mit vollem Akku, Proviant und einer Mission: Pokémon-Jagd im Freiamt.

Das Spiel startet, und schon hüpft das erste virtuelle Monster über den Bildschirm. Putzige Dinger, die man, wenn man möchte, einfangen und trainieren kann. Dazu wird die Kamera eingeschaltet und man wischt mit dem Finger übers Handy, um Pokébälle auf die Tierchen zu schiessen.

Pokéstop 1: Bünzmatt Wohlen

In Wohlen existieren fünf Pokémon-Arenen, eine sogar bei der katholischen Kirche. Diese ist jedoch verlassen, also ist mein erstes Ziel jene an der Bünzmatt-Schule. Auf dem Weg dorthin packt mich das Jagdfieber, ich fange jedes Monster, das mir begegnet, und verliere komplett den Bezug zur Realität. Ohne den Blick zu heben, ohne auf den Verkehr zu achten, lege ich eine ordentliche Distanz zurück. Beim Andy-Hug-Denkmal treffe ich bereits die ersten Spieler. Patricio und Umut, beide elf Jahre alt, kommen regelmässig hierher. Aber auch weiter entfernte Ausflüge scheuen sie nicht: «Oft machen wir mit unseren Kollegen ab, packen tragbare Ladegeräte, Sandwiches und Geld in den Rucksack und fahren nach Zürich zum Jagen. In Wohlen gibts leider nicht so viele Monster», erzählt Umut. Er kennt sich aus: «721 verschiedene Pokémons existieren.» Patricios Liebling heisst Gewaldro, den Vorzeige-Pokémon Pikachu findet er aber auch süss. «Pokémon macht Familienausflüge spannender», sagt er.

Weniger positiv eingestellt ist der 24 Jahre alte Fabio. «Mein Handy wurde wegen Pokémon gehackt», erzählt er. Ausserdem seien die Pokéstops- und -Arenen ein Anziehungspunkt für Pädophile. Patricio jedoch versichert mir, dass er nie alleine auf Pokémon-Jagd geht und ihm noch keine Unfälle passiert seien. Nur einmal wäre er fast die Treppe hinuntergefallen.

Egzon Zejnullani (18) aus Muri, Student «Meiner Meinung nach ist Pokémon GO systematische Gehirnwäsche. Die 11- und 12-Jährigen sollten besser ihre Hausaufgaben machen und Sport treiben, damit sie nachher, so wie ich, die Bezirksschule besuchen und später studieren können.»
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Manuel Gsell (18) aus Wohlen, Schüler «Ich spiele Pokémon GO, weil ich viele Kindheitserinnerungen damit verbinde. Die App bringt die Leute nach draussen, das ist besser als daheim vor der Konsole zu sitzen. Mein Lieblingsmonster heisst Siggi, neue Pokémons suche ich jeden Tag auf dem Schulweg.»
Fiorina Ulrich (81) aus Muri, Rentnerin «Wir sollten diese Pokémon-Geschichte positiv sehen und nicht jammern. Die Jungen sind wenigstens draussen an der frischen Luft, darüber kann man zufrieden sein.»
Eddie Neeser (62) aus Buttwil, Busfahrer «Leute laufen mit dem Handy vor der Nase und Kopfhörern im Ohr über die Strasse, sie hören und sehen nichts. Aber das ist schon länger so. Dieses Verhalten ist eher ein generelles Problem, Pokémon GO könnte es aber noch verstärken. Wir Busfahrer müssen immer voll konzentriert sein.»
Erzana (16) aus Boswil, Schülerin «Wenn ich mit meinen Freunden draussen bin und alle sind am Handy und spielen Pokémon GO, dann stört mich das extrem. Viele sind wie besessen davon, diese Monster einzufangen. Das Gute am Spiel ist, dass man dafür nach draussen gehen muss und sich bewegt.»
Roman (17) aus Berikon, Schüler «Um einen seltenen Pokémon zu fangen, sind meine Freunde und ich mal über ein frisch gedüngtes Feld gerannt. Doch inzwischen habe ich die App wieder deinstalliert, irgendwann wirds langweilig und es gibt nun zu viele blöde Menschen, die Unfälle bauen oder Cheats benutzen.»

Egzon Zejnullani (18) aus Muri, Student «Meiner Meinung nach ist Pokémon GO systematische Gehirnwäsche. Die 11- und 12-Jährigen sollten besser ihre Hausaufgaben machen und Sport treiben, damit sie nachher, so wie ich, die Bezirksschule besuchen und später studieren können.»

Von Nora Güdemann

Pokéstop 2: Friedhof Muri

Unfallfrei mache ich mich auf den Weg nach Muri. Der Plan auf meinem Handy zeigt mir die nächste Arena im Klosterdorf: An Busbahnhof und Coop vorbei, hoch zum Kloster und dann links. Das Natel vibriert, ich habe die Arena erreicht. Aber: Ich stehe mitten auf einem Friedhof. Zwischen den Grabsteinen kommt plötzlich ein Pokémon hervor, jetzt sollte man es abschiessen und fangen, aber die Lust ist mir vergangen. Auch Herbert Küng, Leiter des Werkhofs Muri, findet den Standort der Arena bedenklich: «Das geht den Leuten zu nah, wenn sich plötzlich Menschen auf dem Friedhof zum Pokémon-Spielen versammeln.» Georges Schwickerath, Pfarrer in der römisch-katholischen Kirche an der Kirchbühlstrasse, hat zwar noch keine Spieler auf dem Friedhof entdeckt, aber ihn stört etwas anderes: «Die Organisatoren der App sollten uns vorher fragen. Örtlichkeiten wie diese müssen vom Spiel ausgeschlossen werden.»

Pokéstop 3: Atelier Bremgarten

Mit leicht schmerzenden Füssen mache ich mich auf zu meinem letzten Stop: Bremgarten. Hier gibt es, anders als in Muri und Wohlen, keine Pokémon-Arena am Bahnhof. Dafür aber an einem spezielleren Ort: vor dem Goldschmiede-Atelier «Gold-Art». Einige Geschäfte lassen absichtlich Pokéstops- und -Arenen auf ihrem Grundstück platzieren, um Kunden anzulocken. Karin Schaufelbühl, Geschäftsleiterin des Ateliers, verneint dies jedoch. «Ich wusste gar nicht, was Pokémon GO war, bis ein Bub hereinkam und meinte, dass gerade ein Pokémon vor dem Schaufenster sitze.» Gut zu hören, dass ich nicht die Einzige war, die nichts von den virtuellen Geschehnissen vor der Haustür wusste. Am Abend kehre ich zurück zur Redaktion, mit Blasen an den Füssen, aber einer neuen Erkenntnis: Pokémon wird nicht mein Lieblingsspiel, doch es eignet sich gut als Tourguide – und als Abnehmhilfe.