Sins
Mit dem «Seiser Blättli» zurück ins Jahr 1972

Vor 40 Jahren gab der «Anzeiger für das Oberfreiamt» zu seinem 100-Jahr-Jubiläum eine Spezialausgabe heraus. Ein Blick zurück offenbart viele grosse und kleine Veränderungen.

Eddy Schambron
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Blick in die Jubiläumsausgabe des «Anzeiger für das Oberfreiamt» von 1972. es/zvg

Blick in die Jubiläumsausgabe des «Anzeiger für das Oberfreiamt» von 1972. es/zvg

Tony Christie war mit «Amarillo» in der Hitparade, Middle Of The Road mit «Sacramento». Doch das ist nicht der Grund für diesen Text, sondern die Spezialausgabe des «Anzeiger für das Oberfreiamt», die der Verlag Gebr. Villiger in Sins 1972 zum 100-jährigen Bestehen der Lokalzeitung herausgab. Wie das so ist: Wenn einem der Zufall eine alte Zeitung zuspielt, bleibt man kleben, und staunt.

Lange Haare

Zuerst einmal stellt man fest: Die jungen Leute trugen recht lange Haare und Koteletten. Auch Rinaldo Cornacchini, der viel später als Redaktor das «Seiser Blättli» prägte. Man liest, dass das neue Oberstufenschulhaus eben in Betrieb genommen wurde, für das ein Kredit von 1,7 Mio. Franken gesprochen worden war. Zum Vergleich: Die neue Dreifachhalle, die jetzt gebaut wird, kostet rund 14 Mio. Franken. 1972 ist auch das Jahr, das dem Freudenberg weitere 25 Häuser brachte. Der Steuerfuss betrug vor 40 Jahren 140 Prozent, heute sind es 105 Prozent. Es gab fast unzählige Vereine, darunter auch solche, die heute eher exotisch anmuten: Jungmetallerbewegung Sins, Katholischer Volksverein Sins oder Spigrü Sins (der Name kommt vom «Spiess im Grünen», bei welcher Gelegenheit auch «Gesang und Kameradschaft» gepflegt wurden).

Was vordringlich war

Interessant auch, was 1972 als die vordringlichsten Aufgaben der Gemeinden im Einzugsgebiet der Lokalzeitung waren: Beinwil beispielsweise gab den Bau des Gemeindehauses mit der Schaffung einer Zentralverwaltung sowie die Erweiterung von Schulhaus und Kindergarten an, Mühlau die Güterregulierung und die «Sanierung der Strassenverhältnisse» und Oberrüti den Ausbau der Bahnhofstrasse und der Bau von Kanalisationen. In Merenschwand war für die Durchführung der Güteregulierung das Vorhandensein eines Zonenplanes und einer Zonenordnung notwendig, in Benzenschwil wurde eine neue Turnanlage als vordringlich erachtet.

Gerade heute, nach der eben erfolgten Fusion von Merenschwand und Benzenschwil, ist es speziell nachzulesen, wie die Trennung der Dorfschaft Benzenschwil von Merenschwand im Jahr 1811 beschrieben wird. Am 25. März 1811 richteten die Bürger von Benzenschwil nämlich an den Kleinen Rat in «Ehrbietigster Vorstellung» das Gesuch um Lostrennung von Merenschwand und die Errichtung einer eigenen Gemeinde Benzenschwil. Im Schreiben heisst es weiter: Die Fortdauer der Vereinigung mit dem mächtigen Merenschwand bringe Benzenschwil nicht nur keinen Nutzen, sondern sei nur zu dessen Schaden. Am 22. August 1811 gestattete der Kleine Rat (heute Regierungsrat) der Ortschaft Benzenschwil, eine eigene Gemeinde zu bilden. Auch Mühlau hatte sich selbstständig gemacht.

Einen 1600-er für 7750 Franken

Genauso spannend ist der Inseratenteil der Sonderausgabe. Was heute iPhone und Computer sind, war damals die Schreibmaschine. «Jedem Schüler seine Schreibmaschine!», forderte die Papeterie Bernold in Zug. «Das Fahren ist des Morris Lust», behauptete die Garage G. Gandin in Mühlau und G. Huber + Söhne, Sins, betonte: «Mazda – die Perle Japans». Den 1600-er gab es ab 7750 Franken, heizbare Heckscheibe inklusive. Wer, wie jetzt, kalte Tage erlebte, kaufte bei Frau Arnold, Klosterrain, Muri, ein: «Warme Wäsche ist gesund.» Und die Darlehenskasse Beinwil/Freiamt gab 4 Prozent aufs Sparheft und 5 3⁄4 Prozent auf Kassa-Obligationen. Davon kann man heute nur träumen.

1972 interessiert unsereins das alles nicht, mit Ausnahme vielleicht des Inserats von Motos Weber, Zug, der Suzuki und Honda anpries. Dort und in anderen Töffgeschäften konnte man sich wenigstens die Nase am Schaufenster platt drücken, denn 1972 hatten wir kein Geld.

Aber dafür waren wir schwer verliebt und offen für alles, was die Welt zu bieten hatte. Verständlich, wenn man jetzt an einer 40-jährigen Sonderausgabe des «Seiser Blättli» kleben bleibt und Freude hat, dass der Verlag Gebr. Villiger damals diese Aufgabe wahrnahm.