Aristau

Mit dem Eingänger über die Anden — Im Schritttempo hinauf, halsbrecherisch hinunter

Im einzigen Buch, das Mario Richner je veröffentlicht hat, schreibt er über seine unglaubliche Velotour quer durch Südamerika.

«Irgendwann habe ich angefangen, Postkarten nach Hause zu schicken, weil mir ja sonst sowieso niemand meine Geschichten geglaubt hat», berichtet der heute 71-jährige Aristauer Mario Richner lachend. Aus demselben Grund hat er auch sein bisher einziges Buch «Urwald, Gold und Indios – Mit dem Fahrrad durch Amazonien» geschrieben, das 1992 in der Serie Piper Abenteuer erschien.

Denn darin erzählt er Geschichten, die man selbst gedruckt kaum glauben kann. «Der Piper-Verlag hat teilweise Experten befragt, ob das überhaupt stimmen könne, bevor das Buch gedruckt wurde», erinnert er sich, während er die 1000 handgeschriebenen Seiten betrachtet, die er hütet wie einen Schatz. Genau 300 Seiten hat der damalige Piper-Lektor Ulrich Wank daraus gemacht. 300 Seiten Kopfkino, wie es ein Romanautor nicht besser hätte erfinden können.

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Die Reisen von Mario Richner – die Karte wird laufend ergänzt. Grafik: Dominic KobeltFullscreen-Modus

Der Fahrradhändler lachte den «Gringo loco» aus

«Während ich auf den verschiedenen Schiffen war, hatte ich viel Zeit, um mir neue Projekte zu überlegen», erzählt Mario Richner. Eines davon war, mit einem Ein-Gang-Velo Südamerika vom Pazifik im Westen bis zum Atlantik im Osten zu durchqueren. Das wären rund 5000 Kilometer entlang der Transamazonica. Dabei darf man aber nicht vergessen: Erst führt diese Strecke über die Anden, die zum Teil 4000 Meter hoch sind, und danach gehts durchs Amazonasgebiet mitten durch den Dschungel. Wer kommt auf eine solche Idee? Mario Richner.

1984 ging es los. Völlig untrainiert kaufte er sich in Lima an der Pazifikküste einen Eingänger. «Wer damals Fahrrad fuhr, wurde schon mal ausgelacht, das war nicht wie heute», erinnert er sich. «So hat mich auch der Fahrradverkäufer ausgelacht. Er nannte mich ‹Gringo loco›, also verrückter Weisser.» Richner konnte es nicht lassen, ihm aus der alten Inkastadt Cuzco inmitten der Anden ein Foto von sich und seiner Bicicleta zu schicken. Denn der «Gringo loco», der verrückte Weisse, überquerte tatsächlich die Anden.

Der Eingänger war einfacher zu reparieren als ein Mountainbike

Doch die Anden waren ein hartes Stück Arbeit. «Tagelang ‹trekken› wir zwei, mein Velo und ich, bergauf», schrieb er in einem langen Artikel im Globetrotter-Magazin über die Reise. Oft wünschte er sich, er hätte sich für ein 18-Gang-Mountainbike entschieden statt für seinen Eingänger. Doch der war einfach zu reparieren und tat seine Dienste.

Natürlich musste Richner von den Bergen auch wieder hinunter – halsbrecherisch ist nur der Vorname. Glücklicherweise blieben er und sein Gefährt heil. Immer wieder bewies der gelernte Automechaniker und Schiffs-Techniker seine praktischen Fähigkeiten, wenn es etwa ums Flicken des Rads, ums Bauen einer Schlafgelegenheit über Wasser oder Seilwinden zum Überqueren von Flüssen ging.

Er hatte sich schon zum Sterben hingelegt

Unten im Dschungel fühlte sich Richner daheim. Viele Monate seines Lebens hat er in Regenwäldern und im Busch überall auf der Welt verbracht, einen Grossteil davon alleine. «Ich war oft allein im Dschungel, habe mich aber niemals einsam gefühlt. Immer gab es so viel zu sehen und zu entdecken. Einsam fühlte ich mich einzig in Grossstädten, obwohl ich da von Menschen umringt war.» Und auch Gefahren biete der Dschungel erst dann, wenn Menschen im Spiel seien – «durch Krieg, Rivalität oder meine eigene Dummheit».

Letzteres hätte ihn tatsächlich beinahe das Leben gekostet. Denn als die peruanischen Zöllner ihn nur nach Brasilien einreisen lassen wollten, wenn er ihnen 100 Dollar zahlte, wurde es Richner zu blöd. Er drehte um und versuchte es entlang von Coca-Schmugglerpfaden über die «grüne Grenze».

Ein alter Kautschukzapfer im Regenwald, bei dem er eine Nacht untergekommen war, hatte ihm davon erzählt. «Was ich nicht bedacht hatte, war, dass die Regenzeit so schnell hereinbrechen konnte.» Tagelang watete er durch knöcheltiefes Wasser, seine Füsse trockneten nicht mehr, er bekam Hautpilz am Rücken und seine Knöchel schwollen an, bis er am Ende den «Reissfuss» samt Fieber bekam.

Sein Fahrrad liess er schweren Herzens zurück – es ging ums nackte Überleben. Einzig eine Notweste mit Notproviant, Machete, Taschenlampe und Medikamenten nahm er mit. Doch weit kam er nicht. So legte sich Mario Richner vom Fieber geschwächt irgendwann zum Sterben unter einen Baum.

Goldtaucher, Goldgräber, Goldmine

Doch er starb nicht. Zwei Brüder fanden ihn auf ihrer Kautschuksammelrunde und brachten ihn auf ihrem Truck zurück in die Zivilisation und direkt zum Arzt. Weniger als einen Kilometer war er von der nächsten Kautschukpiste entfernt gewesen. Ein Suchtrupp der Brüder fand auch sein Fahrrad wenige hundert Meter weiter.

Nachdem er im Haus eines der Brüder hatte genesen und vor allem trocknen können, zog er glücklich und mit neuer Kraft weiter, auf zu neuen Abenteuern. Unter anderem wurde er Goldtaucher, besuchte Goldgräber in der «verrücktesten Goldmine der Welt» und lebte ein halbes Jahr bei einem Stamm der letzten freien Waldindianer. (Diese beiden Geschichten sind aber viel zu gross, um sie hier zu erzählen. Ihnen werden in dieser Serie eigene Artikel gewidmet.)

«Schweiss» in den Augen beim Abschied vom Velo

Nach acht Monaten und 6000 Kilometern musste er von seinem liebsten Reisegefährten Abschied nehmen: Ein Gabelbruch hatte das Fahrrad komplett zerstört. Wie Richner berichtet, musste er sich «den Schweiss aus den Augen wischen» bei dem Anblick.

Den Rest der Strecke machte er quasi rückwärts: Er flog nach Belém an der Atlantikküste und fuhr die Transamazonica zurück bis nach Porto Velho, wo er zuvor aufgrund des Regens nach Süden abgefahren war. So hatte er seine Reise, über zwei Jahre verteilt, in Etappen doch noch beendet.

Abgesehen von den unglaublichen Dingen, die er dabei gesehen hat, und dem oft schier übernatürlichen Glück, das er immer wieder hatte und das ihm so manche Türe öffnete, waren vor allem die Begegnungen mit den Einheimischen Highlights auf seiner Reise. Solche Begegnungen seien fast nur mit dem Fahrrad möglich, «weil man auf Augenhöhe mit den Leuten ist, kein reicher Westler auf dem Motorrad», sagt Richner.

Er sah viel Elend entlang der neu gerodeten Strassen und Felder, der «Narben mitten im Ur-Wald, der nur aus Profitgier zerstört wird», wie er traurig berichtet. Aber er fand auch sehr viel Gastfreundschaft, gerade bei den Ärmsten. Etwas, das Mario Richners Leben stark geprägt hat.

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