Rudolfstetten
Mission Bethlehem statt Aids-Hospiz in Sambia

Ernst Wildi leitet ab Oktober die nicht nur in kirchlichen Kreisen bekannte Missionsgesellschaft Bethlehem. Das Generalkapitel hat ihn im Mai zum neuen Generaloberen bestimmt. Wildi wird als weltoffene, weitsichtige und bescheidene Person geschätzt.

Lukas Schumacher
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Ernst Wildi, Bürger von Wohlen und Bürger seines früheren Wohnorts Rudolfstetten, ist der neue Generalobere der Missionsgesellschaft. sl

Ernst Wildi, Bürger von Wohlen und Bürger seines früheren Wohnorts Rudolfstetten, ist der neue Generalobere der Missionsgesellschaft. sl

Die nahe Zukunft hat sich Pater Ernst Wildi ganz anders vorgestellt. Der 73-jährige Freiämter wollte weiterhin in Sambia arbeiten und leben.

Während 12 Jahren erteilte er im afrikanischen Land Unterricht an einem Priesterseminar, seit 1999 begleitet und betreut er in Sambia Aidskranke in einem Hospiz, einer Homecare-Station mit 30 Betten, die Wildi einst aufzubauen half.

«Sambia ist meine zweite Heimat, die Leute dort sind meine grosse Familie», gibt er zu verstehen. In der Homecare-Station werden monatlich rund 4000 Menschen medizinisch versorgt, begleitet oder von Fachleuten beraten.

Nächste Woche fliegt Pater Wildi zum vorderhand letzten Mal nach Sambia. Er wird sein kleines Zimmer räumen, sich von den Mitarbeitenden und den vielen Einheimischen verabschieden und dann in Immensee (SZ) Wohnsitz nehmen.

«Dem Gehorsam verpflichtet»

Ab Oktober leitet Ernst Wildi vom Domizil Immensee aus für fünf Jahre die Schweizerische Missionsgesellschaft Bethelehm (SMB). Das Generalkapitel hat ihn Ende Mai zum neuen Generaloberen bestimmt.

Eine Leseratte

Die Freizeit verbringt Ernst Wildi am liebsten mit Lesen. Nebst Fachliteratur haben es ihm Romane mit Hand und Fuss sowie spannende Krimis angetan. In Sambia habe er nach Tagen voller Trauer jeweils lesend ein wenig abschalten und so neue Energie tanken können. Auch in Immensee will Wildi, wenn immer möglich, zur Entspannung und Zerstreuung ein Buch aufschlagen. Daneben würde er sich freuen, gelegentlich einen Kinofilm anzuschauen, eine Kunstausstellung oder eine Theateraufführung zu besuchen. Er habe sich in Sambia in kultureller Hinsicht halt einen kleinen Nachholbedarf eingefangen, schmunzelt der Pater und neue Generalobere der Missionsgesellschaft Bethlehem. (sl)

«Die Wahl ereilte mich überraschend, ja völlig unerwartet. Ich habe dieses verantwortungsvolle Amt angesichts meines fortgeschrittenen Alters keineswegs gesucht», erläutert Wildi. Da er dem Gehorsam genauso verpflichtet sei wie der Armut und der Keuschheit, werde er aber versuchen, die neuen Aufgaben engagiert und pflichtbewusst zu erfüllen.

Ernst Wildi wird als weltoffene, weitsichtige und bescheidene Persönlichkeit geschätzt. Auf diese Tugenden und Wildis ausgeprägten Gemeinsinn baut die nicht nur in kirchlichen Kreisen bekannte Missionsgesellschaft Bethlehem.

Wildis Kernaufgabe als Generaloberer wird sein, die 107 Mitbrüder seiner Gemeinschaft zu betreuen und zu unterstützen. Sie sind vorwiegend in Lateinamerika, Afrika und Asien im christlichen und sozialen Dienst tätig.

Die Entwicklungszusammenarbeit fördert die SMB auch mit Partnergemeinschaften, die Schweizer Berufsleute in Drittwelt-Länder entsenden, zumeist temporär für drei Jahre.

«Ein Immenseer Produkt»

Der Wildi-Clan stammt aus Wohlen. Geboren und aufgewachsen ist Ernst Wildi aber in Rudolfstetten, wohin seine Eltern zu Beginn der 1940er-Jahre zügelten. Die Familie war finanziell nicht auf Rosen gebettet, zudem starben der Vater und die Mutter recht früh.

Ernst Wildi besuchte das Gymnasium der Missionsgesellschaft in Immensee, das heute von einer privatrechtlichen Stiftung getragen und von 350 Jugendlichen besucht wird.

Um das jährliche Schulgeld bezahlen zu können, musste Wildi in den 1950er-Jahren jeweils von Haus zu Haus gehen und um Beiträge betteln. Einige Leute hätten bei diesen Dorftouren viel Wohlwollen gezeigt, andere Unverständnis und Ablehnung.

«Eigentlich bin ich ein Immenseer Produkt», schmunzelt Ernst Wildi. Nach dem Gymi-Abschluss absolvierte er die theologische Ausbildung am Priesterseminar der Missionsgesellschaft und erteilte später auch Unterricht am Gymnasium Immensee.

Nicht in heimischen Gefilden, sondern in Washington promovierte er in Theologie, zusätzlich liess er sich in Katechetik ausbilden.

«Das Loslassen wird schwierig»

Ab dem Herbst wird sich Wildi verstärkt Fragen seiner Gemeinschaft widmen müssen, die, genau wie andere kirchlichen Vereinigungen und Orden, grosse Nachwuchsschwierigkeiten bekundet.

Auf der Agenda stehen zudem wirtschaftliche und finanzielle Aspekte der Gemeinschaft, ein grösseres Wohnbauprojekt der Missionsgesellschaft für sozial schwächere Leute in Luzern sowie das Vorhaben «Betreutes Wohnen im Alter», das gemeinsam mit Verantwortlichen des Altersheims Immensee realisiert werden soll.

Derzeit kreisen Wildis Gedanken ums Hospiz in Sambia, das bald ohne Unterstützung aus Immensee klar kommen muss. «Das Loslassen wird ganz schwierig.» Ernst Wildi macht sich Sorgen um die Leute und das afrikanische Land, das trotz Fortschritten nach wie vor von grosser Armut und Elend geprägt sei.

Mehrmals bekam Wildi in den letzten Jahren von Einheimischen in Sambia zu hören, er sei einer von ihnen. «Dieses Kompliment bedeutet mir sehr, sehr viel.»