Interview
Michael Wertli vergab Covid-Kredite in Höhe von 40 Millionen Franken – und rechnet mit einer Konkurswelle

Michael Wertli, Regionalleiter der AKB Freiamt in Wohlen, blickt zurück: Er vergab Covid-Kredite in der Höhe von 40 Mio. Franken.

Nathalie Wolgensinger
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Michael Wertli, Regionalleiter der AKB Wohlen, sieht Licht am Horizont und geht davon aus, dass sich die Wirtschaft langsam stabilisiert.

Michael Wertli, Regionalleiter der AKB Wohlen, sieht Licht am Horizont und geht davon aus, dass sich die Wirtschaft langsam stabilisiert.

Britta Gut

Welche Gedanken schossen Ihnen durch den Kopf, als im März landesweit der Lockdown beschlossen wurde?

Michael Wertli: Mein erster Gedanke war, was das für uns als Bank, die Mitarbeitenden und die lokale Wirtschaft bedeutet. Und ich überlegte mir, wie sich das auf jene Menschen auswirkt, die um ihren Arbeitsplatz und um ihre Existenz bangen.

Welche Sofortmassnahmen haben Sie getroffen?

Wir haben dafür gesorgt, dass unsere Kunden rasch und unkompliziert zu ihren Covid-Krediten kamen. Die schnellste Kreditauszahlung ging innert sechs Minuten über die Bühne. Selbstverständlich achteten wir darauf, dass die Firmen berechtigt waren für diesen Bezug. Es wäre ein Spiel auf Zeit gewesen, wenn wir jenen Unternehmen, denen es vor der Krise schon schlecht ging, einen Kredit ausbezahlt hätten.

Wie konnten Sie sicher­gehen, dass alle Kreditnehmer dazu berechtigt waren?

Schon nur die schiere Masse der Kreditanträge machte es unmöglich, alle genau zu prüfen. Das war auch nicht unsere Aufgabe. Die Firmen mussten sich jedoch an ihre Hausbank wenden, um einen Kredit zu erhalten. Wir kennen unsere Kundschaft. So konnten wir gut ­abschätzen, ob die Rahmen­bedingungen für die Kreditvergabe erfüllt sind.

Wie hoch ist die Kreditsumme, die Sie im Freiamt vergeben haben?

Wir haben innerhalb weniger Wochen 40 Millionen Franken gesprochen. Wenn man überlegt, dass auch andere Banken im Freiamt Kredite vergeben haben, dann ist das eine eindrückliche Zahl.

Es gab doch bestimmt Kunden, die versuchten, auf diese Art und Weise einfach zu Geld zu kommen?

Es gibt überall schwarze Schafe. Wo wir diesen Verdacht hatten, suchten wir das Gespräch. In den allermeisten Fällen konnten wir die Situation so klären.

Wie geht es den kleineren und mittleren Betrieben im Freiamt?

Unternehmungen aus den Bereichen Event, Gastronomie und der Detailhandel waren bereits im Frühling betroffen und sind es jetzt wieder. Diese Firmen haben Umsatzausfälle, die sie nicht mehr kompensieren können. Sie starten mit einem schweren Rucksack ins neue Jahr. Hinzu kommt, dass jene Unternehmen, die einen Covid-­Kredit in Anspruch genommen haben, diesen innerhalb von viereinhalb Jahren zurückbezahlen müssen. Davor habe ich grossen Respekt.

Corona hat nicht nur Verlierer hervorgebracht...

Es gab Firmen, die ihr Geschäftsmodell angepasst haben. Andere wiederum profitierten von der Krise, beispielsweise Online-Anbieter. Grundsätzlich gilt, wer sich ein finanzielles Polster schaffen konnte, kommt einfacher durch die Krise.

Konkurse werden unumgänglich sein. Können Sie abschätzen, was da auf uns zukommen wird?

Das ist schwierig zu sagen. Ich bin überrascht, dass die Zahl der Konkurse noch nicht grösser ausgefallen ist. Das haben Kurzarbeitsentschädigungen, Covid-­Kredite und Entschädigungen für Selbstständige noch abgefedert. Es ist aber davon aus- zugehen, dass eine grössere Konkurswelle auf uns zukommen wird. Damit verbunden ist ein Anstieg der Arbeitslosigkeit.

Das sind düstere Aussichten.

Das würde ich nicht behaupten. Die Erfahrung zeigt uns, dass jede Krise eine strukturelle Bereinigung mit sich bringt. Bei der aktuellen Pandemie wird das nicht anders sein. Deshalb muss das Wirtschaftssystem nicht in Frage gestellt werden.

Wie erleben Sie Ihre Kunden? Sind sie optimistisch?

Private und Unternehmungen konsumieren und investieren weniger und vorsichtiger. Die Angst, dass man den Job verlieren oder die Firma liquidieren muss, steckt vielen im Nacken.

Wie soll man denn sein Geld gewinnbringend anlegen?

Eine Garantie auf eine Rendite gibt es nie. Aber langfristige Investitionen in die Börse bringen oftmals mehr Gewinn als das Geld auf dem Sparkonto. Inflationsbedingt verliert man mit Kontoguthaben Geld, da sich die Kaufkraft schmälert. Bei den Wertschriftenanlagen konnten wir in den vergangenen Jahren aufgrund der Tiefzinsphase allerdings markante Zunahmen verzeichnen.

Ebenfalls markant zugenommen hat die Nachfrage nach Immobilien.

Die Liegenschaftspreise im Freiamt sind im Vergleich zum Kanton überdurchschnittlich angestiegen, und die Nachfrage hält unverändert an. Wir hatten in den vergangenen Jahren ein immenses Wachstum im Hypothekarbereich, das weiterhin ungebrochen ist.

In die Hand gespielt hat Ihnen, dass die NAB ihr Filialnetz im Aargau deutlich reduziert und den Namen ändert. Das hat doch bestimmt neue Kunden gebracht?

Das ist unbestritten, wir hatten einen markanten Kundenzulauf. Wir sind eine regionale Bank, die ihre Entscheidungen vor Ort trifft, das wird von vielen Kunden geschätzt. Wir halten an unseren fünf Standorten im Freiamt fest.

Corona beschäftigt die Menschen nach wie vor. Wie schätzen Sie die Zukunftsaussichten ein?

Wir denken, dass sich die Wirtschaft langsam stabilisieren kann, wenn die Impfungen beginnen. Die schweren Umsatzverluste werden wohl erst im Jahr 2022 wettgemacht. Dann erwarten wir auch eine Stabilisation. Es braucht also noch etwas Zeit – aber wir sehen Licht am Horizont.

Zur Person

Michael Wertli ist seit 2014 Regionalleiter der AKB Wohlen. Am Regionalsitz in Wohlen und in den vier Niederlassungen der Bank arbeiten 50 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Der 48-Jährige ist verheiratet, lebt in Bremgarten und ist Vater zweier schulpflichtiger Kinder. (nw)