Merenschwand
Merenschwander Gemeindeammann: «Kein Brimborium um Doris Leuthard»

Karl Suter ist der einzige Freiämter Gemeindeammann mit einer Bundesrätin im Gemeindebann. Regelmässig zum Essen eingeladen ist er bei ihr jedoch nicht. Immerhin: Zu ihrem 50. Geburtstag gab es einen gemeinsamen Kaffee.

Eddy Schambron
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Karl Suter war vom Start weg Gemeindeammann in Merenschwand; nach 12 Jahren hört er auf. ES

Karl Suter war vom Start weg Gemeindeammann in Merenschwand; nach 12 Jahren hört er auf. ES

Der handbemalte grosse Schrank an der Stirnseite des Sitzungszimmers des Gemeinderates Merenschwand trägt die Wappen und Namen früherer Gemeindeammänner. Der abtretende Karl Suter wird darauf nicht verewigt werden, wie es auch sein Vorgänger Josef Nogara nicht wurde. Es hat nämlich schlicht keinen Platz mehr dafür. Suter, der am 25. November zum Ehrenbürger ernannt wird, trägt es mit Fassung.

Herr Suter, Sie werden in die Geschichte eingehen, Sie haben mit Detlef Conradin die beiden Gemeinden Benzenschwil und Merenschwand zur Fusion geführt. Was ist das für ein Gefühl?

Karl Suter: Das darf man nicht überbewerten. Ich war zufälligerweise in dieser Zeit Gemeindeammann von Merenschwand und danach auch Gemeindeammann der neuen Gemeinde Merenschwand. Darauf muss ich nicht stolz sein, die Konstellation war einfach so.

Aber Sie haben mit Conradin die Fusion sehr erfolgreich über die Bühne gebracht.

Wir haben viel Zeit investiert und einen rechten Aufwand betrieben, vor allem in der Vorbereitung. Es war eine spannende und intensive Zeit, und die Fusion ging gut über die Bühne. Nach dem Start der neuen Gemeinde am 1. Januar 2012 hat die diesbezügliche Belastung stark abgenommen. Heute ist die fusionierte Gemeinde gut funktionierender Alltag.

Merenschwand: Mit mehreren Themen im Gespräch

Es geht fast schon unter, dass in Merenschwand Bundesrätin Doris Leuthard aufgewachsen ist und heute noch ihren Wohnsitz hat. Nach der erfolgreichen Fusion zwischen den Gemeinden Merenschwand und Benzenschwil auf den 1. Januar 2012 rückte die Gemeinde mit dem Schwan im Wappen mit anderen Themen ins Blickfeld. Im ehemaligen «Hirschen» mitten im Dorf richtete der Kanton eine Asylunterkunft ein. Die Opposition gegen diese Asylunterkunft verstummte schnell. Etwas mehr zu reden gibt der vom Kanton geplante Durchgangsplatz für Fahrende in Benzenschwil. Trotz der Opposition von SVP Merenschwand und dem Komitee «Pro Merenschwand» hat der Grosse Rat im August den geplanten Durchgangsplatz relativ klar gutgeheissen. Auch wenn der Platz nun im Richtplan eingetragen ist, entscheidet letztlich die Gemeindeversammlung darüber, ob er Wirklichkeit wird oder nicht. Aktuell in der Diskussion ist der Neubau eines Verwaltungsgebäudes. CVP, FDP und SP sind dafür, das Projekt «Gio» für ein neues Gemeindehaus beim künftigen Hirschen-Kreisel weiterzuverfolgen, das Komitee «Pro Merenschwand» und die SVP sind dagegen. Sie haben auch mit 816 gültigen Unterschriften, bei erforderlichen 541, das Referendum gegen den Gemeindeversammlungsbeschluss vom 24. Juni ergriffen. Damals war der Kredit von 670 000 Franken mit 142 gegen 121 Stimmen relativ knapp gutgeheissen worden. Abgestimmt wird am 24. November an der Urne. (ES)

Es blieben keine Narben übrig?

Vielleicht verspüren einige alt eingesessene Benzenschwilerinnen und Benzenschwiler eine gewisse Wehmut. Aber im praktischen Alltag werden sie keinen grossen Unterschied zu früher feststellen. Finanziell ist es sogar besser für sie. In der Verwaltung mussten wir niemanden kündigen, für sie ist die fusionierte Gemeinde ebenfalls Alltag.

Sie sind auch der einzige Freiämter Gemeindeammann mit einer Bundesrätin. Sind Sie manchmal bei Doris Leuthard zum Abendessen eingeladen?

Nein (lacht). Ich treffe sie relativ selten, aber wenn wir uns sehen, wechseln wir schon ein paar Worte. Zu einem Essen eingeladen waren meine Vorgänger Josef Nogara und Walter Leuthard sowie ich mit unseren Frauen in Bern, nach der Wahl von Doris Leuthard 2006. Drei Jahre später, 2009, vor der Wahl als Bundespräsidentin, waren wir als Gemeinderat zu einem offiziellen Abend willkommen. Und dieses Jahr im Zusammenhang mit ihrem 50. Geburtstag zu einem Kaffee.

Also ein relativ unaufgeregtes Verhältnis mit der bekannten Bürgerin?

Ja. Wir in der Gemeinde machen kein spezielles Brimborium um Doris Leuthard. Das würde sie auch gar nicht schätzen. Wir haben etwas mehr Polizeipräsenz im Dorf. Aber sonst ist nichts weiter festzustellen, dass in Merenschwand eine Bundesrätin lebt.

Sie sind bald 12 Jahre Gemeindeammann. Was hat Ihnen an diesem Amt besonders gefallen?

Der Kontakt mit den Leuten und die Möglichkeit, in die verschiedensten Themen des Lebens reinzuschauen. Die Tätigkeit als Gemeindeammann deckt ein sehr breites Spektrum ab. Das ist spannend.

Sie wurden vor 12 Jahren gleich als Gemeindeammann gewählt, ohne Erfahrung als Gemeinderat. Mussten Sie Vorstellungen von damals korrigieren?

Ich stellte schnell fest, dass die wirklichen Gestaltungsmöglichkeiten einerseits durch die knappen Finanzen und anderseits durch die rechtlichen Rahmenbedingungen stark eingeschränkt sind. Vieles ist vorgegeben. Das wird sich noch verstärken – ich denke da an die Raumplanung, die Einzonungen weiter einschränken wird. Gute Lösungen zu finden, wird noch anspruchsvoller.

Was hat Sie belastet?

Es ist schwierig, Leute enttäuschen zu müssen. Man hat Gesetze zu vollziehen, die nicht immer für alle verständlich sind. Man ist manchmal auch mit schwierigen Lebenssituationen von Bürgerinnen und Bürgern konfrontiert, die man sonst nicht wahrnehmen würde.

Sie haben einmal gesagt, dass Einsprachen und Bauverzögerungen bei gemeindeeigenen Bauten die Motivation leiden lassen. Sind sie der Grund dafür, dass Sie nicht mehr zur Wiederwahl antraten?

Sie sind sicher nicht der Hauptgrund. Aber sie haben mich in meinem Entscheid sicherlich bestärkt, sowie auch der rauere Umgangston in der Merenschwander Parteienlandschaft, der mich nachdenklich stimmt. Es ist aber hauptsächlich die grosse zeitliche Belastung, die mich bewogen hat, nach 12 Jahren aufzuhören. Ich finde, es ist jetzt der richtige Zeitpunkt. Die Fusion ist vorüber, die Gemeinde steht finanziell auf einer gesunden Basis und funktioniert gut.

Macht es die zeitliche Belastung schwierig, Leute für dieses Amt zu finden?

Ich glaube schon. Mein Nachfolger Hannes Küng hat schon bei seiner Wahl zum Vizeammann vor zwei Jahren das Arbeitspensum reduziert. Ich hatte den Vorteil, als Geschäftsführer der Elektra Merenschwand meine Zeit relativ frei einteilen zu können, und konnte auf das Verständnis des Arbeitgebers zählen. Aber das ist nicht selbstverständlich – und deshalb wird es schwieriger werden, Leute zu finden, die sich das berufliche Umfeld so organisieren können, dass sie noch den Pflichten als Gemeindeammann nachkommen können.

Widerstand gibt es gegen das Gemeindehausprojekt Gio, beziehungsweise gegen den Standort Hirschen-Kreisel. Darüber wird am 24. November an der Urne abgestimmt. Wie nehmen Sie die Opposition wahr?

Man kann über den Standort genauso diskutieren wie über die Architektur und die finanziellen Auswirkungen. Was mir Mühe macht, ist die fundamentale Opposition gegen den Gemeinderat, indem seine Arbeit schlechtgeredet wird. Ihm wird unterstellt, er treibe die Gemeinde in den Bankrott. Wir haben das Projekt jedoch sehr sorgfältig vorbereitet und auch die Finanzen im Blick behalten.

Sollte es am 24. November zu einem Ja kommen, befürchten Sie dann, dass das Gemeindehausprojekt von einem Einzelnen genauso torpediert wird wie andere Gemeindeprojekte?

Ausschliessen würde ich es nicht. Jetzt warten wir einmal die Urnenabstimmung ab und sehen dann weiter.

Asylunterkunft im alten «Hirschen», Pläne für einen Durchgangsplatz für Fahrende in Benzenschwil, die Opposition dagegen ist präsent, tritt aber sachlich und nicht radikal auf. Sind die Merenschwander besonnener als anderswo?

Das würde ich so nicht sagen. Unsere Situation ist nicht eins zu eins mit anderen Gemeinden zu vergleichen. Die Asylunterkunft zum Beispiel in Bettwil hatte eine ganz andere Dimension als unsere. Auch war die Kommunikation sowohl bei der Asylunterkunft als auch beim Durchgangsplatz ganz anders aufgegleist.

Gibt es Probleme mit der Asylunterkunft?

Nein. Man merkt kaum, dass seit drei Viertel Jahren Asylbewerber im Hirschen leben.

Wie wird Merenschwand in 10 oder 20 Jahren aussehen?

Die Gemeinde wird bevölkerungsmässig weiter wachsen. Es ist ein noch relativ grosses Potenzial an bebaubaren Flächen im Zentrum vorhanden – ich denke an den Kirchenbezirk und das Areal beim heutigen Gemeindehaus sowie weitere Flächen. Es wird in Richtung innere Verdichtung gehen. Das Dorfleben wird attraktiv bleiben, die Vereine werden ihren wichtigen Stellenwert behalten. Der Charakter des Dorfes wird sich nicht grundlegend ändern.

Werden die Fahrenden ihren Durchgangsplatz haben?

Dazu braucht es in jedem Fall einen Gemeindeversammlungsbeschluss. Das wird ein eigenständiges Thema im Rahmen der Revision des Gesamtzonenplans sein. Persönlich glaube ich nicht, dass es zu einem Ja kommt. Das wird nicht gegen die Fahrenden gerichtet sein. Aber die Mehrheit der Stimmberechtigten zweifelt wohl an der Notwendigkeit des Durchgangsplatzes an dieser Stelle. Hätte der Kanton nicht zufällig Land da zur Verfügung, wäre der Platz in Benzenschwil wohl auch für den Kanton kein Thema geworden.

Jetzt werden Sie Ehrenbürger. Was bedeutet Ihnen das?

Das ist eine schöne Ehre, eine Wertschätzung meiner Arbeit als Gemeindeammann, die mich sehr freut. Es wird meine Beziehung zur Gemeinde noch verstärken – ich bin ja weder Ortsbürger noch hier geboren, sondern ein Zuzüger.