Wohlen
Mehr als nur kicken und boxen – Zum Training gehören auch Selbstbewusstsein und Respekt

Kinder lernen im Kickbox-Training nicht nur Technik. Rocco Cipriano trainiert im Kickboxing-Klub Wohlen Kinder und Erwachsene. Für ihn gehört zum Kampfsport auch eine gehörige Portion Feinfühligkeit.

Johanna Lippuner
Merken
Drucken
Teilen
Die jungen Kickboxer mit ihrem Trainer Rocco Cipriano, bei dem sie mehr als nur Kampftechnik erlernen.

Die jungen Kickboxer mit ihrem Trainer Rocco Cipriano, bei dem sie mehr als nur Kampftechnik erlernen.

Johanna Lippuner

Kampfsport ist bei Kindern und Jugendlichen als Freizeitbeschäftigung sehr beliebt. Aber machen Sportarten, bei denen man sich gegenseitig «vermöbelt» junge Menschen nicht aggressiv?

Für den Kickboxer ist die Antwort auf diese Frage ganz klar: Nein. Sogar eher im Gegenteil. Er trainiert Kinder und Erwachsene im Kickboxing-Klub Wohlen und hat selber schon unzählige Gegner besiegt. «Je mehr du es machst, desto weniger aggressiv wirst du», spricht Cipriano aus Erfahrung. Viele seiner Schützlinge werden von Eltern ins Training gebracht, die Hilfe suchen. «Nicht immer, aber oft werden diese Kinder belächelt oder gemobbt, oder sie mobben selber. Manche haben auch Probleme mit der Disziplin oder schlichtweg null Prozent Selbstvertrauen», erklärt der Trainer. «Das sind Kandidaten, die auf die schiefe Bahn geraten könnten. Kommen sie aber ins Training und wir haben die Möglichkeit, lange genug mit ihnen zu Arbeiten, können wir ihnen unsere Philosophie mitgeben. Dann ist schon ein grosser Schritt geschafft.»

Feinfühligkeit im Kampfsport

Vor allem Respekt und Fairness werden im Wohler Dojo grossgeschrieben. Auch auf das Verhalten ausserhalb des Trainings wird viel Wert gelegt: «Alle Klubmitglieder verhalten sich auch ausserhalb des Dojos korrekt und respektvoll ihren Mitmenschen gegenüber», so steht es in den Verhaltensregeln. Neben dem Abbau von Aggressionen steht im Training auch der Aufbau von gesundem Selbstbewusstsein im Vordergrund. «Schaffen die Kinder plötzlich etwas, mit dem sie lange Mühe hatten, gewinnen sie an Selbstvertrauen. Das strahlen sie auch aus, und die Chance, dass sie von anderen gemobbt werden, wird kleiner», so Cipriano. «Man kann dann sehen, wie die Brust weiter raus geht und sie beginnen, gerader zu stehen», sagt er mit einem Lächeln.

«Wir stehen nicht einfach vor dem Boxsack, schlagen so fest, wie wir können, und dann ist das Training vorbei», meint Cipriano zum Vorurteil, Kampfsportler seien aggressiv. Die Sportart benötige viel Feinfühligkeit und Menschenkenntnis. Die Kinder lernen, ihre Gegner zu beobachten. Es geht darum, die Stärken des Gegenübers zu umgehen und die Schwächen zum eigenen Vorteil zu nutzen. Auch die Harmonie zwischen dem Kämpfer und seinem Coach müsse stimmen. Es sei wichtig, dass sie einander verstehen und vertrauen können.

Fight Night Wohlen: Kampf um den Meistertitel

Am kommenden Wochenende organisiert das Kickboxing Wohlen zwei grosse Anlässe in der Hofmattenturnhalle. Am Samstag, 27 Oktober, finden dort die Wettkämpfe der Schweizer Meisterschaften im Vollkontakt statt. Dazu gehört eine Gala mit Shows und Musik. Um 18.30 Uhr werden die Türen geöffnet, die Kämpfe beginnen um 19.30 Uhr. Der Eintritt kostet für Erwachsene 30 Franken und für Jugendliche bis 16 Jahre 15 Franken.

Am Tag darauf, dem 28. Oktober, finden die Turnierkämpfe im Point Fighting, Light Contact, Kicklight und den Musical Forms statt. Die Turnhalle wird um 8 Uhr geöffnet. Der Eintritt kostet für Erwachsene 5 Franken und ist für Jugendliche bis 16 Jahre gratis. Aus dem Kickboxing Wohlen werden 14 Kämpfer dabei sein. Die Teilnehmer mit den meisten Punkten erhalten den Titel Schweizer Meister in ihrer Disziplin und Gewichtsklasse.

Vorverkauf Tickets und weitere Informationen auf www.fightnightwohlen.ch

Zufrieden müde

Die menschliche Psyche könne man sich als Kübel vorstellen, der durch den Tag mit positiver und negativer Energie gefüllt werde, erklärt Cipriano. Durch intensive körperliche Betätigung leere sich dieser Kübel und nach dem Training sei man «zufrieden müde». Das bedeute, man sei «müde, weil man wirklich gearbeitet und etwas gemacht hat.» So würden gesammelte Aggressionen und Anspannungen beim Training abgebaut.

Durch den Sport entdecken die Kinder eine neue Energie und werden dadurch motiviert. Ihnen wird erklärt, dass sie nicht nur ihren Körper haben, sondern auch einen Kampfgeist, dessen Ziel es sei, nie aufzugeben. Diese Philosophie fasziniere sie. «Es ist unglaublich welche Leistungen die Kinder erbringen können, wenn sie einen Grund dafür sehen.»

Seine Wut ausboxen

Am Freitagnachmittag trainieren die jüngsten Kickboxer, im Alter ab acht Jahren. Sie springen barfuss herum, kreischen, werfen sich Bälle zu und tragen einander huckepack durch das Dojo. Sobald Rocco Cipriano aber das Wort ergreift, werden die aufgedrehten Energiebündel ruhig und hören aufmerksam zu.

Auf die Frage, wieso sie kickboxen, geben die Kinder Gründe an wie «Ich will Weltmeisterin werden» oder «Weil mein bester Freund hier ist.» Ein Mädchen sagt: «Mir macht es Spass, weil ich meine Kraft rauslassen kann.» Ihre Trainingskollegin ergänzt: «Wenn man hässig ist und hier hinkommt, kann man seine Wut ausboxen und niemand ist böse auf einen.»

Bei der Frage, ob sie ihre Kampfkünste einsetzen, wenn sie, beispielsweise, von Mitschülern gehänselt werden, antwortet ein Junge: «Eigentlich ist Kickboxen nicht für Gewalt gedacht.» Die jungen Kickboxer ergänzen, dass sie ihr Gegenüber auf jeden Fall zuerst ein paar Mal vorwarnen und bestätigen damit Rocco Ciprianos Aussagen, dass die Kinder auch anderes lernen als nur Kampftechnik. «Unterbewusst merken sie, dass mehr dahinter steckt als nur kicken und boxen», sagt der Trainer.