Wenn das Gespräch auf Hanf kommt, denken die meisten zunächst an die Droge. Dabei hat die Pflanze viel mehr zu bieten als nur das berauschende Tetrahydrocannabinol (THC). Die Fasern der Pflanze sind sehr robust und lassen sich vielseitig verwenden. Dieses Wissen nutzten schon unsere Vorfahren.

Hanf ist eine kaum anspruchsvolle Pflanze, die gut im gemässigten Klima gedeiht. Die Bauern ernteten die Stauden, indem sie sie rauften, also ausrissen. Nach der Ernte röstete man den Hanf, dafür legten die Bauern die Garben für etwa zehn Tage in Teiche oder wassergefüllte Gruben.

Bei der Röste, auch Rotte genannt, lösen sich Bakterien und Pilze. Danach trocknete das Hanfstroh und wurde weiterverarbeitet, wofür unter anderem die Hechel zum Einsatz kam. Dieses alte Handwerksgerät besteht aus einem Holzbrett, auf dem in der Mitte lange, vorstehende Nägel angebracht sind.

Durch diese Nägel zog man die Halme der Flachs oder Hanfpflanzen und trennte so das Halmstroh von den Fasern. Die nach dem Hecheln gewonnenen Fasern konnten nun versponnen werden. So eine Hechel befindet sich im Wappen des Dorfes Hägglingen.

Hanf im Kloster

Paul Borner, der Präsident des Arbeitskreises für Dorfgeschichte, sagt: «Hier in der Gegend wurde sehr viel Flachs beziehungsweise Leinen angebaut und verarbeitet.» Hanf und Flachs seien in Anbau und Verarbeitung fast gleich. Zum Wappen kann er berichten, dass es seit 1547 eine Hechel zeigt.

Noch heute gibt es weitere Hinweise darüber, wo Hanf und Flachs angebaut wurden. Eine interessante historische Quelle sind Flurnamen wie «Büne», «Bündte» oder «Pünten». Hierbei handelte es sich oft um kleine Sondernutzflächen des Allmendlandes, auf denen Hanf wuchs. Mit «Rätschen» sind häufig Orte gemeint, wo Hanf und Flachs gebrochen wurden.

Über den Anbau im Freiamt berichtet die Historikerin Anne-Marie Dubler in ihrer Abhandlung über das Kloster Hermetschwil. Sie schreibt, dass Hanf wie etwa Hülsenfrüchte, Gerste und Flachs zur Schmalsaat zählte, mit Flachs auf den «Pünt-äckern» des Klosters angebaut und für den Eigengebrauch verwendet wurde.

Im Kloster Hermetschwil spielte Hanf eine wichtige Rolle.

Im Kloster Hermetschwil spielte Hanf eine wichtige Rolle.

Sklaven brachten Ideen mit

Hanf diente auch zur Papiergewinnung. Das Wissen um die Herstellung von Papier gelangte, laut dem Historischen Lexikon der Schweiz, im Spätmittelalter von China über Arabien nach Europa. Zunächst bestanden die sogenannten Beschreibstoffe im alten China aus Seidenabfällen.

Im Jahr 105 nach Christus beschrieb der Beamte Ts’ai Lun ein Verfahren, wie man aus Fasern des Maulbeerbaums, Hanffasern sowie Tauen Papier gewinnen konnte. Diese Fasern wurden sehr fein in einer Flüssigkeit verfilzt und danach mithilfe eines Siebes abgeschöpft.

Dieses Wissen gaben chinesische Gefangene im achten Jahrhundert an Araber weiter, die in ihrem sich ausdehnenden Herrschaftsbereich Papiermühlen bauten. So auch im 12. Jahrhundert in Spanien, von wo aus sich das Wissen ins übrige Europa verbreitete, wo Papier nach und nach Pergament ersetzte.

Die ersten Papiermühlen in der Schweiz entstanden bereits vor 1400 vermutlich in der Umgebung von Genf. 1561 gründete Hans Borsinger jene in Bremgarten. Diese Mühle wurde bis 1869 betrieben. Lumpensammler beschafften die notwendigen Rohstoffe, nämlich Hadern (Lumpen) aus Leinen und Hanf.

Der Vorteil dieses Papiers im Vergleich zum heutigen ist, dass es säurefrei und damit dauerhaft ist. Heutiges Papier besteht aus Holzzellulose und zerfällt mit der Zeit, ein Umstand, der Archive vor Probleme stellt.

Von Seilen bis zu Kleidern

Aber nicht nur Papier, sondern auch für Textilien galt Hanf, neben Flachs, als wertvoller Rohstoff. Wie das Historische Lexikon berichtet, baute man in der Schweiz vermutlich seit dem frühen Mittelalter Hanf an. Die Fasern lieferten Rohmaterial für dauerhafte und nassfeste Stoffe, die für Bekleidung, Segeltuch, Fischernetze und Seilerwaren genutzt wurden.

In Europa erlebte Nutzhanf während der Zeit der Segelschifffahrt im 17. Und 18. Jahrhundert seine Blütezeit. Die äusserst reiss- und nassfesten Fasern wurden besonders für Taue, Takelwerk und Segel gebraucht. Im Freiamt gab es in Muri eine Seilerei, die einzige der Region, so schreibt es der Freiämter Kalender 1977.

Pedaline-Manilahanffaser, umwickelt mit Cellophan, wurde in der Firma Jacob Isler & Co in Wohlen erfunden.

Pedaline-Manilahanffaser, umwickelt mit Cellophan, wurde in der Firma Jacob Isler & Co in Wohlen erfunden.

Dort fertigte Anton Schärer damals bereits in dritter Generation Seile, zum Teil noch in Handarbeit. Auch in den 70er-Jahren gehörten Hanffasern noch wie im 19. Jahrhundert zu den Rohstoffen, mit denen die Seiler arbeiteten. Aus einem Hanfknäuel Fäden zu drehen, zählte zu den schwierigsten Aufgaben einer Seilerei.

Wertvoll für Strohindustrie

In der Region Freiamt war die Strohindustrie ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Die Wohler Strohhüte verkauften sich weltweit. Zunächst flochten sich Bauern Hüte zum Schutz vor der Sonne während der Arbeit auf dem Feld. Doch im 19. Jahrhundert entwickelte sich aus der kunstfertigen Heimarbeit eine richtige Industrie mit Fabriken und Händlern.

Ein historischer Hanf-Hut aus dem Strohmuseum Wohlen.

Ein historischer Hanf-Hut aus dem Strohmuseum Wohlen.

Zunächst wurde vorwiegend Roggen- und Weizenstroh verwendet, da aber Maschinen mit diesen Materialien Probleme hatten, mussten neue her. Die schnelllebige Modewelt war ausserdem erpicht auf immer neue Entwicklungen. Zu den neuen Materialien gehörten Hanffasern, und zwar «Manilahanf», importiert von den Philippinen. Diese Fasern liessen sich besonders gut in Pastelltönen färben. Zunächst setzten die Hersteller noch auf handgearbeitete Geflechte, die später maschinell gefertigt werden konnten.

An Webstühlen wurden die Fasern der Musa textilis (Abaca) zu einem feinen Gewebe verarbeitet. Für die maschinelle Produktion zeigte sich eine Verbindung von Hanf und Rosshaar als sehr geeignet, die eine Zeit lang sogar wichtigstes Rohmaterial war. Um 1920 kam dann das «Pedaline» auf, wobei Hanf mit Cellophan umwickelt wurde, eine erfolgreiche Verbindung des robusten Hanfes mit dem glänzenden Kunststoff.

Niedergang und Rückbesinnung

Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zunehmend aus der Mode, Hüte zu tragen, und die Wohler Strohindustrie erlebte ihren Niedergang. Im Laufe der Zeit verlor Hanf auch im Textilbereich an Bedeutung, zum einen durch den Niedergang der Segelschifffahrt, zum anderen trat Baumwolle in der Textilindustrie mit der mechanisierten Spinnerei zunehmend in den Vordergrund.

Und was die Papierherstellung betrifft: Hier konnte man seit dem 19. Jahrhundert Zellstoff aus Holz gewinnen, womit Hanf überflüssig wurde. Nachdem Hanf zudem durch seine berauschende Wirkung besonders in den vergangenen hundert Jahren in Verruf kam, besinnt man sich heute wieder vermehrt auf die wertvollen Eigenschaften.

So gibt es Textilien aus Hanffasern zu kaufen, und auch als Dämmstoff in der Industrie ist die Faser begehrt. Besonders in Zeiten, da viele auf eine gesunde Ernährung achten, erleben die eiweissreichen Produkte aus Hanf eine grosse Nachfrage.