Muri
Mann vor Bezirksgericht: Hat er vorsätzlich oder fahrlässig waghalsig überholt?

Ein Autofahrer ging bei Rüstenschwil das Risiko eines Unfalls mit Schwerverletzten oder Todesopfern ein. Ihm wirft die Staatsanwaltschaft die vorsätzliche Verletzung elementarer Verkehrsregeln durch waghalsiges Überholen vor.

Eddy Schambron
Merken
Drucken
Teilen
Vor dem Bezirksgericht Bremgarten stand ein 53-jähriger Serbe.

Vor dem Bezirksgericht Bremgarten stand ein 53-jähriger Serbe.

Screenshot SRF

Manchmal ist es richtig harzig am Bezirksgericht. Zwar spricht und versteht der Angeklagte, ein 53-jähriger Serbe, der schon länger in der Schweiz lebt, recht gut Deutsch. Aber es war trotzdem eine Übersetzerin bestellt worden, die die von Gerichtspräsidentin Simone Baumgartner-Stämpfli geführte Verhandlung auf Albanisch übersetzte. Dem Angeklagten wird von der Staatsanwaltschaft die vorsätzliche Verletzung elementarer Verkehrsregeln durch waghalsiges Überholen vorgeworfen. Von Sins herkommend überholte der Angeklagte bei Dunkelheit ausgangs Rüstenschwil einen ebenfalls Richtung Muri fahrenden Sattelschlepper, obwohl laut Anklage die Strecke nicht auf genügender Länge überschaubar war. Als Gegenverkehr kam, gab er Gas, um eine Kollision mit dem entgegenkommenden Fahrzeug zu vermeiden, kollidierte beim Wiedereinbiegen seitlich mit der vorderen linken Ecke des Sattelschleppers, verlor die Kontrolle über sein Fahrzeug und kam schliesslich im Ackerland zu stehen. Durch sein Verhalten habe der Angeklagte in Kauf genommen, dass sich ein Unfall mit Schwerverletzten oder Toten ereignen könnte, stellt die Anklageschrift fest.

Anstrengende Einvernahme

Die Einvernahme des Angeklagten gestaltete sich anstrengend, nicht nur wegen sprachlicher Verständigungsprobleme. Der Fahrer konnte sich nur wenig erinnern, hatte Mühe, auf einem Plan einzuzeichnen, von wo er zum Überholmanöver ansetzte, wie gross er die Distanz der überschaubaren Strecke einschätzte, als er mit dem Auto seines Sohnes überholte. «Wie viele PS oder wie viel Hubraum hat das Auto?», fragte die Gerichtspräsidentin. «Es ist ein Auto für junge Leute», antwortete der Angeklagte. Ob er schon einmal wegen Tempoüberschreitung vom Strassenverkehrsamt verwarnt worden sei. «Nein, bin ich nicht», sagte der Angeklagte. Vielleicht sei es sein Sohn gewesen, «ich habe es auf mich genommen, das Nummernschild lautete auf meinen Namen.» Welchen Vorwurf er sich selber mache, wollte Baumgartner wissen. «Ich habe einen grossen Fehler gemacht, jeder macht Fehler, nicht nur ich.» Wirkliche Einsicht tönt anders.

Anklage eventuell ergänzen

Die Gerichtspräsidentin unterbrach überraschend die Verhandlung zu einer internen Beratung und eröffnete anschliessend den Entschluss des Gerichts, der Staatsanwaltschaft die Möglichkeit zur Anklageergänzung zu geben. Das Gericht erachte es «als nicht völlig abwegig», dass das Vergehen eventuell fahrlässig begangen wurde. Jetzt kann die Staatsanwaltschaft ihre Anklage überprüfen und allenfalls entsprechend ergänzen. «Der Ausgang des Verfahrens bleibt damit völlig offen», machte Baumgartner klar.