Bezirksgericht Bremgarten

Mann sticht mit Steakmesser auf Mitbewohner ein – um «zu beruhigen»

(Symbolbild)

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Ein 20-Jähriger stand wegen zwei mutmasslichen Gewaltdelikten vor dem Bezirksgericht Bremgarten.

Erst ganz am Schluss kam dem Beschuldigten der Gedanke, dass er sich entschuldigen könnte. Erst nachdem der Staatsanwalt in seinem Plädoyer das Fehlbleiben einer solchen angeprangert hatte. Der Messerstich tue im leid, sagte der 20-Jährige, der sich vor dem Bezirksgericht Bremgarten wegen zweier Gewaltdelikte zu verantworten hatte.

Und der junge Mann hatte im selben Moment noch einen zweiten Gedankenblitz, ebenfalls dank dem Staatsanwalt. Während dessen Plädoyer sei er erst auf den Gedanken gekommen, dass es für den Betroffenen schlimm war, am Oberarm blutend alleine zurückgelassen zu werden. Denn der 20-Jährige und dessen Freundin hatten in diesem Augenblick nur noch eines im Kopf: die Flucht vor der nahenden Polizei.

Geflüchtet war der junge Mann auch fünf Monate vorher, als er gemäss der Staatsanwaltschaft einem Eritreer am Bahnhof in Wohlen eine Whiskey-Flasche auf den Kopf geschlagen haben soll. Den Schlag mit der Flasche bestreitet der 20-Jährige.

Der Eritreer hätte wohl seinen Kopf an der Parkbank angeschlagen, so seine Alternativerklärung für die Verletzung. Dass ein Gutachten von einer Verletzung mit einer Glasflasche ausgeht, lässt ihn kalt. Denn: «Die Verletzung wäre viel schlimmer, wenn ich zugeschlagen hätte. Ich habe Kraft, viel Kraft.»

Beschuldigter sieht sich als das eigentliche Opfer

Die Flucht des Beschuldigten ist nicht die einzige Gemeinsamkeit der beiden Fälle. Bei beiden sieht sich der 20-Jährige in der eigentlichen Opferrolle. Er habe sich nur gewehrt, der Aggressor sei jeweils der andere gewesen. Über das Opfer der Messerattacke, das übrigens sein damaliger Mitbewohner war, sagt er: «Er ist mega durchgedreht, ist wie ein Zombie im Film gegen die Wände gerannt.»

Dieser sei unter dem Einfluss von Drogen gestanden, so die Überzeugung des Beschuldigten, trotz eines medizinischen Gutachtens, das auf einen anderen Schluss kommt. Als sein Mitbewohner ihn dann zu einem eins gegen eins aufgefordert hätte, sei er mit nach draussen gegangen. Dazu habe er ein Steak-Messer unter den Pulli gesteckt, damit er sich verteidigen könne, da sein damaliger Mitbewohner viel stärker sei.

Als dieser dann versucht hätte ihn zu schlagen, «versuchte ich ihn zu beruhigen.» Dies indem er das Messer zückte und Hiebbewegungen andeutete. Warum er nicht einfach die Polizei oder um Hilfe gerufen hätte, wollte Gerichtspräsident Raimond Corboz wissen. Ein Messer habe eine abschreckende Wirkung, nicht Schreie, so der Beschuldigte, der auch aussagte, dass er nicht um Hilfe rief, da er dann ausser Atem gekommen wäre und sich dadurch nicht mehr hätte verteidigen können.

Die Aussagen des 20-Jährigen waren aber nicht die einzigen, die teilweise am gesunden Menschenverstand der Beteiligten zweifeln liess. So auch jene des Opfers des Messerstiches. In seiner Version ging er frühmorgens zum Zimmer des Beschuldigten, um ihn und dessen Freundin, die in einen Streit verwickelt waren, zu bitten, ruhiger zu sein.

Als dann der 20-Jährige ein Messer zückte, sei er geflohen und Richtung Bahnhof gerannt – verfolgt vom Beschuldigten mit dem Messer in der Hand. «Nach Hilfe gerufen habe ich nicht», sagte das Opfer der Messerattacke, «ich wollte unsere Nachbarn um fünf Uhr morgens nicht wecken.» Die Situation schien kurze Zeit später entschärft. Zumindest dachte der Flüchtende, sie hätten es wieder gut miteinander und hielt an.

Wie er auf diesen Schluss kam, konnte er nicht erklären. Fakt ist, so lange hatten sie es nicht wieder gut miteinander. Kurz darauf fingen sie an, sich gegenseitig zu schubsen, was darin endete, dass der Beschuldigte, «um mich zu verteidigen», mit dem Steak-Messer in den Oberarm seines Mitbewohners stach.

«Gezielt», wie er betonte. «Wie geht das während eines Gerangels?», hakte der Gerichtspräsident nach. «Ich habe Eishockey gespielt», so die Antwort des 20-Jährigen. Richter: «Und dort lernt man, in den Arm zu stechen?» Schnell zu reagieren, erwiderte der Beschuldigte.

Die Messerattacke hinterliess eine vier Zentimeter tiefe Wunde. Eine Verletzung, die das Opfer heute nicht mehr behindert. «Dass es nicht zu einer lebensgefährlichen Verletzung kam, ist nur dem Zufall zu verdanken», führte der Staatsanwalt aus.

Denn hätte er das Opfer an der nahegelegenen Armschlagader getroffen, so wäre das Opfer infolge von erheblichen Blutverlusten schwer oder gar tödlich verletzt worden. Der Staatsanwalt fordert eine unbedingte Freiheitsstrafe von 24 Monaten. Wegen mehrfacher versuchter schwerer Körperverletzung.

Der Verteidiger hingegen sprach von Notwehr und verlangt einen Freispruch. Zudem sei sein Mandant unverzüglich aus der Haft zu entlassen, in der er seit 13 Monaten sitzt. Das Urteil ist noch offen. Bis zum rechtskräftigen Urteil gilt die Unschuldsvermutung.

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