Berikon
Mann landet nach Zwist zweier Kinder im Spital

Wenn Erwachsene ihre Kinder beschützen, können sie gar gewalttätig werden – so geschehen kürzlich in Berikon. Psychiater Josef Sachs erklärt, wie es zu solchen Überreaktionen kommen kann.

Tim Honegger
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Auf diesem Spielplatz begann die Auseinandersetzung zwischen den Erwachsenen M. (50) und J. (60).

Auf diesem Spielplatz begann die Auseinandersetzung zwischen den Erwachsenen M. (50) und J. (60).

Tim Honegger

Berikon, 18. August: Auf dem Spielplatz Chörenmatt droht Ungemach. Der 10-jährige Sohn des Treuhänders J. schlägt mit seiner Schaufel ein gleichaltriges Mädchen. Der wachsame Onkel des Mädchens, Jelmoli-Vizedirektor M., interveniert und zerrt den Störenfried vom Spielplatz weg. Dann eskaliert die Situation, von deren Verlauf es zwei Versionen gibt. Treuhänder J. gibt bereitwillig Auskunft, während Vizedirektor M. keine Stellung nehmen will.

Version von J.: «Ich sah, wie M. meinem Sohn auf dem Spielplatz bedrohlich folgte und offenbar davor stand, ihn zu ergreifen. Daraufhin pfiff ich zweimal. M. blieb stehen, worauf ich ihm zurief, sich an mich zu wenden, wenn er meinem Sohn etwas mitteilen wolle. Dann ergriff M. meinen Sohn sehr grob an der Schulter und schob ihn demonstrativ vor sich hin. Als ich das sah, lief ich M. entgegen, bis wir einander direkt gegenüberstanden. Dann teilte ich ihm nochmals in aller Ruhe mit: ‹Wenn Du ein Problem mit meinem Sohn hast, sag es mir einfach.› ‹Deinen Buben werde ich schon noch züchtigen!›, antwortete er. Ich darauf: ‹Aber Deine Mädchen würde ich niemals anfassen.› Darauf er: ‹Wenn Du eines meiner Mädchen anfasst, schlage ich Dir den Kopf ab!› Nach dem Wortwechsel drehte ich mich um. Da ergriff mich M. von hinten, würgte mich, drückte mir gleichzeitig sein Knie in den Rücken und warf mich zu Boden. Ich schnappte nach Luft, war ab dann nicht mehr in der Lage, auch nur einen Laut zu äussern und verlor schliesslich das Bewusstsein. Irgendwann später gesellte sich der Bruder der Lebenspartnerin von M. dazu und schlug mir in Karate-Manier mit einem Fuss in den Brustkasten und mit einem ins Gesicht. Nachher kam noch ein Faustschlag ins Gesicht. Zum Glück kamen mir Nachbarn zu Hilfe, was wohl Schlimmeres verhinderte. Wegen sehr starker Schmerzen verbrachte ich die Nacht im Spital. In der darauffolgenden Woche konnten meine beiden verängstigten Buben vor Aufregung kaum schlafen.» So weit die Version des 60-jährigen Treuhänders.

Version von M.: Als er den Buben zu J. gebracht habe, habe dieser ihn verbal auf primitivste Weise angegriffen. «Wir standen Nase an Nase. Ich hielt mich lange zurück. Doch als er behauptete, meine Frau betrüge mich, während ich bei der Arbeit sei, war das zu viel», sagte M. gegenüber ‹Blick› und ‹20minuten›. Dieser Affront brachte das Fass schliesslich zum Überlaufen. «Ich wollte ihm klarmachen, dass man so etwas nicht sagt. Also drückte ich ihn zu Boden und hielt ihn im Würgegriff fest. Einen Moment lang konnte ich mich nicht kontrollieren, das tut mir leid. Aber ich habe J. sicher nicht geschlagen.» Dies die Sicht des Jelmoli-Managers auf das Geschehen. Er erwägt eine Strafanzeige einzureichen – wegen Ehrverletzung und Missachtung elterlicher Pflichten. Für eine Stellungnahme gegenüber der «Schweiz am Sonntag» war M. nicht erreichbar.

Sicher ist Folgendes: Die Regionalpolizei Bremgarten rückte an besagtem Sonntagabend mit zwei Patrouillen aus – der Notruf dazu kam von J. Nach der polizeilichen Befragung begab sich J. zur Kontrolle ins Spital.

Der Vorfall wird ein rechtliches Nachspiel haben: J. reichte eine Strafanzeige gegen M. wegen Körperverletzung ein. Eine Anzeige von Amtes wegen ist kaum zu erwarten – so die Einschätzung von Roland Pfister, Mediensprecher der Kantonspolizei Aargau. «Ausschlaggebend wird das medizinische Gutachten sein, das zurzeit noch nicht vorliegt.»

Der forensische Psychiater Josef Sachs.

Der forensische Psychiater Josef Sachs.

EMANUEL PER FREUDIGER

Sachs vergleicht das Phänomen von streitenden Eltern (oder Onkeln) mit Fussballfans. «Sie schlagen sich auch abseits des eigentlichen Schauplatzes die Köpfe ein – das sind quasi Stellvertreter-Konflikte, bei denen die ursprünglich Streitenden gänzlich ausgeklammert werden.» Im Gegensatz zum Fussball seien bei elterlichen Streithähnen Männer und Frauen gleichermassen beteiligt, nur mit verschiedenen Mitteln: «Männer wenden eher körperliche Gewalt an oder schalten ihre Anwälte ein – genau, wie das hier der Fall zu sein scheint. Frauen tendieren eher dazu, verbal zurückzuschlagen, und kennen dort keine Grenzen mehr.» Grundsätzlich sei dieser Einsatz für die Kinder lediglich eine «pervertierte Art, die Liebe zum Kind zu demonstrieren».

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