Serie Asylzentrum, Teil 4
Manchmal müssen Seelsorger auch Träume zerstören

Jaime Armas und Maire Eve Morf geben Asylsuchenden Hoffnung. Am wichtigsten sei, dass sie den Asylsuchenden zuhören und auch mal mit ihnen reden könnten.

Roger Wetli
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Jaime Armas und Maire Eve Morf versuchen den Asylsuchenden zu helfen, wenn sie einen Plan B brauchen. Sandra Ardizzone

Jaime Armas und Maire Eve Morf versuchen den Asylsuchenden zu helfen, wenn sie einen Plan B brauchen. Sandra Ardizzone

Sandra Ardizzone

Jaime Armas und Maire Eve Morf wirken entspannt, wenn sie über ihre Arbeit als Seelsorger sprechen. Ab und zu sind sie zwar ernst und nachdenklich, dann aber wieder voller Zuversicht.

Beide strahlen viel Lebenserfahrung aus. «Die Asylsuchenden kommen mit grossen Träumen in die Schweiz. Sie hoffen, hier schnell eine Arbeit und eine Wohnung zu finden», erzählt Maire Eve Morf.

Jame Armas ergänzt: «Die meisten haben keine Ahnung von der eigenen Situation. Zum Beispiel kennen viele unser Alphabet nicht oder wissen nicht, dass sie die Schweiz vermutlich wieder verlassen müssen.» Ihre Aufgabe sei es dann, den Migranten das System und die Realität aufzuzeigen. «Wir zerstören diese Träume, um ihnen anschliessend neue, umsetzbare Wege vorzuschlagen», so Morf. «Viele haben sich keinen Plan B überlegt. Wir regen diesen an.»

Fünfteilige Serie

2013 eröffnete im Reussstädtchen Bremgarten das Bundeszentrum für Asylsuchende. Die az beleuchtet in einer fünfteiligen Serie, welche Auswirkungen das Asylzentrum hat.

Ein offenes Ohr

Am wichtigsten sei, dass sie den Asylsuchenden zuhören und auch mal mit ihnen reden könnten. Dabei erfahren die Seelsorger von den verschiedenen Lebensgeschichten. «Ein Ehepaar ist mit zwei kleinen Kindern aus Eritrea in die Schweiz geflohen», weiss Armas. «Die beiden älteren Kinder haben sie bei der Grossmutter zurückgelassen. Diese liegt nun im Sterben.» Viele Familien würden ihre Kinder auch alleine auf die Flucht schicken, damit diese in einem anderen Land eine Ausbildung geniessen könnten. «Ein Afghane, der mit seinem Kind hier war, hat sich überlegt, selber wieder zurückzugehen und sein Kind alleine hier zu lassen. Damit wollte er dessen Chance für ein besseres Leben erhöhen», erzählt Marie Eve Morf. «Im Gespräch konnten wir ihn von seinem Vorhaben abringen.»

Neben dem Zuhören gehören noch ganz andere Arbeiten zum Pflichtenheft der beiden Seelsorger. So stellen sie Kontakte zwischen Verwandten der Asylsuchenden innerhalb der Schweiz her, organisieren Kleider- und Spielzeugsammlungen in den umliegenden Gemeinden und ermuntern vor Weihnachten die Angehörigen der Kirchgemeinden, Schale zu stricken. Ein wichtiges Standbein ist aber auch der direkte Kontakt zwischen den Einheimischen und den Asylsuchenden. So öffnen sie jeweils am Mittwoch von 14 bis 16 Uhr ein Kaffee in der Fohlenweid für die direkte Begegnung.

Kleine Tipps und Facebook

Jame Armas und Marie Eve Morf sehen sich als Bruder und Schwester des Augenblicks. «Wenn wir helfen können, müssen wir das sehr schnell», sagt Morf. «Denn am nächsten Tag kann die entsprechende Person bereits weitergeschickt worden sein.»

Ihre eigene Motivation schöpfen die beiden Seelsorger auf verschiedene Arten. «Ich versuche im Privaten einen Ausgleich zu finden und mir selber die Hoffnung aufrechtzuerhalten, dass ich etwas bewegen kann», erklärt Morf ihren Weg. Jame Armas dagegen schöpft seine Motivation aus dem Gefühl, den Leuten etwas mitgegeben zu haben. «Es sind teilweise kleine Tipps und die Zusicherung, dass sie sich über Facebook jederzeit bei mir melden können». Dafür habe er extra ein eigenes Facebook-Konto eröffnet.

Der Kontakt bleibe anfangs oft noch bestehen, bis er plötzlich abbreche und die Rückmeldungen seltener werden. Erst kürzlich habe aber jemand geschrieben: «Ich bin in Italien, habe einen kleinen Job und mir geht es gut.»

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