Freiamt
Man fährt lieber nach Deutschland – Secondhand-Läden leiden darunter

Das Onlineangebot bedroht die einzigen Läden im Freiamt mit Kleidern aus zweiter Hand.

Melanie Burgener
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Die Idee von Walk-In Closet, nicht mehr passende Kleider untereinander auszutauschen, gefällt den Freiämtern.

Die Idee von Walk-In Closet, nicht mehr passende Kleider untereinander auszutauschen, gefällt den Freiämtern.

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Sucht man im Internet nach Secondhand Shops im Freiamt, fällt auf, dass es dieses Angebot vor allem für Kinder, selten aber für Erwachsene gibt. Genauer gesagt, die beiden Secondhand-Geschäfte in Wohlen sind die einzigen im ganzen Freiamt. Eines davon ist «Secondhand Marianne» an der Zentralstrasse 20.

Anita Pitsch führt das Geschäft seit 16 Jahren und hat davor schon bei ihrer Vorgängerin, der Gründerin des Ladens, gearbeitet. Sie musste feststellen, dass sich das Geschäft stark verändert hat: «Heute kaufen die Leute ihre Kleidung online. Viele gehen auch nach Deutschland, dort finden sie zwei Kleidungsstücke für den Preis, den sie hier für eines bezahlen.»

Wohlen: Die Bleichi wird zum Kleiderschrank

Unter dem Motto «tauschen statt kaufen» will das Projekt Walk-In Closet Schweiz auf die globalen Folgen von häufigem Kleiderkonsum aufmerksam machen. Mit Kleidertauschbörsen an verschiedenen Standorten der Schweiz wollen sie eine Alternative aufzeigen.

Kleider, die einem nicht mehr passen oder einfach nicht mehr gefallen, nicht einfach wegwerfen, sondern gegen etwas Neues eintauschen – ein Projekt, das auch im Freiamt Gefallen findet. Aus diesem Grund organisiert das ehrenamtliche Team am kommenden Sonntag erneut eine Tauschbörse in Wohlen.

Das System ist ganz einfach: Mit einem Fünfliber und maximal zehn sauberen Kleidungsstücken, Taschen, Schuhen oder Accessoires in gutem Zustand kann man in den riesigen Kleiderschrank in der Bleichi eintreten und ihn später mit maximal zehn Stücken wieder verlassen. Wer fündig wird, hat die Möglichkeit, im Nähatelier vor Ort die neuen Errungenschaften für einen kleinen Beitrag selber aufzupeppen.

Auf die Qualität werde dabei wahrscheinlich selten geachtet. Pitsch vermutet, dass es vor allem den jüngeren Generationen egal sei, wenn sie ein Kleidungsstück, nach wenigen Malen tragen, entsorgen müssen. «Hauptsache, es ist günstig. Jeder will einen Rolls-Royce haben, aber nur einen Fiat bezahlen.»

Auch die Lieferanten fehlen

Anita Pitsch kann sich vorstellen, dass bei vielen, die nicht mit Secondhandkleidung aufgewachsen sind, eine Hemmschwelle vorhanden ist. So lebt ihr Geschäft hauptsächlich von Stammkunden. Eine ältere Dame stimmt ihr, zwischen den Kleiderständern hervor, zu: «Ich kaufe hier seit über 20 Jahren ein.» Aber nicht nur die Kunden fehlen, sondern auch die Lieferanten.

Die Geschäftsführerin hat schon erlebt, dass Leute ihre Artikel wieder mitgenommen haben, um diese im Internet zu verkaufen. Dort können sie den Verkaufspreis selber bestimmen und die ganzen Einnahmen behalten. «Wer seine Kleidung bei mir verkauft, bekommt 50% des Geldes. Ich muss damit noch die Miete und die Bearbeitungsgebühren bezahlen. Das sehen viele nicht.» Es gäbe jedoch immer noch Leute, die hochwertige Kleider, die einmal viel Geld gekostet haben, zum Verkauf zu Pitsch bringen.

Etwas anders tönt es an der Bahnhofstrasse im Secondhandshop der Organisation Caritas. Die stellvertretende Geschäftsführerin Rosaria Franco ist sehr zufrieden, wie das Geschäft momentan läuft: «Viele Kunden sind froh, dass es diese Verkaufsstelle hier in Wohlen gibt. Im Gegensatz zu Anita Pitsch kann sich Franco nicht erklären, weshalb es so wenige Kleiderbörsen für Erwachsene in der Umgebung gibt.

Der Erlös des gespendeten Sortiments wird an die freiwillige Sozialberatung weiter gegeben. Immer wieder schicken Sozialdienste und Beratungsstellen Kunden an die Verkaufsstelle in Wohlen. «Unsere Kundschaft kommt jedoch aus allen sozialen Schichten», hält Rosaria Franco fest.