Mafia
Mafia-Prozess: Ursprung im Freiamt, bis 100 Millionen Franken Schaden

Die Bundesanwaltschaft klagt 13 Personen wegen Drogenschmuggel, Waffenhandel und Geldwäscherei an. Die Anklage steht im Zusammenhang mit einer Finanzgesellschaft in Berikon. Mit ihr wurden 1700 Personen um bis 100 Millionen Franken geschädigt.

Christian Bütikofer
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Mafia-Prozess: Alles begann in Berikon
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 Nach Italien geflüchtet, Hund «Akita» in Kloten gelassen: Salvatore Paulangelo hatte es 2003 plötzlich ganz eilig.
 Vom Automech zum Finanzspezialisten: Salvatore Paulangelo legte eine steile Karriere hin.
 Alfonso Z.: In der Schweiz wohnhaft, in Italien angeklagt. Z. war eine der Hauptfiguren hinter WFS/PFS.
 Die Hausnummer der World Financial Services Ltd in Zürich. Hier wurden täglich 1,2 Millionen Franken gewaschen.
 Hauptangeklagter in der Schweiz: F.A.
 Im Gefängnis Saxenriet lernten sich F.A. und Alfonso Z. kennen. A. soll Z. in die Mafia-Familie Ferrazzo eingeführt haben.
 Gerardo Cuomo: Auch die Wege des Zigaretten-Grossschmugglers hatten sich mit Alfonso Z. schon gekreuzt.
 Die PP Finanz Service GmbH residierte im gleichen Haus wie andere Paulangelo-Firmen.
 Salvatore Paulangelo mischte in diversen Firmen mit.
 Das Gebäude an der Badenerstrasse 621 in Zürich, wo die World Financial Services AG ihren Sitz hatte.
 Von aussen sieht alles ganz sauber aus - innen wurden schmutzige Gelder an der Buchhaltung vorbeigeschleust.
 Mit einem Audi RS6 fuhr Salvatore Paulangelo am liebsten vor.

Mafia-Prozess: Alles begann in Berikon

Keystone

Am 18. August 2003 wartete Hündin «Akita» vergebens auf die Rückkehr ihres Herrchens. Salvatore Marco Paulangelo (48) kehrte aus seinen Italien-Ferien nicht mehr ins aargauische Berikon zurück, die Hündin liess er im Tierheim zurück.

Nicht nur Akita wartete sehnlichst auf Paulangelo, auch diverse Kunden seiner PP Finanz Service GmbH (PFS) mit Sitz in Berikon wollten den «äusserst gut gekleideten» in der Schweiz aufgewachsenen Italiener sehen. In Berikon galt der gelernte Automechaniker als erfolgreicher «Banker» und war als Hobby-Pilot Mitglied im Aero-Club Aargau.

Mit der PP Finanz und seiner Parallelfirma World Financial Services AG (WFS) sammelte Paulangelo mit seiner Crew und Vertrieblern bei rund 1700 Anlegern aus Deutschland, Österreich, Schweiz und Italien zwischen 80 und 100 Millionen Franken ein - mit einem Empfehlungsschreiben der UBS. Den Anlegern wurden lukrative Investments im Devisenmarkt (Forex) mit sagenhaften Renditen angeboten.

Seit dem Beginn 1995 wollte Paulangelo traumhafte Jahresrenditen zwischen 21 und 58 Prozent erwirtschaftet haben. Bis im Juli 2003 konnten die Kunden auch immer wieder Gelder abziehen, WFS/PFS traten gegenüber den Anlegern wie eine Bank auf und verschickten monatlich Kontoauszüge mit den regelmässigen «Gewinnen».

Doch den Firmen fehlten bereits 2003 Millionenbeträge, Paulangelo wusste genau, wie schlecht es um die WFS/PFS stand. Seine Flucht nach Italien plante er gewissenhaft, liess den Hausrat von Berikon nach Italien abtransportieren und versuchte die Liegenschaft zu verkaufen. Als die Polizei Anfang September 2003 seine Wohnung stürmte, fand sie das Haus leergeräumt vor.

Salvatore Paulangelo war bereits in den 90er-Jahren als Kundenvermittler für ein Firmenkonglomerat rund um die Zuger Creative Finance AG/Devco Trade AG aktiv. Die Gesellschaften gehörten dem Spanier Carlos Sevilleja; mit ihnen sammelte die Bande bei über 400 Anlegern rund 44 Millionen Franken ein, am Ende entpuppte sich das Anlagemodell als Betrugsmasche. Erst 2009 kam es zur letzten rechtskräftigen Verurteilung. Der vom Untersuchungsrichter als «Haupttäter» benannte Sevilleja kam davon, er floh mit einem Privatflugzeug nach Nizza.

In diesem Umfeld also eignete sich Salvatore Paulangelo das nötige Wissen für seine Abenteuer mit WFS/PFS an. Einige Jahre zuvor war Paulangelo schon einmal wegen Vermögensdelikten verurteilt worden: Er und seine Crew hatten Luxuskarossen als gestohlen gemeldet, jedoch in Wahrheit in Süditalien verkauft.

Seit 2002 auf Radar der Antimafia-Behörde

Als die Kunden von Paulangelos WFS/PFS im Herbst 2003 bei ersten Anzeichen auf Anlagebetrug langsam nervös wurden, wussten sie erst die Hälfte: Die italienische Antimafia-Behörde «Direzione Investigativa Antimafia» (DIA) bat ihre Schweizer Kollegen bereits Ende 2002 um erste Abklärungen. Die Italiener hegten den Verdacht, dass mittels der WFS/PFS Millionenbeträge für den 'Ndrangheta-Clan Ferrazzo aus dem kalabrischen Bergdorf Mesoraca (Provinz Crotone) gewaschen wurden.

Im August 2004 wurde der in der Schweiz lebende Alfonso Z. (43) am Flughafen Zürich festgenommen. Die italienischen Antimafiabehörden vermuteten ihn im Umfeld des Ferrazzo-Clans. Das Bundesstrafgericht hielt fest, dass es «klare Hinweise auf intensive telefonische und persönliche Kontakte zu anderen Spitzenvertretern der Organisation» gegeben habe.

Koffern voller Bargeld aus Kalabrien

Ab 2001 war Z. ebenfalls in Salvatore Paulangelos WFS/PFS aktiv. So vertrat er die Firmen etwa gegenüber Banken und unterwies die Angestellten zur Verteilung der Kundengelder. Einige Mitarbeiter fühlten sich von ihm ernsthaft bedroht. Er hatte Kontakt mit seltsamen Kunden in Italien und transferierte Millionen Franken zwischen Italien und der Schweiz auf Konti des Anwalts Giuseppe Melzi.

Mehrere Ex-Mitarbeiter von WFS/PFS berichteten, Z. habe sich als Herr im Hause aufgeführt, zudem habe er Paulangelo unter Druck gesetzt und faktisch das Ruder übernommen, was Ermittlungen später bestätigten.

Regelmässig sind WFS/PFS-Mitarbeiter nach Kalabrien geflogen und mit Koffern voller Bargeld zurückgekehrt - Hauptkontakt war Z. Die Banknoten wurden anschliessend in einen Safe gesperrt und nicht ordentlich verbucht, erklärte Paulangelos damalige Sekretärin. Immer mal wieder tauchten in den Räumlichkeiten der WFS/PFS zu später Stunde auch bewaffnete Gestalten auf.

Verurteilter Ex-Betrüger in der Firma

Zigaretten-König Gerardo Cuomo

Kleines Detail: Grossunternehmer in Sachen Zigarettenschmuggel und mutmasslicher Camorra-Verbindungsmann (Mafia Neapels) Gerardo Cuomo (64) versuchte noch 1999/2000 die Rückgabe eines Teils der UBS-Beute (10 Millionen Franken) aus Monaco zu verhindern.

1992 erhielt Gerardo Cuomo trotz Vorstrafen eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung. Er schmuggelte während Jahren Milliongen Stangen Zigaretten aus Montenegro nach Italien; in der Schweiz wurden die illegalen Profite weiss gewaschen.

2001 wurde Cuomo im Tessin wegen passiver Bestechung eines Richters verurteilt und nach Italien abgeschoben. Dort verurteilte ihn ein Gericht in Bari 2004 erstinstanzlich wegen Mafia-Zugehörigkeit zu über sieben Jahren Gefängnis. Er legte Rekurs ein und hatte 2008 in zweiter Instanz Erfolg - die Mafia-Zugehörigkeit wurde verneint. Doch die Staatsanwaltschaft liess sich das nicht gefallen und zog das Urteil weiter zum Obersten Kassationsgerichtshof, dem obersten Gericht Italiens. Das wiederum hob den Freispruch 2009 auf, nun muss sich die zweite Instanz erneut mit dem Fall beschäftigen.

Wieder in Freiheit, widmete sich Alfonso Z. nicht nur der Firma Paulangelos sondern machte sich in Spanien ins Finanzvermittlungs- und Gastrogeschäft auf. Im italienischen Sardinien investierte er in Immobilien.

Während Alfonso Z. seine Strafe im Gefägnis Saxenriet/SG verbüsste, lernte er dort F. A. kennen. A. stammt aus Mesoraca, hat dort Verwandte und wurde 1998 wegen Drogenhandels in der Schweiz zu 5,5 Jahren Haft verurteilt. Er führte mit einem seiner Cousins Kokain aus Kolumbien ein und liess es in der Region von Lugano durch Jugendliche aus Mesoraca verkaufen.

Während seiner Drogendeals führte A. in Lengnau/AG ein Restaurant; er wurde in der Schweiz eingebürgert. Mit Z. führte A. 2003 auf den Kanarischen Inseln ein Restaurant.

Von der italienischen Antimafia-Behörde wird A. verdächtigt, zum Ferrazzo-Clan seines Dorfes Mesoraca zu gehören, unter anderem habe er Alfonso Z. dort eingeführt. Im Frühling 2004 erliess die für Mesoraca zuständige Staatsanwaltschaft Catanzaro einen Haftbefehl gegen A. Die Strafverfolgungsbehörden werfen A. vor, für die 'Ndrangheta in der Schweiz den Import von Heroin und Kokain organisiert zu haben.

Gegen A. und zwölf weitere Verdächtige hat jetzt auch die Bundesanwaltschaft (BA) vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona Anklage wegen Beteiligung/Unterstützung einer kriminellen Organisation, Geldwäscherei, Drogenhandels und Waffenschmuggels erhoben. Nach fast drei Jahren Untersuchungshaft wurde A. 2007 auf Kaution freigelassen. Heute wirtet er in einem Zürcher Restaurant.

In Italien wurde A. in erster Instanz wegen Mafia-Zugehörigkeit verurteilt. In zweiter Instanz wurde er davon wieder freigsprochen, nun ist As. Fall vor dem Obersten Kassationsgerichtshof in Rom hängig.

Schweizer-Verfahren eng mit Italien verknüpft

Die BA sieht A. als Kopf einer Organisation an, die mit dem Ferrazzo-Clan zusammenarbeitete. Die Geldwäschereivorwürfe im Umfang von 15 Millionen Franken stehen im Zusammenhang mit den Verstrickungen von Salvatore Paulangelos WFS/PFS.

Denn nach seiner Flucht aus Berikon sorgte er in Italien weiter für Aufsehen. Mit seinem anthrazitfarbenen Audi RS6 und Zürcher Kontrollschild kurvte er in der sardischen Hafenstadt Olbia herum, hauste in einer teuren Villa - die er sich 2002 bauen liess - und holte auch seine geliebte Hündin «Akita» von Kloten in den Süden. Auch mit einem Motorflugzeug hob er wieder ab, im Aargau aber liess er sich nie mehr blicken.

Von den WFS/PFS-Geldern zwischen 80 und 100 Millionen Franken fanden die Schweizer Untersuchungsbehörden nur noch drei Millionen Franken. Dem standen 30 Millionen Franken Forderungen der Gläubiger gegenüber.

Pro Woche 1,2 Millionen Franken gewaschen

Mitte Januar 2008 erliess die Staatsanwaltschaft Mailand neun Haftbefehle.

Die Finanzgesellschaften WFS/PFS hätten dabei eine zentrale Rolle gespielt. Um den Anschein legaler Geschäfte vorzutäuschen, hätten die WFS/PFS-Verantwortlichen tatsächlich Millionenbeträge bei Anlegern eingesammelt und in Devisengeschäfte investiert. Der Hauptzweck der Firmen sei jedoch die Geldwäsche gewesen. Laut dem Haftbefehl (siehe Dokument) wurden damit allein aus dem Drogenhandel wöchentlich 1,2 Millionen Dollar in Zürich gewaschen

Beteiligung am «El Cubanito»

Aus den Akten geht auch hervor, dass die WFS/PFS dem damals bekannten Zürcher Ausgehlokal «El Cubanito» 1,2 Millionen Franken lieh. Dies, obwohl der Club kein normaler Kunde der Firmen war. Die Strafverfolgungsbehörden vermuten, damit hätten die mutmasslichen Mafia-Finanziers in der Zürcher Gastroszene Fuss fassen wollen.

Diese Hypothese wird einerseits damit gestützt, dass Mafia-Clans bevorzugt im Gastrobereich investieren, andererseits hörten die Beamten Gespräche zwischen Z. und A. ab, die belegten, dass sie sich oft über Gastro-Investments unterhielten.

In einem abekürzten Verfahren, das ein Teilgeständnis voraussetzt, wurde Salvatore Paulangelo 2009 in Italien wegen betrügerischen Konkurses der WFS/PFS zu sechs Jahren Haft verurteilt - das Verdikt ist noch nicht rechtskräftig. Als Drahtzieher hinter den betrügerischen Konkursen sehen die italienischen Strafbehörden Z. Sein Prozess läuft noch immer, er bestreitet jede Schuld.