Theater Bremgarten

Macht, Korruption und Liebe – ein Drache als Spiegelbild einer traurigen Realität

Elsa (Fabienne Meier) wird vom ersten Drachen (Erich Borner) bedrängt, unter kritischen Blicken ihres Vaters (Nik Meyer).

Elsa (Fabienne Meier) wird vom ersten Drachen (Erich Borner) bedrängt, unter kritischen Blicken ihres Vaters (Nik Meyer).

Kellertheater Bremgarten inszeniert Jewgeni Schwarz’ Märchenstück «Der Drache» – und heizt ihm mit Rock ein.

Ach, war das früher noch schön einfach: Eine holde Maid wird von ihrem gramgebeugten Vater (idealerweise ein König) an einen Felsen gekettet, damit sich ein grässlicher, feuerspeiender Drache an ihr bedienen kann.

Kurz vor grausem Vollzug prescht dann aber der tollkühne Retter in glänzender Rüstung herbei, erlegt den bösen Lindwurm mit Pike und/oder Schwert, befreit die Jungfrau und hebt sie auf seinen Schimmel, zwecks umgehender Heirat mit Glückseligkeitsgarantie bis an ihrer beider Ende.

Als die Welt zu Beginn und Mitte des 20. Jahrhunderts von ein paar Grössenwahnsinnigen auf den Kopf gestellt wurde, da veränderte sich auch das Bild des Märchendrachens und derer, die ihm eigentlich den Garaus machen sollten.

Der russische Schriftsteller Jewgeni Schwarz hat 1943 seine Beobachtungen zu den Vorgängen im Dritten Reich und zum Leben in Russland unter Stalin als Theaterstück zu Papier gebracht. Überschrieben hat er diese Parabel über Macht, Korruption und Liebe als «Märchenstück in drei Akten».

Düster-bedrohliche Stimmung

Die Märchenfiguren sind altbekannt, inklusive Katze und Esel als vermenschlichte Charakterspiegel. Aber in Schwarz’ Stück sind es die Bürger, der Archivar und seine Tochter, der Bürgermeister und sein Sohn, die den Ton angeben, keine Adligen.

Auch der Drache selbst erscheint nicht als spitzzahniges Monster mit Schuppenpanzer, sondern in Form von drei einzelnen Charakteren, die je einem seiner drei Köpfe entsprechen. Dieser Vorgabe aus der Zeit des Sozialistischen Realismus sind Simon Ledermann (Regie) und Christov Rolla (Musik) in ihrer Bearbeitung des Stücks gefolgt und haben ein Mundart-Märchen inszeniert, das in seiner düster-bedrohlichen Grundstimmung das Lachen über so manch groteske Szene im Hals steckenbleiben lässt.

Grotesk ist der Held namens Lanzelot, den keiner will, weil sich die Bürger mit ihrem Drachen recht gut arrangiert haben. Grotesk ist es auch, wenn die Jungfrau sich lieber dem Drachen hingibt, als sich von Lanzelot retten zu lassen.

Und noch grotesker wird’s, wenn der Drache keine Lust aufs Kämpfen hat. Als Lanzelot sich anerbietet, den Drachen zu töten, um die Tochter des Archivars, Elsa, zu retten, sagt deren Vater: «Glauben Sie mir, ein eigener Drache ist immer noch der beste Schutz gegen fremde Drachen.»

Wie ironische Sahnehäubchen wirken auf solchen Szenen die Blues-Rock-Songs alter Schule, die Christov Rolla mit seiner sechsköpfigen Band begleitet. Jede Hauptfigur hat ihr Lied. Auch zwischen den Szenen umspielt die erdige Musik das Geschehen auf der Bühne.

Kommentierende Rocksongs

«Die Lieder transportieren aber keine Inhalte», erklärt Simon Ledermann, «sie sind mehr kommentierend gedacht. Wir wollen aus dem Stück ja kein Musical machen.» Seit einem halben Jahr proben die 15 Schauspieler und 6 Musiker des Kellertheaters Bremgarten an dieser Eigeninszenierung ihrer 52. Spielzeit.

Wer eine der 15 geplanten Aufführungen miterleben will, tut gut daran, seine Plätze beizeiten zu reservieren. Die Erfahrungen aller bisherigen Spielzeiten haben gezeigt, dass die Produktionen des Vereins Kellertheater vom Publikum sehr begehrt sind und zu ausverkauftem 2. Stock führen.

Weitere Informationen, alle Spieldaten und Reservationen unter: www.kellertheater-bremgarten.ch

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