Die grossen Überraschungen an den Einwohnerratssitzungen in Wohlen sind selten. Meistens haben sich die Parteien schon an ihren Fraktionssitzungen mit den Sachgeschäften intensiv auseinandergesetzt und auf eine Meinung festgelegt. Davon erfahren jeweils auch die anderen Fraktionen, und so ist das, was an den Sitzungen abgeht, vielfach nur ein bisschen Geplänkel für die Zuschauer auf der Tribüne im Casino oder Stoff für die Presse. Die Öffentlichkeit soll ja schliesslich erfahren, weshalb man für oder gegen eine Vorlage gestimmt hat.

Das ist richtig so. Auch wenn die Fraktionsmeinungen und persönlichen Erklärungen oft (zu) ausführlich formuliert werden und sich die Einwohnerratsitzungen gelegentlich (zu) lange hinziehen. Wäre es anders, könnte man das Parlament per Mail abstimmen lassen und die Sitzungen sparen. Immerhin gibt es doch ab und an wieder Geschäfte, zu denen die Meinungen nach ausführlichem Abwägen erst im Casino gemacht werden. Ab und an. Am Montag nicht. Wohl alle im Saal hätten schon zum Beginn der Sitzung die Zahnprothese ihrer Grossmutter darauf verwettet, dass der Nachtragskredit für die Steuerverwaltung ebenso gutgeheissen werden würde wie die beiden Landverkäufe.

Und so kam es. Dennoch hat die Sitzung mit der kurzen Traktandenliste über zwei Stunden gedauert (AZ vom 28. August). Es lag nicht am Legislaturprogramm des Gemeinderates, das allgemein gelobt und zur Kenntnis genommen wurde. Und es lag auch nicht am Nachtragskredit, der schlank und schnell passierte, obwohl man dazu durchaus ein paar kritische Fragen hätte stellen können.

Harry Lütolf, der Präsident der CVP, hat kritisch gefragt und dabei den Gemeinderat der Trickserei bezichtigt. Das war nicht ganz die feine Art, zumal die Behörde mit offenen Karten gespielt hat. Sie hätte ja, wie es früher vielfach üblich war, auch die 45'000 Franken bewilligen und erst in der Rechnung ausweisen können. Lütolf hat leider nicht gefragt, ob denn der temporär auf der Steuerverwaltung angestellte Fachmann nicht noch mehr als die 45'000 Franken verdiene und wie denn der allfällige Restbetrag finanziert werde. Damit hätten er und seine CVP sicher punkten können.

Ebenfalls in die Oppositionsrolle schlüpfte die CVP, die mit zwei Mitgliedern im Gemeinderat im Vergleich zu ihrem stark geschrumpften Wähleranteil überproportional vertreten ist, beim Geschäft zum Landverkauf an der Bremgarterstrasse. Man durfte hier durchaus kritische Fragen zum ausgehandelten Verkaufspreis stellen, wie es auch andere Fraktionen gemacht haben. Was sich jedoch die CVP bei diesem Geschäft geleistet hat – dafür müsste ein Kindergärtler wohl ohne Znacht ins Bett. Sie stellte vorgängig beim Ratspräsidenten einen Rückweisungsantrag in Aussicht und liess den Fraktionssprecher dann erklären: «Nein, nein, den stellen wir erst, wenn wir sehen, wie sich die Debatte entwickelt.» Als ob das nicht abzusehen gewesen wäre.

Es kam dann auch wie erwartet, in der Diskussion zeichnete sich die grossmehrheitliche Zustimmung des Rates deutlich ab. Dennoch reichte die CVP ihren Rückweisungsantrag ein, ganz nach dem Trötzli-Motto: «Ihr müsst gar nicht meinen.» Sie erlitt damit deutlich Schiffbruch, auch mit dem danach eingereichten Zusatzantrag. Clou des Abends war die Schlussabstimmung: Die Mehrheit der CVP-Fraktion stimmte dem Geschäft dann doch zu.

Was bezweckt die einst staatstragende Partei mit solchen Aktionen? Will sie sich ins Rampenlicht bringen, koste es, was es wolle? Glaubt sie, mit dem einstigen SVP-Erfolgsrezept: «Hauptsache, es wird über uns gesprochen und geschrieben, egal wie», verlorene Wähler zurückholen zu können? Macht sie Opposition um der Opposition willen? Man tut der CVP sicher Unrecht, wenn man sie an der verunglückten Montagsdebatte misst. Doch: Es war nicht das erste Mal.